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Paul Auster
Leviathan

Rowohlt
DM 14,90


Von Anja Beuter

  "Leviathan" erzählt die Geschichte des jungen, erfolgversprechenden New Yorker Schriftstellers Benjamin Sachs, dessen Leben mehrere merkwürdige Wendungen nimmt und schließlich gänzlich aus den Fugen gerät. Schon gleich zu Beginn erhält der Leser die Information, daß die Geschichte fuer Sachs nicht gut aus geht, denn "Six days ago a man blew himself up by the side of a road in northern Wisconsin." Dass es sich bei diesem Mann um Sachs handelt, läßt uns der Erzähler, Sachs' bester Freund Peter, seines Zeichens ebenfalls Schriftsteller, wenige Zeilen später wissen. Von diesem mysteriösen Tod ausgehend, rollt Peter seine gemeinsame Zeit mit Sachs auf und zieht den Leser dadurch immer tiefer ins Geschehen hinein.
  Sowohl dieser Auftakt als auch die Tatsache, daß Sachs' Lebensgeschichte aus der - notwendigerweise subjektiv gefärbten und mithin begrenzten - Perspektive seines Freundes erzählt wird, stellen zwei erzählerisch brillante Kniffe dar: Immer, wenn Peter über Sachs erzählt, erzählt er implizit auch über sich selbst und umgekehrt; beide Lebensgeschichten bedingen sich auf der Handlungsebene gegenseitig und sind auf der narrativen Ebene kunstvoll ineinander verwoben. (Auster versteht sein Handwerk!)
  Erwähnenswert wäre in diesem Zusammenhang noch die pikante Tatsache, daß Sachs stets der beruflich Erfolgreichere von beiden war (er war gewissermaßen Peters literarisches Vorbild) und beide zu allem Überfluß dieselbe Frau, Sachs' Ehefrau Fanny, lieben.
  Peter bringt uns Sachs nahe, so wie er ihn gesehen hat. Folglich ist der Leser von der ersten bis zur letzten Zeile auf Peters Urteilsvermögen angewiesen und muß sich sein Bild von Sachs, der mit Fug und Recht als ziemlich komplizierter Mensch bezeichnet werden darf, trotz zahlreicher detaillierter Charakterisierungen mühsam selbst zusammenfrickeln.
 
  Das große Thema des Romans - wenn man das so generalisierend überhaupt sagen kann - ist der schmerzhafte und von existentiellen Verlusten gesäumte Prozeß der Selbstfindung, die stets im Raum stehende und immer nur unzureichend beantwortete Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz überhaupt und immer und immer wieder die zermürbenden Zweifel an der eigenen Arbeit bzw. den eigenen Lebensentscheidungen. Insofern fügt sich "Leviathan" gleichsam organisch in Austers Werk ein - scheinen diese Fragen ihn doch als Menschen und als Schriftsteller immer wieder gleichermaßen zu beschäftigen.
 
  Das handelnde Personal umfaßt neben Sachs und dem erzählenden Peter noch die bereits erwähnte Ehefrau von Sachs, Fanny, des weiteren Peters bizarre Freundin Maria Turner und deren Freundin Lillian Sterne sowie eine Reihe von interessanten Nebenfiguren. Die genannten drei Frauen bilden sowohl für Sachs als auch für Peter den Mittelpunkt, um den sich (fast) alles dreht. Sie fungieren an entscheidenden Wendepunkten des Plots als Schlüsselfiguren (nicht ohne metaphorische Bedeutung) ebenso wie als die Handlung vorantreibende Katalysatoren, ohne jedoch auf diese Funktion reduziert zu sein: Fanny, Maria und Lillian sind eigenständige Individuen mit einer eigenen Geschichte und eigener Motivation.
  Beeindruckend und überaus originell war für mich die Figurenzeichnung Marias, einer ausgeflippten jungen New Yorker Experimentalkünstlerin, deren Projekte ziemlich schillernd sind.
 
  Der Zufall spielt in "Leviathan" so wie auch in allen anderen Romanen Austers (ohne selbst eine Kennerin seiner anderen Bücher zu sein - "Leviathan" ist ja erst mein zweiter Auster -, habe ich mir dies von Auster-Fans sagen lassen) eine nicht unerhebliche Rolle: Figuren treffen auf die merkwürdigste und dennoch nicht unplausibel erscheinende Art und Weise aufeinander, und ihre Begegnungen verändern ihr Leben immer von Grund auf.
  Sachs und Peter lernen einander in einer Bar kennen, nachdem ihre gemeinsame Lesung wegen eines Unwetters abgeblasen wurde. Peter macht durch Sachs Bekanntschaft mit dessen Frau Fanny, die - so stellt er bestürzt fest - ausgerechnet die Frau ist, in die er sich bereits an der Universität verliebt hatte und die er nie aufgehört hat zu lieben. Eine Zeitlang bilden Peter, Sachs und Fanny ein festgefügtes Trio, nachdem Peters Ehe in die Brüche gegangen ist. Auf einer Party lernt Peter - immer zwischen begeisterter Hinwendung zu und auf Distanz bedachtem Rückzug von den Sachsens hin- und herschwankend - schließlich Maria kennen, und sein (zunächst rein sexuell motiviertes) Verhältnis zu ihr bringt schließlich auch Sachs mit dieser Frau in Verbindung.
  Maria soll später, dies wird in metanarrativen Vorausdeutungen bereits vorweggenommen - eine wichtige Rolle für ihn spielen. Maria wiederum stößt bei der Arbeit an einem ihrer Kunstprojekte durch Zufall auf ihre Jugendfreundin Lillian, die wiederum später in Sachs' Leben eine entscheidende Wendung herbeiführt. Auch dies deutet der Erzähler bereits im Vorhinein an, so daß der Roman stets von einem zum Weiterlesen animierenden, jedoch angenehm unaufdringlichen Spannungsmoment durchzogen wird.
 
  So hängt schlußendlich alles von schicksalhaften Begegnungen und weitreichenden Zufällen ab, und doch gewinnt man als Leser den Eindruck, daß diese Geschichte so verlaufen mußte, ja nur so verlaufen konnte. Die innere Logik des Erzählten ist für meine Begriffe bestechend.
  Wer also mal wieder einen richtig guten Roman lesen will, ein Buch, das einen nicht losläßt und auf verschiedenen Ebenen zu fesseln vermag, der ist mit Austers "Leviathan" bestens bedient! Zur begeisterten Auster-Anhängerin konvertiert (nein, nein, ich finde die "Trilogy" nach wie vor 'n bißchen beknackt und bin auch nicht so schnell bereit, Austers "Timbuktu"-Fauxpas als verzeihlichen Ausrutscher anzusehen...

Von Volker Frick am 19.11.2000

  Ein neuer Roman von Paul Auster. Eine gewisse Fingerfertigkeit ist ihm nicht abzusprechen. Schließlich benutzt er sie auch, um zu schreiben. Peter Aaron, so heißt der Erzähler, erzählt die Geschichte seines Schriftstellerfreundes Benjamin Sachs – kein Schelm, der hier an Walter Benjamin/ Oliver Sacks denkt -, der seine Geschichte nicht mehr erzählen kann, denn: “Vor sechs Tagen hat sich im nördlichen Wisconsin ein Mann am Rand einer Strasse in die Luft gesprengt.” Paul Austers Bücher leben von der Initialzündung des Todes. Paul Auster hat begonnen Romane zu schreiben, nachdem sein Vater verstorben war. Der Tod und die Fragmente.
  Benjamin Sachs, geboren am 6. August 1945: ein Kind der Bombe, der Kern-Spaltung. Sechsjährig erklimmt er mit seiner Mutter die Freiheitsstatue: “Ich habe gelernt, dass Freiheit etwas Gefährliches sein kann. Wenn man nicht aufpasst, kann sie einen töten.” Benjamin Sachs stürzt am Unabhängigkeitstag 1986 von einer Feuerleiter. 141 Jahre zuvor zog H.D. Thoreau in sein Blockhaus, zufällig, wie er schreibt. Benjamin Sachs überlebt den Sturz, und nach einer längeren Regenerationsphase beginnt er sein zweites Buch mit dem Titel Leviathan. Er macht einen kleinen Spaziergang, geht in den Wald, und das Desaster nimmt seinen Lauf. Benjamin Sachs wird zum Phantom der Freiheit, er fährt durch die Vereinigten Staaten und sprengt Replicas der Freiheitsstatue in die Luft. Wir kennen das Ende. Es geht um Politik, und immer um Leben und Tod. Ja, es ist ein politisches Buch. Es geht um die Freiheit des Einzelnen und darum, dass Freiheit meist mit dem Leben bezahlt werden muss (oder, wie diese im Wind wirbelnde Federboa sang: “Freedom’s just another word for nothing left to lose.”)
  Paul Auster spielt die Klaviatur der Genres, er ist ein Erzähler, der Text und Subtext mit leichter Hand zu verweben weiß, ein Theorist. Auster war vier Jahre in Paris, lernte Sam Beckett kennen, und gab mit seiner ersten Frau Lydia Davies die Lyrikzeitschrift The Living Hand heraus. Gut geschrieben, einfach erzählt. Für den, der zu lesen versteht, für den, der zu genießen versteht. Es ist acht Uhr morgens, Montag, der dritte Oktober 1994. Das Telefon hat nicht geklingelt. Motto des Buches ist ein Wort von Ralph Waldo Emerson: Jeder existierende Staat ist korrupt.

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