Uwe Bolius Der lange Gang
Limbus-Verlag 2006 287 Seiten € 15,30
Von Rudolf Kraus am 04.08.2006 Uwe Bolius’ Roman „Der lange Gang“ ist eine Neuauflage aus dem Jahr 1983 und erzählt das Leben der Hauptperson Heinrich in der Form eines klassischen Entwicklungsromans. Gezeichnet von den kargen und harten Nachkriegsjahren in Linz, erlebt Heinrich bei seiner Großmutter in Hamburg zum ersten Mal Zuneigung und ein Gefühl von Liebe. Die Kindheit konzentriert sich in Heinrichs Erinnerungen nur noch auf die Ferienzeit in Hamburg, eigentlich nur ein Ausschnitt seiner Kindheit, aber die einzige Phase, die man als unbeschwert bezeichnen darf. Er liebt seine Großmutter, die ihn vieles lehrt und lernt, und ihn auch den in Stalingrad gefallenen Vater ein wenig näher bringt. Heinrich, der gewissermaßen spür- und merkbare Parallelen zum „Grünen Heinrich“ von Gottfried Keller im weitesten Sinne aufweist, ist ebenfalls ein Suchender, ein Wissensdurstiger, aber eben Einer, der sich ganz und gar nicht gut verkaufen kann. Uwe Bolius’ Heinrich ist ein Nachkriegskind, mit allen Unterdrückungen dieser Zeit und ebenso mit all dem Drang, auszubrechen, Mensch zu werden, Mann zu werden, zu lieben und zu lernen, oder einfach zu leben. Den Studienjahren widmet er in diesem Buch auch das längste Kapitel, wobei das längste nicht das intensivste sein muss, denn das ist dem letzten Kapitel über 1968 vorbehalten, das zugleich die Entwicklung finalisiert: Heinrich ist gereift, ist erwachsen geworden, hat die Sexualität gefunden, alles spät, aber nicht zu spät. Uwe Bolius erzählt in diesem möglicherweise biographisch gefärbten Roman, anhand des Schicksals und der Entwicklung seiner Hauptfigur Heinrich, eigentlich eine typisch österreichische Nachkriegsgeschichte (es könnte auch durch den Hamburger Vater eine typisch deutsche Nachkriegsgeschichte sein), voller Tempo, Ideen und phasenweise atemloser Sprache. Es ist ein spannendes und fesselndes Leseerlebnis mit manchmal bitteren Nachgeschmack, aber es bietet auch am Ende noch eine Option: „Es gibt keine Idee mehr, für die zu sterben sich lohnt, aber tausend schöne Gründe, um zu leben.“
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