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André Bernold
Becketts Freundschaft
Mit Fotografien von John Minihan

Berenberg
2006
95 Seiten
€ 19,-


Von Volker Frick am 12.04.2006

  André Bernold lernte, im Alter von einundzwanzig, Samuel Beckett 1979, zehn Jahre vor dessen Tod 1989, kennen. Dieses Buch erschien im Original 1992, und auch das nur auf Drängen eines Verlegers. Das Buch zeichnet die gemeinsamen Begegnungen und Treffen, zu denen Beckett immer ausnehmend pünktlich erschien, nach. Diese Treffen sind immer wieder auch durch ein gemeinschaftliches Schweigen gekennzeichnet. „Dass wir so leicht schweigen konnten, war eine gute Ausgangsbasis.“ Bernold gelingt es tatsächlich den Menschen Beckett zu skizzieren, nüchtern und ohne Pathos, wenngleich mit einer knietiefen Hochachtung für das Werk dieses Autors.
  Es ist ein dichtes Buch der Erinnerung, und was Bernold aus seinen Aufzeichnungen aus dieser Zeit gleichsam destilliert und zu Papier gebracht hat, ist weniger verklärend als vielmehr, in Bezug auf Becketts Werk als auch auf dessen Schöpfer, klärend, erhellend und sehr konzentriert dargeboten.
  Beckett war immer und an fast allem interessiert, was Bernold ihm kundtat, seien es seine Gedichtzeilen, seine Erlebnisse oder Erinnerungen. Er begegnete seinem Gegenüber mit großer Freundlichkeit - wußte er doch um das Leid der Menschen, hat er doch, wie vor ihm kaum ein anderer, ein Werk geschaffen, in welchem dieses Leid tiefe wunde Spuren hinterlassen hat.
  Natürlich geistern in diesem Buch dann doch auch Becketts Bücher umher, weniger die Literatur im Allgemeinen. Einmal schreibt Bernold einen berühmten Text von Descartes über ein schielendes Mädchen für Beckett auf, den Beckett aber augenscheinlich kennt, erwähnt er doch „a little cross-eyed girl“ in seiner ersten Veröffentlichung, dem Gedicht „Whoroscope“, welchem wiederum eine zweibändige Descartes-Biographie als Matrix diente.
  Es geht um die Mäntel, die man trägt, oder Beckett fragt „plötzlich nach der Bedeutung eines nicht existierenden Wortes.“ Oder Beckett teilt Zeit und Ort des nächsten Treffens mit: „Meine Überreste werden dort sein.“ Beckett ist alt und hat gewisse Zweifel, was seine letzten Werke angeht. Oder sie werfen sich Zitate zu. Bernold: „Die Demut eines einzigen ist der Stolz von mehreren“ (Pascal). Darauf kontert Beckett mit den Worten „Ich begehre den Ruhm, unbekannt zu sein“ von Jules Renard.
  Dieses schöne und persönliche Buch von André Bernold endet, endet mit dem Satz „Er wird die zerstörte Brücke überquert haben, und die Welt, natürlich, wird enden.“ Abgesehen von den Fotografien von John Minihan, die (größtenteils) vor Jahren als eigenständige Publikation den deutschsprachigen Buchmarkt erreichten, ist dies ein gelungenes Buch, gerade vielleicht auch, weil ihm der Anlaß fehlt, auch wenn es nun, wie so viele andere Bücher, zum Hundertsten Geburtstag Becketts erschienen ist. Ein wenig erinnert es an die „Begegnung mit Beckett“ (dt. 1988) von Charles Juliet, aber das ist wahrlich nicht die schlechteste Referenz.

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