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Kurt Kaindl / Text von Karl Markus-Gauß
Der Rand der Mitte
Reisen ins unbekannte Europa

Otto Müller Verlag
2006
144 Seiten
€ 25,-


Von Alemanno Partenopeo am 09.05.2006

  Die Assyrer in Schweden, die Memeldeutschen und die Tataren in Litauen, die Zipser und die Degesi in der Slowakei, die Zimbern in Italien und die Schwarzmeerdeutschen in der Ukraine sind die Stars dieses Fotobandes. Auf hochwertigem Papier werden hier die schönsten Fotos aus den dunkelsten Regionen Europas präsentiert, die Scheinwerfer werden auf jene Völker gerichtet, die beinahe vor dem Aussterben bedroht sind und in verwinkelten Tälern ihre letztes Abendbrot genießen. Aber noch gibt es Leben in diesen verschwundenen Orten der Peripherien und Kaindl/Gauß wollen an die lange Geschichte und Tradition dieser Völker erinnern und sie damit vor dem Untergang bewahren.
  Denken wir etwa an die Zimbern, sie leben nur mehr in sieben Gemeinden der Region Vicenza und in dreizehn der Verwaltungsregion Verona. Wer bei Trento die Autobahn verlässt kann sich über schwindelerregende Pässe, durch Tunnels und über Brücken zu den letzten Zimbern begeben und ihrer althochdeutschen Sprache lauschen, die sich seit dem 1. Jahrtausend nach Christus hier erhalten hat. Die Fotos zeigen eine nebelige Landschaft, ein Flüchtlings-Denkmal am Bahnhof oder eine Kirche, Porträts von männlichen Zimbern oder ein Denkmal für die Emigranten „All`Emigrante 10.10.1985“, das von einem Globus geschmückt wird, Destination: Hoffnung!
 
  Ein anderes beinahe verschollenes Volk ist das der Assyrer, die eine neue Heimstatt in Schweden gefunden haben. Weltweit gibt es immerhin noch drei Millionen Assyrer, hier in Schweden leben 70.000 und der Gemeindepriester hat ein Ohr für alle seine Schäfchen. Einst waren sie ein mächtiges Volk auf einem Gebiet, das heute zwischen der Türkei, Syrien, dem Libanon und dem Irak und Iran aufgeteilt ist. Sie waren eine der ältesten christlichen Glaubensgemeinschaften, älter als die römisch-katholische. Man nannte sie Chaldäer oder Aramäer oder Suroyos. Der türkische Sultan des Osmanischen Reiches schützte sie, aber in der späteren Türkei wurden sie zerrieben, vertrieben, umgesiedelt. Und oft fanden sie keine Aufnahme als Assyrer in den anderen europäischen Ländern, sondern als Türken. In Schweden können sie aber heute ihre Sprache sprechen und sie auch an Schulen unterrichten. Damit auch ihre Welt erhalten bleibt. Die Fotos zeigen die Bewohner, Frauen und Männer, die schwedisch-assyrische Stadt oder ein svensk-assyrisk Wörterbuch. Einige arbeiten in einem Lebensmittellager, andere stehen vor Fußball-Trophäen.
  Es sind traurige, melancholische Bilder. Bilder der Armut, aber auch des Stolzes und der Tapferkeit. Viele Bilder strahlen auch eine Zuversicht aus, Freude, auch Hoffnung, dass man überleben wird, weil man es schon so lange getan hat. Europa, hilf! Europa wird helfen. Und sonst tut es zumindest dieses Buch. Helfen beim Nicht-Vergessen werden.
  Kurt Kaindl ist eigentlich promovierter Germanist und wurde in Gmunden geboren. Die Galerie Fotohof geht auf seine Gründung zurück und organisiert schon seit 1975 Ausstellungen verschiedenster Fotografen. Kaindl hat schon in Georgia, Atlanta oder Bamberg, Salzburg und München Geschichte und Theorie der Fotografie unterrichtet. Die Kooperation mit Karl-Markus Gauß besteht schon seit 1999 und sie haben gemeinsam auch den Band „Die unbekannten Europäer“ herausgebracht. Kurt Kaindl lebt heute in Salzburg. Karl-Markus Gauß wurde dort geboren und ist den meisten vor allem als Herausgeber der Zeitschrift „Literatur und Kritik“ bekannt geworden. Seine Bücher „Die Hundeesser von Svinia“, „Die versprengten Deutschen“ oder zuletzt im Otto Müller Verlag „Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone“ gehören zu den besten Reportagen, die Sie momentan zu deutschen und anderen Minderheiten in Europa finden können.

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