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John Berger
Das Leben der Bilder
Oder die Kunst des Sehens
(1980)

Wagenbach
2003
Übersetzt von Stephen Tree
128 Seiten


Von Alemanno Partenopeo am 29.04.2006

  John Berger war in den frühen 60er Jahren den meisten Briten durch seine BBC-Serie „Ways of Seeing“ beliebt und teuer geworden. Eröffnete er doch neue Sichtweisen auf altbekannte Dinge und verhalf so einem jeden Zuseher und –hörer zu neuen Einsichten. John Berger, selbst Maler und Zeichenlehrer, schulte den Blick einer Nation und mehrerer Generationen und wurde auch als Kunstkritiker hierzulande bekannt, bevor er sich in einem Bergdorf in Savoyen niederließ und dort heute seinen Ruhestand verbringt.
  Spätestens zu Beginn der 70er Jahre kannte ihn die ganze Welt: er hatte den Booker-Preis (den höchstdotierten Literaturpreis Englands) an die Black Panthers in Jamaika weitergegeben.
 
  In seinem ersten Essay in der hier vorliegenden Sammlung stellt Berger selbst eine Frage: „Warum sehen wir Tiere an?“ Der Mensch werde, in dem er den Blick des Tieres erwidert, sich seiner selbst bewusst. Anders als andere Tiere Tiere ansehen, könne der Mensch auch zurücksehen und verstehen. Aber er blicke immer über einen Abgrund des Nicht-Verstehens hinweg: durch die Überraschung. Zwischen zwei Menschen werde der Abgrund meist durch die Sprache überbrückt. Das Schweigen des Tieres jedoch gewährleiste seine Distanz, seine Verschiedenheit, seine Ausgeschlossenheit vom Menschen. Die Mystifizierung der Tiere in manchen Naturreligionen liege die Annahme zugrunde, dass Tiere Vermittler zwischen dem Menschen und seinem Ursprung seien. Deswegen gehörten Abbildungen von Tieren wohl auch zu den ersten von Menschen geschaffenen „Kunstwerken“ und versinnbildlichten damit auch seinen Wunsch nach Transzendenz. Aber die Tiere befinden sich in unserer heutigen Welt im Rückzug, Naturauffassung wird idealisiert und in Rahmen ausgestellt: der Tierkäfig im Zoo verdeutlicht nichts anderes als einen Bilderrahmen: „Zoos, naturgetreues Tierspielzeug und die allgemeine kommerzielle Verbreitung der Tier-Bildsprache kamen alle auf, als die Tiere aus dem öffentlichen Leben verbannt wurden. (...) In den Zoos sind sie lebende Monumente ihres eigenen Untergangs geworden.“ Wer aber in einem Zoo den Blick eines Tieres sucht, sucht vergeblich: „Die Tiere blicken aus den Augenwinkeln heraus. Sie sehen blind in die Ferne. (...) Dieser Blick zwischen Tier und Mensch, der vielleicht eine wesentliche Rolle in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gespielt hat und mit dem auf jeden Fall alle Menschen noch bis vor weniger als einem Jahrhundert gelebt haben, wurde ausgelöscht.“
 
  Weitere Essays in diesem Band beschäftigten sich mit der sexuellen Fixierung von Rodin, der Einsamkeit Giacomettis, Francis Bacon, William Turner, Frans Hals oder Rouault. John Berger ist ein begnadeter Schreiber und Seher und wird auch Ihnen neue Perspektiven eröffnen.
  John Berger wurde 1926 in London geboren. Er hat sich für Alain Tanner auch als Drehbuchautor betätigt und „Jonas, der im Jahr 2000 fünfundzwanzig Jahre alt sein wird“ gedreht. Bei Wagenbach sind außerdem erschienen: „Kunstwerk. Über das Lesen von Bildern. Acht Kurzkurse über das vergleichende Sehen, die Augen der Maler und die Einsamkeit des Betrachters.

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