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Susanne Ayoub
Schattenbraut

Hoffmann & Campe
2006
480 Seiten
€ 20,60


Von Alemanno Partenopeo am 15.07.2006

  Dieses Buch ist ein großer Familienroman. In der guten alten Tradition dieses Genres breitet er sich über ganze vier Generationen aus und schlägt den Leser in seinen Bann. Auch wenn er in erster Linie Unterhaltungsliteratur ist, spielt dieser Roman doch vor einem ernsten Hintergrund: Österreich und der Nationalsozialismus.
 Die erste Ebene des Romans spielt allerdings in der Jetztzeit, bei der Enkelin, die nach und nach herausfindet, das alles, was ihr über ihre Großeltern erzählt wurde, Lüge ist. Beinahe die ganze Familiengeschichte ist ein einziges Lügengebäude und Valerie, die Enkelin, muss eine grausame Entdeckung machen, die alle Geheimnisse der Familie auf schreckliche Weise enthüllen.
  Die zweite Ebene des Romans ist die Vergangenheit. Die Geschichte der Zwillinge Johanna und Friederike. Sie wachsen in den Dreißiger Jahren in Wien auf und werden quasi unabsichtlich in den Strudel der furchtbaren Ereignisse hinab gerissen. Die eine der beiden Schwestern profitiert davon, die andere muss fürchterlich für ihr begangenes Unrecht bezahlen. Johanna, 30 Minuten jünger als Friederike, liebt ihre „ältere“ Schwester abgöttisch, so sehr, dass sie verhindern will, dass sie den Juden Raoul heiratet und diesen in einer Gewitternacht im Hotel Panhans am Semmering einfach verführt. Natürlich ist Friederike mit ihrer Backfischliebe damit am Ende, sie will weder Johanna noch Raoul je wieder sehen. Aber auch Raoul und Johanna sehen sich nicht wieder. Dennoch hatte die Gewitternacht ein unerwünschtes Ergebnis: Veronika. Als dann der Nationalsozialismus in Österreich die Macht übernimmt, muss die Familie Raouls flüchten und verkauft in aller Eile den ganzen Familienbesitz an die Eltern von Friederike und Johanna. So werden diese zu den Nutznießern des Regimes, obwohl sie völlig unpolitisch sind. Antisemitisch ja, aber nicht nationalsozialistisch. Das behauptet man übrigens von den meisten Österreichern.
 
  Aber was diesen Roman zusammenhält ist vor allem die Konfrontation Friederikes mit ihrer Enkelin Valerie und als dann die Vergangenheit in der Person Emilios (ein anderer Sohn Johannas, den sie von Ludwig hat) auch in die Gegenwart eindringt, wird das Problem nach einem bereits bewährten Familienmuster gelöst. Sie hatte schon einmal zu verhindern gewusst, dass man ihr „ihre“ Veronika wegnimmt. Als Raoul nach dem Krieg zurückkommt und seine Tochter mitnehmen will, gesteht Friederike (inzwischen längst mit einem anderen verheiratet) ihm noch einmal ihre große Liebe, die er - angesichts des vergangenen Terrors - mit seinen Worten der Lächerlichkeit preisgibt. Dafür muss er büßen. Dabei hätte ein Wort genügt und alles hätte wieder „gut“ werden können? „Am Anfang des Weges sieht es aus, also könnte man jederzeit umkehren. Dann erkennt man erst, dass die Zukunft schon begonnen hat.“
  Die Mutter von Valerie, Veronika, weiß von dem allen nichts: sie ist zwar als Erbin des gesamten Vermögens von Friederike eingesetzt, aber fristet ihr Leben auf der Baumgartnerhöhe. Geistig umnachtet, weil sie schon als Kinder keiner wollte und sie zwischen Amerika, England und Österreich hin- und hergeschickt wurde.
 
  Und was bleibt am Ende? Friederike, die eigentlich die positive Figur in diesem Roman spielt, ist nicht nur eine Mörderin, sondern auch ein gekränktes Sensibelchen. Hätte sie damals mit ihrer Schwester Johanna und mit Raoul gesprochen, wäre alles vielleicht ganz anders gekommen. Statt dessen ließ sie alle in ihr Unglück rennen und schmollte ein Leben lang. Vielleicht wusste Raoul ja gar nicht mit wem er da schlief - schließlich waren es ja Zwillinge. Vielleicht täuschte Johanna auch ihn? Aber dieses Missverständnis wird nicht aufgeklärt, Friederike ist zu enttäuscht oder einfach nur zu feige mit den beiden zu sprechen. Raoul wird als gemeiner Frauenheld dargestellt, der jede Frau nur so lange liebt, bis er sie rumgekriegt hat, aber vielleicht meinte er es ja mit Friederike ernst? Es soll ja vorkommen, dass auch Frauenhelden sich verlieben. Überhaupt ist die Schilderung der Familie Raouls als die „reichen Juden“ etwas platt (und auch antisemitisch) und als Raoul dann zurückkommt und eigentlich nur sein Kind fordert und nicht einmal seinen Besitz, wird Friederike so böse, dass sie ihn unsanft beseitigt. Und das nur, weil er ihr Verliebtsein von vor 50 Jahren als Backfischliebe bezeichnet? Weil er sie nicht geliebt hat? Irgendwie ist es fast etwas antisemitisch, wie Raoul geschildert wird: als reicher, rücksichtsloser Frauenheld ohne Gefühle. Sicherlich lag dies nicht unbedingt in der Absicht der Autorin, sie wollte vielmehr das österreichische Milieu der Zwischenkriegszeit schildern, was ihr übrigens ausgezeichnet gelungen ist. Auch die Nachkriegszeit oder wie sie etwa die Wohnung Friederikes schildert: man kann es förmlich riechen, greifen sogar und fühlt sich an manches erinnert, wie man Wien selbst einmal erlebt hat.
  Auch andere Personen, wie z.B. Emilio, der Sohn von Ludwig und Johanna, werden im Roman zu wenig ausgebaut oder entwickelt. Emilio ist quasi zwangsläufig „schlecht“, also geldgierig, nur weil er der Sohn von Johanna und eines Nationalsozialisten (Ludwig) ist? Dass am Ende Valerie, die Enkelin, zu ihrem Glück findet und endlich eine Beziehung aushält und zu Liebe und Nähe fähig wird, ist zwar ein schönes, aber umso unnötigeres Happyend. Die Version, dass sich Unglück über die Generationen hinweg fortpflanzt und nie zu einem Ende kommt, hätte mir besser gefallen, da um einiges glaubwürdiger. Und was konnte Valerie schließlich von Friederike lernen? Dass man Konflikte so lange hinunterschluckt, bis sie in einer Eruption hervorbrechen und alles um sie herum beseitigen? Die vermeintlich positive Figur Friederike ist nämlich die wirklich Schuldige, da sie, statt ihr Umfeld mitzugestalten und zu kommunizieren, in den Schmollwinkel trat und das gleich für ein halbes Jahrhundert lang. Friederike war nämlich für ihre Schwester verantwortlich, sie hätte ihre Liebe zu ihr erwidern können oder zumindest respektieren. Auch dass Friederike später einen Mann heiratet, der sie liebt, aber den sie überhaupt nicht liebt, spricht nicht gerade für den Charakter der Protagonistin. Hätte sie ihr Leben früher in die Hand genommen und Raoul und Johanna zur Rede gestellt, wären am Ende vielleicht weniger Menschen unglücklich gewesen? Eine Beziehung zwischen zwei Menschen besteht immer aus zweien und jeder der beiden übernimmt eine Verantwortung dafür. Friederike kann die Schuld also nicht Johanna geben, auch wenn diese die weitaus unsympathischere ist (sie heiratet einen Nationalsozialisten). Alle Versuche Johannas zur Versöhnung scheitern, Friederike liest nicht einmal ihre Briefe. Aber hatte Johanna am Ende vielleicht recht? Wäre Raoul wirklich nichts für Friederike gewesen? Hat ihre Schwester sie nicht vor einem viel schrecklicheren Schicksal bewahrt? Aber wir alle wissen, wohin verschmähte Liebe führen kann. Manchmal eben bis zu Mord und Totschlag.
 
  Mit „Schattenbraut“ ist Susanne Ayoub ein großer Wurf gelungen und die Konflikte des Romans hallen noch lange in unseren Herzen nach, da das Thema Familie uns alle betrifft und in seinen Sog zieht. Mit geht’s nicht, aber ohne noch viel weniger, oder?
  Am Ende ihres Romans lässt Susanne Ayoub eine Buffetkraft zu Valerie sagen: „Familie ist immer eine gefährliche G´schicht. (...) Am besten man hat keine.“ Worauf Valerie fragt, ob dies denn wirklich von Vorteil sei und die andere antwortet: „Ich hab beides probiert. Die Sonntage sind einsam, aber Sonntag ist nur einmal in der Woche. Die anderen sechs Tage bin ich froh.“
 
  Susanne Ayoub wurde in Bagdad (!) geboren und zog sechsjährig mit ihrer Mutter nach Wien. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte arbeitete sie für den österreichischen Rundfunk. Sie schrieb Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. Ihr erster Roman „Engelsgift“ erschien 2004 bei Hoffmann und Campe. „Schattenbraut“ ist ihr zweiter Roman.

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