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Erika Tophoven
Becketts Berlin

Nicolai Verlag
2005
144 Seiten
€ 24,90


Von Volker Frick am 17.02.2006

  Seit mehr als einem Jahr unter dem Titel „Beckett in Berlin“ angekündigt, ist dieses Buch von Erika Tophoven nun mit dem Titel „Becketts Berlin“ erschienen. Schön gemacht. Hat sie sich doch sehr viel Mühe gegeben die Wege Becketts während dessen sechswöchigen Berlinaufenthaltes während seiner sechsmonatigen Deutschlandreise 1936/37 nachzuzeichnen. Dies ist ihr in außerordentlich schöner Weise gelungen.
  Ein Buch, über das man unweigerlich ins Schwärmen gerät. Ein weiter Raum, durch den die Autorin den Leser mitnimmt. Ist es doch die Kunst, derenthalben Beckett seine Winterreise antrat. Und wenn er sich während dieser Zeit die Stadt in stundenlangen Spaziergängen erlaufen hat, so vergeht doch auch kaum ein Tag, an dem Beckett nicht ein Museum aufsucht. So liegt auch das Augenmerk dieses Buches auf eben diesen Museumsbesuchen von Beckett und seinen Betrachtungen zu einzelnen Bildern, die er wiederum festhielt in einem Tagebuch, welches er während der gesamten Reise führte. Dieses an Seitenzahl umfangreichste Kapitel zu Becketts Kunstrezeption setzt allerdings eine gewisse Kenntnis der Kunstgeschichte voraus. „Ich gäbe alle Rembrandts für den kleinen Brouwer-Hirten am Wege, der die Schalmei bläst.“ Viele Bilder von Brouwer stellen derbe Szenen in Bauernkneipen dar, etwas, was Beckett sicherlich gefallen hat.
  „Deutschland ist fürchterlich. Das Geld ist knapp. Ich bin die ganze Zeit müde. Alle modernen Bilder sind in den Kellern. Ich führe über alles Buch, aber seit ich von Zuhause weg bin, habe ich nichts Zusammenhängendes mehr geschrieben, auch nichts Unzusammenhängendes. Ganz zu schweigen von einem Buchanfang. Meine körperliche Verfassung ist eine triviale Katastrophe, verglichen mit dem geistigen Desaster. Es kümmert mich nicht, und ich weiß auch nicht, ob sie etwas miteinander zu tun haben. Es reicht, daß ich mir nichts Schlimmeres vorstellen kann als diese mentale Auszehrung, in der ich seit Monaten taumele und schwitze. Es hat sich tatsächlich erwiesen, daß diese Reise von etwas weg und nicht zu etwas hin führt. Aber im Grunde habe ich das gewußt, bevor ich losfuhr.“ So Beckett aus Berlin an eine alte Schulfreundin.
  Erika Tophoven hat auf Briefe und Dokumente zurückgreifen können, die erst nach dem Tod Becketts 1989 das Licht der Welt erblickten. So dessen Briefwechsel mit seinem langjährigen Freund Thomas MacGreevy, und natürlich auf die „German Diaries“ dieser Reise, die erstmalig vom Beckett-Biographen James Knowlson ausführlich beleuchtet wurden.
  Erika Tophoven mit ihrer „fast fünfzigjährigen Erfahrung im Umgang mit Becketts Werk, sei es als Mitübersetzerin oder, in späteren Jahren, als Alleinübersetzerin“, wie sie selbst vorausschickt, hat ein Buch abgeliefert, welches seinesgleichen sucht. Beschränkt auf Becketts Aufenthalt in Berlin, gelingt es der Autorin das Berlin jener Zeit einzufassen, gerade auch durch eine wunderbare Stimmigkeit von Text und Bild, denn dieses Buch enthält viele immer adäquate Abbildungen, seien es zeitgenössische Fotographien, seien es Theaterprogramme, oder das „Berliner U-Bahnnetz von 1934“.
  Beckett ging es zu jener Zeit nicht wirklich gut. 30jährig hat er keinen Plan B. Eine akademische Karriere ist möglich, aber nicht wirklich eine Perspektive. 1934 hatte er eine fast zweijährige Therapie bei Walter Bion begonnen. 1937 geht er endgültig nach Frankreich. Später dort dann Mitglied der Résistance, noch später arbeitet er für das Irische Rote Kreuz in Sant Lô. Ende der 40er schreibt Beckett sehr viel, so auch zwischen Oktober 1948 und Januar 1949, als Entspannung von den Romanen, den Zweiakter „En attendant Godot“, dessen Erstaufführung am 3. Januar 1953 in Paris über die Bühne geht.
  Ende August 1928 fährt Beckett erstmalig nach Deutschland und besucht in Kassel die Familie seines Onkels, des Antiquars Sinclair. Weitere sieben Besuche dieser Stadt folgen, recht eigentlich wegen seiner Kusine Peggy, in die er verliebt ist.
  Ende Mai 1963 nimmt Beckett in Ulm an den letzten Proben für die Uraufführung von „Spiel“ (Play) teil, das (in deutscher Übersetzung) in der Juli-Ausgabe von „Theater Heute“ erstmals gedruckt erschien. 1966, in Stuttgart, verfolgt er aus der Nähe die Fernsehproduktion von „He, Joe“. Ursendung auf Deutsch am 13. April, seinem 60sten. 26. September 1967: Premiere von Becketts deutscher Inszenierung des „Endspiels“ in Berlin. Erste eigene Inszenierung. 5. Oktober 1969: Premiere von Becketts deutscher Inszenierung des „Letzten Bandes“ in Berlin. In jenem Jahr erhielt er den Literaturnobelpreis.
  „Becketts Berlin“ von Erika Tophoven ist der Vielzahl von Büchern, die anläßlich der Wiederkehr des hundersten Geburtstages dieses Autors erscheinen, bei weitem überlegen und einzig, eine ganz fabelhafte Komposition, durchdrungen von einem bodenlosen Verständnis des Werkes und der Eigenart dieses Autors.
  Das letzte Werk von Beckett, ein Gedicht, französisch unter dem Titel „Comment dire“ am 29. Oktober 1988 verfaßt, übersetzte er kurz vor seinem Tod ins Englische und titelte es „What is the word“. Die Übertragung ins Deutsche von Erika Tophoven erschien 2000 unter dem Titel „Wie soll man sagen“. Keine Frage. wenn so. Hut ab!

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