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Andreas P. Pittler
Samuel Beckett

dtv
2006
187 Seiten
€ 10,-


Von Volker Frick am 02.02.2006

 Der 100. Geburtstag Samuel Becketts am 13. April 2006 rückt näher. Die Monographie von Andreas P. Pittler über diesen Schriftsteller ist mangelhaft und darob nicht zu empfehlen.
 
  Leben und Werk von Samuel Beckett auf gut 170 Seiten darzustellen, allein angesichts der umfangreichen Biographien von James Knowlson (kaum 1000 Seiten) und jener nur bedingt empfehlenswerten von Deirdre Bair (kaum 900 Seiten), sicher kein leichtes Unterfangen. Und so ist das Buch von Andreas P. Pittler, auch als Verfasser von Romanen und Büchern über Bruno Kreisky oder Monty Python in Erscheinung getreten, nur mit Einschränkung zu geniessen, enthält es doch einige Misshelligkeiten.
  Andreas P. Pittler, der Beckett unvollkommen als Dramatiker wahrnimmt, paraphrasiert die Inhalte der Stücke dieses Autors auf eine Weise, die argwöhnen läßt, dem Schreibenden sind diese nur aus zweiter Hand bekannt. Die Impression mag trügen, es scheint jedoch, der Autor hat sich eher durch einen Teil der Sekundärliteratur gelesen, als durch das Werk des von ihm verfrühstückten Schriftstellers.
  Dabei hat das Buch durchaus Verve, ist flott hingeschrieben, und stellt einiges noch mal klar. So verweist Herr Pittler darauf, das das Verhältnis von Joyce und Beckett nicht eines des Herren und seines Knechtes war, was durchaus mancherlei Interpretation der Stücke „En attendant Godot“ und „Fin de partie“ als Matrix angedient wurde. Die Mär, das Beckett der Sekretär von Joyce gewesen sei, war, ist und bleibt Mär.
  Schön auch, das Herr Pittler Samuel Beckett der literaturgeschichtlichen Schublade des absurden Theaters entzieht (wohingegen auf der Rückseite des Buchumschlags doch wieder die Rede ist von dessen „absurden Theaterstücken“).
  Schön letztlich die Erwähnung des Essays „Dante…Bruno.Vico..Joyce“, den Beckett im Juni 1929, so Herr Pittler, veröffentlichte. Die erste Publikation eines Textes von Beckett erschien am 27. Mai 1929 in einem Sammelband zum Werk von James Joyce, wieder abgedruckt allerdings in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift ‚Transition’. Worauf Herr Pittler verweist, ist, und was die Fachwelt meist ignoriert, die Interpunktion des Titels dieses Essays: „die Punkte im Titel symbolisieren die Jahrhunderte, die zwischen den einzelnen Protagonisten liegen.“
  An anderer Stelle schreibt Andreas P. Pittler von den ‚frühen’ Gedichten Becketts, spricht derweil aber von den „Mirlitonnades“, entstanden zwischen 1977 und 1978. In Deutschland 1981 unter dem Titel „Flötentöne“ erschienen, 2005 erneut: „Trötentöne“. Als Entgegnung nur eine Zeile des erstmalig 1935 in der Gedichtsammlung „Echo’s Bones and Other Preciptates“ veröffentlichten Gedichtes „Serena“: „it is useless to close the eyes“.
 Den einleitenden Worten von Herrn Pittler zufolge waren die Worte von George Berkeley „Sein ist wahrgenommen werden“ eine der Maximen Becketts. Allenfalls. Eine immer wiederkehrende, darob reichlich penetrante Verkürzung der Beweggründe des Literaturnobelpreisträger von 1969 auf eine nihilistischen Position qua ontologischer Geworfenheit und versteigt sich dann, da es um Becketts Fabel „Company“ geht, zu solch Heideggerei: „Da treten Identität und Ort in den Hintergrund, wichtig ist das Sein an sich, das Sprechen vom Sein, welches das Sein im Sein hält.“ Nein. An dieser Stelle wäre dem Autor zuzurufen ‚Versuche, Beckett zu verstehen.’ Der Theaterregisseur Christoph Marthaler hat es in einem Interview schön und präzis formuliert: „Bei Beckett ist das Dennoch das Schöne.“
 Pittler erwähnt den langjährigen Beckett-Freund Lawrence Harvey, ein amerikanischer Romanistik-Professor, dessen 1970 erschienenes Buch „Samuel Beckett: Poet und Critic“, wie der Titel schon andeutet, und entgegen der Behauptung von Herrn Pittler, keine Biographie ist. Zwar hat Harvey während seiner Bekanntschaft mit Beckett viele Gespräche mit ihm über dessen Leben geführt und schriftlich festgehalten, zu der tatsächlich geplanten Biographie kam es jedoch nie.
  Und wenn Herr Pittler zwar Becketts öffentlichen Protest im Herbst 1968 gegen die Inhaftierung Fernando Arrabals im faschistischen Spanien unter Franco erwähnt, aber verschweigt, das Beckett sein Stück „Catastrophe“ von 1982 Václav Havel, dem 1979 zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilten Wortführer der Charta 77 widmete, dann bleibt ein Hauch von Irritation.
  Die im Anhang angeführte Bibliographie ist nicht als asketisch, allenfalls als spärlich zu bezeichnen. Bezeichnend wiederum, das Herr Pittler hier die von ihm genannte ‚Biographie’ von Lawrence Harvey gar nicht aufführt.
  Das Buch enthält Fotografien von Beckett, von Aufführungen seiner Stücke, so auch die Abb. 35, untertitelt „Jeremy Irons in ‚Ohio Impromptu’“. Ein Screenshot aus einer der Verfilmungen der 19 dramatischen Werke von Samuel Beckett, die seit 2001, initiert vom Radio Telefís Éirann und von verschiedenen Regisseuren umgesetzt, auf vier DVDs vorliegen. Merkwürdig nur, das im Anhang unter der Rubrik ‚Beckett auf der Leinwand’ dieses anerkennenswerte Projekt gar nicht genannt wird.
  Kommen wir also zum Ende. Eine Monographie zu Samuel Beckett, die zwar diesen Klassiker zitiert, oder Zitate von Zeitgenossen zu dessen Werk anführt, mit Zitatnachweisen eher rudimentär umgeht, meist ohne auskommt. Nehmen wir die Seite 97 unten. Da wird „Antonin Artaud über ‚Warten auf Godot’“ mit dem Satz zitiert (angeblich aus „Das Theater und sein Double“, Frankfurt/M. 1969): „Und hier nun setzt das Theater ein.“ Nein. Pittler selbst schreibt „Schon am 29. Januar 1949 (…) hat Beckett das Stück beendet.“ Tatsächlich wurde „En attendant Godot“ zwischen Oktober 1948 und Januar 1949 geschrieben. Antonin Artaud aber, nach all den erlittenen Qualen, starb am 4. März 1948.
  Dieses Buch, am 1. Februar erschienen, ist nichts weiter als ein vorweggenommener Aprilscherz.

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