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Jonathan Lethem
Motherless Brooklyn
Erzähl Deine Geschichte im Gehen
(1999)

Tropen Verlag
2002
Übersetzt von Michael Zöllner
370 Seiten
€ 19,80


Von Alemanno Partenopeo am 04.04.2006

  Ein unglaublicher Einstieg zieht einen hinab in eine Geschichte, bei der man lange nicht weiß, woran man eigentlich ist. Gleich zu Beginn des Buches wird Frank ermordet, der eigentlich die Hauptrolle spielt. Er war es, der vier Waisenjungs aus Brooklyn ab und an Arbeit verschaffte und sie für einen Zwanziger Kisten unbekannten Ursprungs und Inhalts schleppen ließ. Das einzige was die vier gemeinsam haben ist Frank, ansonsten sind sie weder Freunde noch können sie sich gegenseitig besonders gut leiden. Allein der Zufall führte sie zusammen und das gemeinsame Schicksal schweißte sie zusammen.
  Als Frank ermordet wird, kommen die Jungs zu spät und erweisen ihm den letzten, den wichtigsten Dienst nicht mehr. Das wollen sie später wieder gutmachen und so widmen sie ihr Transportunternehmen kurzerhand in eine Detektei um, um die Mörder von Frank zur Strecke zu bringen.
  Frank wird als eher verstockter Mensch beschrieben, ihm wird auch der Satz im Untertitel des Buches zugeschrieben. Er liebte zwar das Reden, aber er hasste Erklärungen und so erzählte er immer nur genau das, was er für notwendig befand. Seine Frau, Mrs Minna, „sah selbst aus, als ob sie gebacken worden wäre, das ganze Gesicht dunkel und zerfurcht wie die Kruste einer angebrannten Calzone“. Sein Verhältnis zum schönen Geschlecht definiert Frank Minna mit folgenden Worten: „Es ist nicht so, dass ich nur Frauen mit großen Brüsten mag. (...) Die Sache ist die, für mich muss eine Frau eine gewisse Dämpfung (im Original hervorgehoben, JW) verfügen, verstehst du, was ich meine? Etwas zwischen ihr und mir, im Sinne von Isolierung. Sonst liegst du an ihrer nackten Seele.“
 Jonathan Lethem bringt die Beziehung der vier Jungs zu Frank mit treffenden Worten auf den Punkt: „Ohne Minna waren unsere Köpfe alle miteinander leer und hohl wie Luftballons. Durch seinen Tod losgebunden, war es nur eine Frage der Zeit, wie schnell und wie weit sie auseinander treiben würden – und ob sie platzen oder lediglich schrumpfen würden.“
 
  Bald wird einem klar, dass die einzige Schwachstelle des Buches die Übersetzung ins Deutsche ist. Besonders anhand des vom Tourette-Syndrom (zwanghaftes Aneinanderreihen von Silben, Reimen und besonders von vulgären Ausdrücken) geschüttelten Protagonisten, Lionel Essrog, und seines unfreiwilligen Wortwitzes durch seine Tourette-Reime wird klar, dass es nicht einfach war, gerade dieses Buch zu übersetzen und gut rüberzubringen. Ein Wunder aber, dass es dennoch gelungen ist und noch dazu auf phantastische Weise. Jonathan Lethems Prosa ist selbst in der Übersetzung noch eindringlich und treffend genug, markant und schlagkräftig, da macht es nichts, wenn die Tourette-Reime, dann eher unter den Tisch fallen, der Übersetzer hat sich aber wirklich Mühe gegeben – trotz der Unübertragbarkeit – sie gehaltvoll rüberzubringen. Die unfreiwillige Komik wirkt ohnehin. Als der ihn verhörende Cop fragt, was denn mit ihm los sei, dass er so stottere, antwortet Lionel „Tourette-Syndrom“, wodurch der Polizist sofort Tourette für den Hauptverdächtigen hält. „`Er ist der Shit-sohn, he?´ Der Detective dachte anscheinend, wir würden gerade in super-heißem Straßenslang reden. `Kannst du mich zu ihm bringen´?“
  Mit Brooklyn ist natürlich der Stadtteil New Yorks gemeint, der sich auf der rechten Seite von Manhattan befindet und durch die beiden gleichnamigen Brücken (Manhattan und Brooklyn Bridge) damit verbunden ist. „New York ist eine Tourette-Stadt, und das große gemeinsame Kratzen und Rubbeln und Zählen ist ganz gewiss ein Symptom davon“.
  Während des Gesprächs mit dem Polizisten geht Lionel in mehrere Geschäfte und wird als Partner von Frank überall gerne gesehen und gegrüßt. Da diese noch nicht wissen, dass Frank tot ist, lässt Lionel auf ihn anschreiben, worauf der Detective erwidert: „Erst vögeln sie seine Frau und dann lassen sie auch noch auf ihn anschreiben?“ Der Dialog mit dem „guter und böser Cop in einer Person“ entwickelt sich zu einer fantastischen Persiflage und lässt einen mehrmals lauthals loslachen. Überhaupt scheint es eine Stärke Jonathan Lethems zu sein, witzige Dialoge zu entwickeln, deren Teufel im Detail liegt.
 
  „Die Musik von Prince beruhigte mich ebenso sehr wie Onanie und Cheeseburger. Wenn ich ihm zuhörte, war ich von meinen Symptomen erlöst.“, diese Sätze stehen am Ende eines Monologs von Leslie über seine Krankheit und seine Lieblingslied von Prince, „Kiss“. Wer das Lied kennt, wird verstehen, was es mit Tourette zu tun hat und warum es Leslie für exakte 3: 38 von seinem Leiden erlöst. Es liest sich wie ein trauriger, aber herrlicher Witz und man fährt kurz in Leslie Essrogs Haut, wenn man sich das Lied während des Lesens in seinen Ohren kurz in Erinnerung ruft.
 
  Ob die vier Jungs und selbsternannten Detektive den Mörder ihres Wohltäters am Ende des Romans finden oder nicht, lassen wir offen. Dass es so schwierig für sie war, Frank zu helfen, lag jedenfalls daran, dass er mit ihnen nie über das Wesentliche, wie etwa seine Kundschaft, gesprochen hat. Das sollten Sie besser nicht verabsäumen!
 
  Plastisch, orgiastisch, phantastisch! Jonathan Lethem at his best!

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