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Jaafar Ben Saoud (alias Robert Griesbeck)
Bab Doukkala oder Die Seele des Kochens

Europa Verlag
2005
352 Seiten
€ 19,90


Von Alemanno Partenopeo am 25.02.2006

  Mit einem Wort: ein köstliches Buch! Und zwar nicht nur was das Kulinarische betrifft, sondern vor allen Dingen den Lese-Genuss! Der Autor oder vielmehr Übersetzer, der sich selbst in Klammen mit Kommentaren immer wieder in die Handlung einmischt, hat nicht nur Humor, sondern auch einen unheimlich guten Sprachduktus, die Stunden vergehen wie im Flug und es ist einem nie langweilig dabei, abgesehen davon, dass man bei manchen Szenen unheimlich Appetit bekommt und das nicht nur nach Essen...
 
  Die Handlung der Geschichte ist schnell erzählt: Bab Doukkala ist ein Stadttor von Marrakesch in dessen Nähe sich das Aghroum, ein französisches Restaurant, befindet. In diesem Restaurant in der Altstadt von Marrakesch schnorrt sich Hassan, ein alter Mann, seine Mahlzeiten durch gute Geschichten zusammen. Je besser die Geschichte, desto besser auch das Gericht, das ihm zur Belohnung vorgesetzt wird. Bald entwickelt sich aus der appetitanregenden Aufzählung arabischer Speisen und Geschichten eine Art Wettbewerb zwischen dem Chefkoch und Hassan, denn dieser verfügt über eine alte „Bibliothek“ seines Großvaters, in dem in 41 Büchern Rezepte mit Zwiebeln aufgeschrieben sind. Endlich einmal räumt jemand der völlig unterbewerteten Zwiebel einen gebührenden Raum in der europäisch-afrikanischen Küche ein. Und in diesem Buch sogar ein ganzes Kapitel! Abgesehen davon lernt man auch noch etwas über die vielseitigen Anwendungsmethoden der Zwiebel im Schlafzimmer.
 
  Der Koch des Aghroum ist natürlich Franzose (eine kleiner Bocuse!) und Hassan selbstverständlich Marokkaner. Aus einem harmlosen Gespräch entwickelt sich schließlich ein nicht ganz ernst gemeinter Wettstreit, wer denn das bessere Gericht aus Zwiebeln zaubern könnte und als Richter über den Geschmack spielt sich der Patron auf, ein abgehalfteter General der französischen Fremdenlegion und bekennender Alkoholiker. Wer könnte denn auch die Nuancen eines köstliche Zwiebelgerichtes besser ausloten als der feine Gaumen eines Cognactrinkers?
 
  Natürlich fehlt auch die Liebesgeschichte in diesem Roman nicht: der Souschef, Jean, Franzose, verliebt sich in die Marokkanerin Aruscha, die letzte noch lebende Nichte von Hassan. Hassan und Aruscha gehören nämlich den Haratin an. Das waren oder sind die Nachkommen der ehemaligen Sklaven in Marokko. Nicht die Sklaven der Kolonialisten, sondern die Sklaven der Araber und Berber und als solche blicken heute noch alle auf die Haratin herab. Doch Liebe überwindet bekanntlich alle Grenzen!
 
  Soviel zur Geschichte, aber das ist noch lange nicht alles, denn es kommt vor allem darauf an, wie Griesbeck sie erzählt. Nicht nur, dass einem der Atem stockt vor Interesse, man kann sich durchaus auch vor Lachen krümmen, etwa wenn die Geschichte des Kif erzählt wird oder wie man eine Frau ohne Beine glücklich machen kann.
 
  Griesbeck hat die arabische Kunst des Geschichtenerzählens wirklich gut gelernt, er weiß es, seine Geschichten auszuschmücken und erklärt sogar an einer Stelle wie das gemacht wird, nämlich als er an einer Stelle im Buch Jean eine Geschichte über seine Schulzeit erzählen lässt und dann Hassan dieselbe Geschichte nacherzählt. Urteilen Sie selbst, wie viel spannender und amüsanter die arabische Version ist, auch wenn sie nicht unbedingt „wahrer“ ist als die originale, so doch um so vieles „wirklicher“!
 
  Achtung! Dieses Buch kann ihr Leben verändern, denn es werden durchaus auch philosophische Einsichten zum Besten gegeben und ganz abgesehen von den detailreichen und amüsanten Schilderungen verfügt es auch über einen sehr interessanten Index, der einem weitere Aufschlüsse über diese uns doch noch so fremde Kultur ermöglicht. Es sollten mehrere solche Bücher geschrieben werden und dem europäischen Publikum zugänglich gemacht werden, wir würden lernen, wie viel reicher und phantasievoller diese andere Kultur ist und sie eventuell sogar bewundern, statt sie abzulehnen. Ob denn nun wirklich Jaafar Ben Saoud das Buch geschrieben hat oder ein Deutscher mit einem ausgezeichneten Humor tut dem keinen Abbruch. Lesen Sie selbst, und sie werden sehen, wie wohltuend es sein kann, seine Vorurteile lachend abzubauen. Gerade in Zeiten der Konfliktzuspitzung ist es besonders wichtig, die Gemeinsamkeiten unserer beiden Kulturen in den Vordergrund zu stellen und nicht das Trennende. Vielleicht könnten wir dabei ja sogar alle etwas lernen.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

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