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Per Petterson
Pferde stehlen

Hanser
2006
Übersetzt von Ina Kronenberger
248 Seiten
€ 19,90


Von Alemanno Partenopeo am 21.05.2006

  Dieses Buch des Norwegers Per Petterson spielt mit der Erinnerung als Thema. Es ist die Geschichte des 67-jährigen Trond, der sich eine Hütte an einem Fluß im Norden kauft und hier seinen Lebensabend verbringen will. Die zweite Erzählung spielt aber in der Vergangenheit 1948 als er noch ein fünfzehnjähriger Junge war und er den Sommer mit seinem Vater verbrachte. Nach und nach entdeckt er neue Facetten seiner eigenen Geschichte und schildert wie er hinter das Geheimnis seines Vaters kam. Als in der Nebenhütte ein alter Bekannter einzieht, verstricken sich beide Erzählstränge zu einem spannenden Entwicklungsroman: der Protagonist erfährt endlich die ganze Wahrheit über seinen Vater und damit auch über sich selbst.
 
  Das Schöne an diesem Buch ist aber nicht unbedingt nur die Handlung, sondern vor allem die Erzählweise. Es ist ein ruhiger Roman, der sich den Extremsituationen des Lebens widmet: Tronds Frau und Kind verunglückte in einem Verkehrsunfall, im Nebenhaus erschoss ein Kind ein anderes, Ehefrauen betrügen ihre Ehemänner und auch umgekehrt. Ein Buch über das Leben, wie es ist und mit viel Philosophie angereichert. Trond, der alte Mann, hat viel Zeit zum Nachdenken, da er einsam ist und das verschafft ihm mancherlei Einsichten über Leben und Tod, die unsereinem noch fehlen. So denkt er über das zufällige Zusammenstoßen mit seinem jetzigen Nachbarn (den er noch aus der Kindheit kennt): „(...) diese Art von Zufällen wirken in belletristischen Büchern äußerst gesucht, zumindest in modernen Romanen, und es fällt mir schwer an sie zu glauben. Bei Dickens ginge es vielleicht noch, aber wenn man Dickens liest man eine lagen Ballade über eine verschwundene Welt, in der zum Schluss alles aufgehen muss wie in einer Gleichung, wo die Balance, die einmal gestört wurde, wiederhergestellt werden soll, damit die Götter einen Grund zum Lächeln haben. Ein Trost vielleicht oder ein Protest gegen eine Welt, die aus dem Ruder gelaufen ist, aber so ist es nicht mehr, meine Welt ist nicht so, und ich hatte noch nie etwas übrig für Leute, die der Meinung sind, das Schicksal bestimme unser Leben.“
 
  Besonders gut hat mir auch die Stellen gefallen in der er schreibt: „Die Leute mögen es, wenn man ihnen Dinge erzählt, in passenden Häppchen, in bescheidenem, vertraulichen Ton, und sie glauben, dich zu kennen, doch das tun sie nicht, sie wissen etwas über dich, doch was sie zu hören bekommen, sind Fakten, keine Gefühle, nicht, was du für eine Meinung zu etwas hast, nicht, wie dich deine Erlebnisse und Entscheidungen zu dem gemacht haben, der du heute bist. (...) Man muss nur höflich sein und paranoide Gedanken beiseite schieben, denn sie reden über dich, was auch immer du dir einfallen lässt, das ist nicht zu vermeiden, und du würdest es ganz genau so machen.“ Einen Absatz tiefer kommen ihm die Tränen, weil die Kassieren ihn zu lange ansieht und eilt schnell mit den Waren zur Tür hinaus und denkt sich: „Glück gehabt. Sie begreifen nichts.“
 
  Wer der geheimnisvolle Fremde und neue Nachbar ist und warum diese Begegnung so schicksalhaft ist, wird natürlich hier nicht verraten. PP rollt die Geschichte Stück für Stück auf und diese Spannung will ich ihnen hier nicht verderben. Ein schönes, nachdenkliches Buch, das auch Sie an die Ränder ihrer Existenz führen kann. Aber keine Angst, es passiert auf eine beschauliche, entspannende Art und Weise, vor der man sich nicht zu fürchten braucht. Das einzige vielleicht, wovor sich auch Trond fürchtet: „(...) und mir war klar, dass ich mich in der Welt am meisten davor fürchtete, jener Mann auf einem Bild von Margritte zu sein, der sich selbst im Spiegel sieht und direkt auf seinen Nacken starrt, immerzu.“
 
  Per Petterson, geboren 1952 in Oslo, ist ausgebildeter Bibliothekar und arbeitete als Buchhändler und Übersetzer, bevor er sich als Schriftsteller etablierte. Sein Buch Sehnsucht nach Sibirien wurde 1997 für den Nordic Council`s Literature Prize nominiert.

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