Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Judith Rüber
Venedig
Literarische Intermezzi auf Brücken, Plätzen und Kanälen

Klett-Cotta
2002
224 Seiten
€ 19,-


Von Alemanno Partenopeo am 19.06.2006

  Diese literarische Annäherung an Venedig von Judith Rüber ist sehr liebevoll gestaltet und auch mit einigen S/W Fotos und Karten illustriert. Schon im Eingangskapitel wird Mario Soldati`s „Stuhl vom Café Florian“ zitiert und entführt den Leser in eine versunkene Trammetropole: das Wasser, den Geruch, das Licht, die Architektur. Meist sind es jedoch die Reisenden und Ausländer die über Venedig schreiben, weniger die Venezianer oder Italiener und diesen Besuchern und ihren Eindrücken ist dieser literarische Spaziergang gewidmet. Man braucht nicht erst Goethe oder Thomas Mann hernehmen, die sicherlich alles schon viel besser über diese Stadt gesagt haben als all ihre Epigonen. Mary McCarthy, Verfasserin des 50er Jahre Bestsellers „Die Clique“, schreibt, dass man sich schnell damit abfinden müsse, dass, „was man im Begriff ist zu sagen oder zu empfinden, nicht nur bereits von Goethe und Musset gesagt worden ist, sondern auch jedem Touristen aus Iowa auf der Zunge liegt“.
  Womit wir bei den Amerikanern wären: der berühmteste Schriftsteller der USA, Ernest Hemingway setzte Venedig in „Über den Fluss und in die Wälder“ ein literarisches Denkmal, oder soll ich besser sagen: sich? Judith Rüber versteht es nun, den von Hemingway literarisch gesetzten Topos (Fluss und Wälder, Sumpf, etc) näher zu untersuchen und erzählt die Geschichte von Marghera Anfang des 20. Jahrhunderts und führt uns bis zur heutigen Diskussion über das MOSE-Projekt. Der Staudamm MOSE (eine Abkürzung) soll die Lagune abschotten und so vor Überschwemmungen schützen. Naturschützer laufen Sturm dagegen, da dies das Ende des Ökosystems „Lagune“ bedeuten würde und außerdem nur 30 cm weniger Hochwasser einbringen würde.
  Die Anreise Gustav von Aschenbachs (der Protagonist in Mann`s „Tod in Venedig“) mit einem Schiff von Triest aus, nimmt Judith Rüber zum Anlass auch die heutigen und vergangenen Anreisewege nach Venedig darzustellen. Der berühmte rasende Reporter Egon Erwin Kisch beschrieb seinen Überflug über die Lagune mit den Worten: „Ein S schlingt sich durch die Stadt: der Kanal“. Der „Canal Grande“, der einzige ohne e am Schluss, ist Prachtstrasse und Orientierungspunkt zugleich: wer sich in den engen Gassen verläuft wird früher oder später immer wieder an seinen Gestaden stranden. Der Niederländer Cees Nooteboom: „Du hast etwas gesucht, einen Palast, das Haus eines Dichters, aber du verläufst dich, biegst in eine Gasse ein, die an einer Mauer endet oder an einem Ufer ohen Brücke und mit einem Mal wird dir bewusst, dass es genau darum geht, dass du erst dann die Dinge siehst, die du sonst nie sehen würdest“.
  Judith Rübers Geschichten entführen uns nicht nur an diese Plätze, die wir mit den Augen der Schriftsteller kennen lernen und sonst nie sehen würden, sondern auch in die Geschichte der schönsten und einzigartigsten Stadt der Welt. Ein Literatur- und Quellenverzeichnis im Anhang gibt uns Tips für weitere Recherchen und verschafft uns auch einen Überblick an die Fülle des von Rüber bearbeiteten Materials. Das Ortsregister am Ende des Stadtführers hilft uns gezielt Informationen aufzufinden und unseren genauen Aufenthaltsort ob seiner Geschichtsträchtigkeit zu verorten. Ein eigenes Kapitel ist auch den Spuren fiktiver Verbrechen in der Lagunenstadt gewidmet. Gerade Kriminalromane widmen sich ja vorzugsweise dem Lokalkolorit Venedigs. Auch die Komponisten Vivaldi, Händel, Wagner und Strawinsky finden ihre würdige Erwähnung bei Rüber, ganz zu schweigen von den berühmtesten Söhnen Venedigs: Carlo Goldoni und natürlich Giacomo Casanova.
  Judith Rüber ist übrigens auch Autorin des Reisebuches „Venedig für Müßiggänger“ und einiger anderer Essays über die Lagunenstadt.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.