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Camille de Toledo
Goodbye Tristesse
Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen
(2005)

Tropen Verlag
2003
Übersetzt von Jana Hensel
191 Seiten
€ 19,40


Von Alemanno Partenopeo am 07.03.2006

  Dereinst könnte dieses Buch in die Annalen der 10er Dekade dieses Jahrhunderts eingehen, gerade so wie Douglas Coupland`s 1991 geschriebenes Buch „Generation X“ zum Synonym für die 90er wurde. Nicht nur, dass er – ebenso wie Coupland – uns mit einem eigenen, neuen Vokabular, quasi den Termini technici der Antiglobalisierungsbewegung, versorgt, Camille (und ich nenne ihn hier im Sinne seines Epiloges gerne mit seinem Vornamen) hat auch das Zeug zum Kultautor. Wenn da nur nicht diese eine leidige Sache mit seiner Familienherkunft wäre... (siehe das Nachwort)
 
  Camille de Toledo schreibt genau das Buch, das viele sich gewünscht hätten, selbst schon längst verfasst zu haben. Darunter etwa auch ein Herr Robert Misik (sehen sie dazu die Besprechung auf dieser Homepage http://www.buchkritik.at/kritik.asp?IDX=3367 ). Es ist einerseits eine Abrechnung mit der Welt - vor allem auch mit der Neuen Linken - und in zweiter Linie auch mit sich selbst, seiner Generation, der Generation 911. Ausgehend von den beiden BANGS oder BOOMS oder DOPPELBANGS, nämlich dem 9. November 1989, dem Mauerfall, also 11/9 und dem 11. September 2001, dem Fall der Zwillingstürme, also 9/11, macht Camille naemlich vor allen Dingen eines: (sich) Luft!
 
  Er will nicht an den geschichtsträchtigen Ereignissen, die seine Jugend überladen, ersticken, sondern sucht nach einem Weg der Befreiung. Diese Revolution, seine ganz persönliche - aber auch gerne zu verallgemeinernde - kennt drei Stadien: das Stadium des neuen Rückzugs, das des neuen Einflusses und das des neuen Körpers. Momentan befindet sich die Neue Linke am Übergang zwischen Stadium eins und zwei, aber die Ära des Netzes und der Vernetzung wird bereits zum modus operandi des Tagesgeschäfts. Auch wenn es immer wieder nur zu kurzen Temporären Autonomen Zonen (sog. TAZs, Copyright bei Hakim Bey) kommt, so verliere „das System“ über kurz oder lang in jedem Fall die Kontrolle. „Die Menschen des 21. Jahrhunderts werden sich vermutlich eher als Knoten in Netzwerken gemeinsamer Interessen verstehen, denn als autonome Individuen im darwinistischen Überlebenskampf des freien Wettbewerbs.“ Doch in diesem vom Autor zitierten Satz von Jeremy Rifkin findet sich auch ein Nekrolog auf den modernen Staat und seine Stabilität verheißende Ordnung: denn wenn die einzelnen Teile der Gesellschaft sich zu verschiedenen weltweit agierenden Gruppen zusammenschließen, führen sie so den Zerfall des einzelnen Staates als Gemeinschaftswesen herbei. Globalisierung ante portas. Ob das die Revolution ist, von der Camille träumt?
 
  Die von Camille kreierten neuen Begriffe und eine weitere Inhaltsangabe dieses Buches: Massendandyismus als Problem des fortgeschrittenen Rückzugs der Revolte. Rebellischer Hedonismus und seine Bäuche. Die Gesellschaft des Spektakels und der Situationismus. Der organlose Körper realisiert in der Vernetzung durch das Internet. Hausbesetzungen und Openspace. Cyberspace und moderne Primitive. Und vieles andere mehr!
 
  Es steckt ungemein viel in diesem Buch und es ist jedem Zeitgenossen, der es sich schon zu bequem gemacht hat, unbedingt ans Herz zu legen. Als letzter Hinweis noch die Metapher von dem Kind im Treibschlamm, die Camille zur Krankheit unserer Gesellschaft schlechthin stilisiert: eine Fernsehkamera zeichnet Bilder eines Mädchens auf, das sie beim Versinken im Treibschlamm zeigt. Die Bilder gehen in die Welt und jeder fragt sich, wie konnte der Kameramann nur zusehen, ohne zu helfen? Der entwürdigende Tod eines kleinen Mädchens wird zum Spektakel. Unsere Machtlosigkeit zur Schuldzuweisung an die Medien. Und unsere Entschuldigung ist, dass wir für das Elend dieser Welt nicht verantwortlich sind. Aber nur dann, wenn wir etwas tun, und nicht, wenn wir tatenlos zusehen und nur konsumieren.
 
  Das Fußnotenregister des vorliegenden Buches liest sich wie ein „who is who“ einer Bibliothek des aufgeklärten Menschen des 20. Jahrhunderts. Die des 21. Jahrhunderts muss erst geschrieben werden. „Bonjour Tristesse“ nimmt darin bereits einen besonderen Platz ein. Und Camille hat damit die Geschichte der Generation 11/9 oder 9/11 bereits vor dem Ende des Jahrzehnts vorweggenommen.

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