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Neal Stephenson
Cryptonomicon

1999
DM 55,19


amazon.de

 

 

Von Till Westermayer am 05.02.2000

  Stephensons "Cryptonomicon" kommt mit einer ganzen Menge an Erwartungen daher. Stephenson ist mit "Snow Crash" und "The Diamond Age" als dem Cyberpunk nahestehender SF-Autor bekannt geworden. Im Titel des Werkes schwingen Kryptographie und andere Geheimnisse mit, und schwarz und auch als Taschenbuch an Seiten umfangreich scheint das Cryptonomicon selbst ein geheimnisvolles und spannendes Buch zu sein. Leider werden die meisten dieser Erwartungen enttäuscht.
  Das Cryptonomicon ist keine SF, sondern könnte vielleicht am ehesten noch als Thriller durchgehen. In seinen SF-Werken kamen ab und zu unrealistische Übertreibungen vor - da haben sie auch hingepasst. Im Cryptonomicon wirkt es seltsam fehl am Platz, wenn Leute trotz unglaublichster Gefährdungen einfach nicht sterben wollen, wenn Helden des 2. Weltkriegs eigenhändig ganze Legion umbringen, obwohl sie seit Tagen nichts mehr gegessen haben und von Fieber, Malaria und dem tropischen Dschungel bis aufs äußerste geschwächt sind. Cryptonomicon spielt realistischer Roman, aber kann dies nicht durchhalten.
  Aber auch in der Figurenzeichnung ergeben sich Brüche, und die Handlungsfäden scheinen nicht so ganz zusammenlaufen zu wollen. Das Buch zentriert sich um ein halbes Dutzend männlicher Hauptpersonen (Amy, die einzige Frau, die im Buch eine Rolle spielt, ist nur dazu da, um Randy die große widerspenstige Liebe zu geben, die er sich wünscht), die zur Hälfte Kriegshelden und Kryptographen während des zweiten Weltkriegs sind (auf unterschiedlichen Seiten), und zur anderen Hälfte deren Nachkommen und Enkel, die sich als millionenschwere Nerds durch die Gegend schlagen.
  Für meinen Geschmack ist die WW2-Ebene des Buches viel zu ausführlich; den Zweck, einerseits Hintergrund in die Geschichten von Randy und den anderen 90er-Computeryuppies zu bringen, und andererseits eine kryptographische Geheimgesellschaft mit viel Gold zu etablieren, hätte auch sehr viel weniger Text gut erfüllt. Aber vielleicht gibt es ja Leute, die patriotische Heldentaten gerne lesen.
  Nett ist das Buch dann, wenn es mathematische und kryptographische Spielereien vornimmt, wenn Perl-Skripts oder Beweise vorkommen oder die Nachfahren des Kryptographen Waterhouse eine Erbschaft per Koordinatenkreuz im verschneiten Parkdeck (ökonomischer und emotionaller Wert) bewerten und mit Hilfe eines Großrechners zu einer gerechten Aufteilung kommen. Aber es kommt einem doch stark so vor, als sei all das mathematische, kryptographische und informatische nur Accessoire für eine eher schwache Aktionsstory. Das ganze ist, zumindest in der 90er-Jahre- Schicht - nett erzählt, aber mehr auch nicht. Und in den Teilen des Cryptonomicons, die im 2. Weltkrieg und danach spielen, sind die Figuren zwar lebensnah erfasst - aber genau deswegen auch schrecklich zu lesen. Wer will schon wissen, was einsame Krieger über Selbstbefriedigung und fehlende Frauen denken?
  Abgeschmeckt ist das ganze mit einer ziemlich großen Prise amerikanischer family values und anderer Tugend, die die postmoderne Exfreundin Randy nicht geben konnte, die er dann aber mit der Shaftoe-Familie ebenso wie den großen Goldschatz im Showdown doch noch bekommt.
  Ein Buch für Firmen gründende Nerds, die genial und gesellschaftsunfähig sind, und hinter deren Fassade von zeitgemäßer Computerei schnell ganz alte Ideologien durchschimmern.

 

 

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