Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Ulf Poschardt
Einsamkeit
Die Entdeckung eines Lebensgefühls

Kabel
2006
184 Seiten
€ 14,90


Von Alemanno Partenopeo am 24.05.2006

  Kennen Sie den? Den Kühlschranktest? Eine Freundin von Herrn Poschardt wendet ihn gerne an, wenn sie bei Männern das erste Mal auf Besuch ist. Ein Blick in den Kühlschrank und frau weiß bereits, was sie im Schlafzimmer nebenan erwarten wird. „Männer mit leeren Kühlschränken sind zu achtzig Prozent hoffnungslose Fälle. Ihre Lieblosigkeit sich selbst gegenüber hat etwas Resigniertes. Auf der anderen Seite sind Gemüsefächer, in denen sich Avocados und Basilikum, Frühlingszwiebeln und Zucchini stapeln, ebenfalls suspekt. Zuviel savoir-vivre im Kühlschrank wirkt narzisstisch, haltlos und tendenziell immer ein wenig schwul (...)“, meint jedenfalls Ulfs Bekannte. Und was meint er selbst?
  Einsamkeit ist keine Schande mehr, sondern eine Zier. In den USA sei es geradezu eine Bewegung, die sog. „quirkyalones“, die schrulligen Alleinstehenden. Auf der gleich lautenden Homepage würden Sie sich als die letzten Romantiker, die der Tyrannei des Paarwesens widerstehen, anpreisen. 2003 wurde sogar erstmals der „International Quirkyalone Day“ ausgerufen. Ausgerechnet am 14. Februar.
  Und weiter plaudert der Autor aus dem Nähkästchen über die beliebtesten Hollywood-Single-Filme unter dem Titel „Neunzig Minuten einsam“ oder „Einsam am Geburtstag“. Leiniz` Monadenvorstellung von „Jeder Mensch ist eine Insel“ wird etwa auf Nick Hornbys „About a boy“ angewandt oder Fernsehserien der US-Trash-Unterhaltungskultur als zitierwürdig ausgebreitet. Unter „Einsam beim Sex“ dürfen Sie sich aber keinesfalls etwas Unanständiges vorstellen. Das Vorurteil Frauen könnten immer Sex haben, Männer eher weniger, entgegnet Poschardt: „Ganz und gar nicht, möchte man antworten, wäre dann aber einmal mehr Gefangener eigener Eitelkeit“. Ulf Poschardt versucht mit dem einen oder anderen Limmerick eines bekannten Philosophen oder Schriftstellers zu punkten und streut hie und da einen Roland Barthes oder Immanuel Kant über seine einsamen Einsichten. Dieser sah in der Einsamkeit etwas Heroisches, in der Onanie nichtsdestotrotz eine weichliche Hingabe an tierische Reize, ein Zeichen moralischer Schwäche. Na denn lieber gemeinsam einsam im Bett, oder? „Dancing with myself“ war zwar ein „Lebensgefühl maximaler Stilisiertheit und Kälte“, aber ein kleines Haustier zum Kuscheln hat dann doch ein jeder zuhause. Wer sich also am Leid anderer laben will oder sich selbst gerade einsam und verlassen fühlt, der wird sicher Seite für Seite verschlingen und sich auch den Musik- oder Literaturtips hemmungslos hingeben. Für all die anderen: eure Zeit wird auch noch kommen.
  Und am Ende siegt denn doch die Liebe. „Die Unmöglichkeit, Liebe zu finden, ist die einzige Entschuldigung für Einsamkeit.“ Oder wie jetzt?
  Ulf Poschardt, 1967 geboren, war Chefredakteur des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“, Creative Director der „Welt am Sonntag“ und entwickelt jetzt für Conde Nast ein neues Magazin. Der promovierte Philosoph ist Autor der Bücher „DJ Culture“, „Anpassen“, „Cool“, „Über Sportwagen“ und „Archeology of Elegance“. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.