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Sándor Márai
Schule der Armen
Ein Leitfaden für Menschen mit geringem Einkommen
(1947)

Piper
2006
Übersetzt von Tibor Podmaniczky und überarbeitet von Hanna Siehr
170 Seiten
€ 16,90


Von Alemanno Partenopeo am 16.03.2006

  Schon der Titel lässt die böse Satire vermuten und tatsächlich haben wir es hier mit einer bitterbösen, ironischen Parodie auf den Knigge – oder wie das hierzulande heißt: den Ellmayer – zu tun. Aber diese Verballhornung ist wirklich so gut gelungen, dass man teilweise gar nicht mehr richtig weiß, ob der Autor das jetzt ernst meint oder nicht oder ob er doch eher das meint, oder jenes oder vielleicht doch....
  Lesen Sie selbst wie ein Meister seines Fachs, die Idee zu diesem Buch entwickelt hat: „Als Mensch, dem die systematische und philosophische Betrachtung nicht ganz fremd ist, begann ich nachzudenken, denn das kostete ja nichts, und es machte mir zudem noch Freude. Das Resultat dieser Grübelei ist dieses Buch.“
  Sprach`s und vollführt eine grandios Abhandlung über die Vor- und Nachteile des Armseins gegenüber dem Reichsein. Denn einer Sache ist sich der Autor gewiss: Armut wird es immer geben, keine sozialistische Utopie oder andere Ideologien werden sie je abschaffen können und so sollte man sich einfach diesen Leitfaden zur Hand nehmen und das Beste daraus machen, eben: aus der Not eine Tugend machen.
  Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem armen und einem reichen Menschen? Etwa das Geld? Márai erwidert, man könne sich zwar mit Geld viele Sachen kaufen, aber: „Dagegen kann sich zum Beispiel ein dummer Mensch trotz all seinen Geldes die Fähigkeit der klugen Überlegung nicht erkaufen, obwohl das Nachdenken – geben wir es zu – doch mehr Unterhaltung bietet als ein Champagnergelage mit Frauen in einem Nachtlokal. (...) Dagegen können wir zum Beispiel mit Geld nicht erreichen, dass ein Rhinozeros den Menschen mit selbstverständlicher Freundlichkeit anblickt – schon diese einfache Tatsache genügt, um den Irrwahn der alles zu Fall bringenden und in seinem magischen Bannkreis zwingenden Kraft des Geldes mit Zweifel und Vorbehalt entgegenzutreten.“ Die Reichen seien im höheren Sinn des Wortes ebenfalls „arme Menschen, da sie sich statt Wahrheit, die sie ebenso fürchten wie ein Köter den Hundefänger, mit Surrogaten oder Symbolen der Wahrheit begnügen müssen, welche die Literatur und die auf ihr Eigenbild zugeschnittene Gesellschaft ihnen fatamorganaartig vorgaukelt.“ Die – nicht dummen - Reichen würden auch wissen, dass man zwar „für Geld die Tugend kaufen kann, jedoch keinesfalls das heiter-beglückende Gefühl, das die Erkenntnis und die praktische Ausübung der sittlichen Wahrheiten der Seele schenkt“.
  Zumindestens bezüglich ehrlichen Gefühlen ist der Arme der reichere. Aber ist er auch der glücklichere? „Den Lehren der Zyniker verdanke ich die Erkenntnis, dass der Mensch entweder tugendhaft oder aber reich und glücklich sein kann, dass sich jedoch diese beiden Zustände so wenig miteinander vermengen lassen wie Öl mit Wasser.“ Wo also können wir das Glück finden? „Nur das Glück ist moralisch und ähnelt bis zu einem gewissen Grade der Tugend; das Glück jedoch kann ich im Rahmen irgendeiner Gesellschaft nie erreichen, denn innerhalb einer Gesellschaft zu leben, das heißt, stets auch gegen einen oder mehrere zu leben, und je vollkommener und restloser die Befriedigung des Individuums sich gestaltet, um so mehr Schaden versursacht der sich Befriedigende seinen Mitmenschen.“ Nachdem in einer Welt der Wert der Dinge durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmt wird und nur das Geld es vermöge, einen selbst und auch andere angemessen zu entschädigen, habe er reichlich Gebrauch davon gemacht. Aber nur so lange, wie sein Geld reichte. So musste er der Welt der Freuden den Rücken kehren und wurde zum Zyniker. Aber eben umso tugendhafter, mitnichten.
  Seither arbeitet er quasi am Leitfaden für Arme, um auch anderen einen Weg zu weisen, wie man überleben kann. So gehe es bei der Eleganz des Armen nicht um die Qualität des getragenen Tuches oder des Schnitts, sonder eher um die Haltung, mit der der Arme den Anzug trägt. Der lustigste Moment des Buches ist denn auch folgende Stelle, die hier zum Ende zitiert sei: „Als bescheidenes Beispiel erwähne ich, dass es mir vor dreizehn Jahren in Florenz gelungen ist, einen togaartigen hellblauen Bademantel heranzuzüchten, den ich seitdem mit unerreichbarer Eleganz trage und in dem ich nach der Behauptung der Sachverständigen Brutus ähnlich sehe, wie er im Schutz einer Säule mit dem Dolch in der Hand auf Cäsar lauert.“
 
  Sprachlich unglaublich amüsant, der Ton übertrieben düpiert, vom hohen Ross herab und dadurch umso sarkastischer. Geschrieben wurde das Buch wohl vor allem unter dem Eindruck des Kommunismus und der Massenpsychose der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Márai richtet sich vor allem gegen die Gesellschaft der Masse, das Kollektiv und hebt den Wert des einzelnen Menschen hervor, das Individuum. Und jede Ideologie, die versucht, das Individuum zu unterjochen, muss zwangsläufig scheitern, wie es Faschismus und Kommunismus ja auch getan haben. Ein Hohelied auf den „Privatmenschen“. Heute liest man das mit Ironie, was damals vielleicht ernst gemeint war. Passen Sie nur auf, dass Ihnen das Lachen bei diesem „Leitfaden“ nicht im Rachen stecken bleibt.
 
  Der Autor wurde 1900 in Kaschau, in der heutigen Slowakei geboren. In den 30er Jahren erlebte er seine größten literarischen und publizistischen Erfolge. 1948 gelang ihm die Flucht vor dem Kommunismus in den Westen und starb 1989 als einer der bedeutendsten ungarischen Autoren in San Diego, Kalifornien. Sein großteils im Piper Verlag veröffentlichter Nachlass umfasst mehr als 16 Werke.

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