Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
John Irving
Bis ich Dich finde
(Until I Find You, 2005)

Diogenes
2006
Übersetzt von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl
1140 Seiten
€ 24,90


Von Alfred Ohswald am 02.02.2006

  Für die nicht gerade kleine Fan-Gemeinde Irvings wird die Ankündigung: „Der neue Irving ist da!“ als Kaufgrund genügen. Um es gleich vorne weg zu sagen, sie werden nicht enttäuscht sein.
 
  „Bis ich Dich finde” erzählt die Geschichte des Schauspielers Jack Burns von seinem 4. Lebensjahr an. Sein Vater – der Organist William Burns - hat seine Mutter verlassen und sie reist ihm mit dem Jungen im Schlepptau durch einige Städte Nordeuropas nach, um ihn an seine Pflicht als Vater zu erinnern. Sie ist die Tochter eines Tätowierers und verdient sich ihren Lebensunterhalt ebenfalls mit Tätowieren. Der junge Jack hat durch das ständige Umherreisen eine recht ereignisreiche Kindheit. Ihre letzte Station in Europa ist das Rotlichtviertel in Amsterdam. Danach reisen sie nach Kanada, wo Jack die Schule besuchen soll.
  Seine Mutter steckt ihn in eine ehemalige Mädchenschule, wo seit kurzer Zeit auch Jungen in den unteren Klassen aufgenommen werden. Die älteren Schülerinnen sind daher ausschließlich Mädchen. Für den kleinen Jack, der das blendende Aussehen seines Vaters geerbt hat und der einen etwas problematischen Hang zu älteren Frauen entwickeln soll, eine etwas zweifelhafte Wahl. Schon am ersten Tag lernt er die deutlich ältere, resolute Emma kennen, die ihn zwar mit ihren Freundinnen einigermaßen terrorisiert, ihn aber auch unter ihre Fittiche nimmt. Die daraus entstehende tiefe Freundschaft sollte dann noch sehr lange halten und sein Leben für lange Zeit prägen. An dieser Schule entdeckt Jack auch seine Liebe zur Schauspielerei. Seine weitere Ausbildung absolviert er dann allerdings in den USA und er schafft dann tatsächlich den steinigen Weg als Schauspieler nach Hollywood.
  Dann passiert ein einschneidendes Ereignis in seinem Leben, seine Mutter stirbt. Und langsam erfährt er Dinge die sein Bild von ihr und seinem Vater völlig auf den Kopf stellen.
 
  „Bis ich Dich finde” wurde bereits als sein „Opus maximum“ oder als „der zweite Garp“ bezeichnet – und nicht ganz zu unrecht. In dem Buch findet sich so ziemlich alles im Übermaß, was Irvings Leser so an seinen Büchern lieben. Kauzige Figuren, skurrile Situationen und natürlich „menschelt“ der Roman von der ersten bis zur letzten Seite. Wie es Irving z.B. bei Totenfeier für Jacks Mutter gelingt, gleichzeitig zum Brüllen komisch und zum Weinen rührend zu sein, ist schon ein wahrer Geniestreich.
  So ziemlich alle Charaktere in dem Buch haben mit einem Trauma – meist aus ihrer Vergangenheit – zu kämpfen. Selbst bei der scheinbar so unverwüstlichen, selbstsicheren und starken Emma stellt sich schließlich heraus, dass sie mit einem Handikap zu kämpfen hat. Meist handelt es sich um sexuelle Traumas, die dann oft ein etwas eigenartiges Sexualverhalten zur Folge haben. Bei Jack Burns z.B. erinnern einige vermeintliche Sexszenen eher an das Halten der mütterlichen Hand, als an richtigen Sex.
  Natürlich kommen – wie eigentlich immer bei Irving – wieder Versatzstücke aus früheren Romanen vor. Dieses Mal zwar kein Wien oder Bären, dafür das fast unvermeidliche Ringen und das Rotlichtviertel Amsterdams, dass bereits in „Witwe für ein Jahr“ eine wichtige Rolle spielte. Irvings Romane haben immer eine ziemlich starke autobiographische Komponente, hier soll sie - laut einem Interview mit ihm - besonders ausgeprägt sein.

Von Alemanno Partenopeo am 21.03.2006

  Nehmen wir an, jemand würde die Bücher von John Irving nehmen und alle beschriebenen Seiten daraus aneinanderreihen und das ganze mit unserer Lebenszeit vergleichen, würde wir bald einsehen, dass es unmöglich ist, dass ein einziger Mensch so viele Buchseiten beschreiben kann. Muss dieser Mann denn nie essen? Oder schlafen? Für mich ist es unbegreiflich, wie ein Mensch so viele Bücher mit so vielen Seiten schreiben kann und dabei nicht einmal langweilt, sondern immer wieder aufs Neue überrascht, sei es mit dem Straßenstrich am Wiener Ring oder dem Bären vom Hotel New Hampshire. Unvergleichlich auch die Szene in Garp und wie er die Welt sah, als Garp und seine Frau „es“ tun: nämlich sich fremdgehen. Man hat wohl selten so gelacht und ist gleich danach wieder so tief abgestürzt wie bei John Irivng.
 
  „Wie dem auch sei, wenn wir über die Vergangenheit reden, lügen wir mit jedem Atemzug“(ein Zitat von William Maxwell) stellt John Irving an den Anfang seines neuen 1.140 Seiten umfassenden Werkes und nimmt damit teilweise vorweg, was ich oben schon behauptet habe: dass alles bestenfalls erfunden sein kann und mit den Dingen wie sie sich ereignet haben, überhaupt nichts zu tun haben koennte. Natürlich gibt es da diese Lieblingsthemen von Irving: die katholische Erziehung, das Waisenhaus, die Kleinkinder, die Psychoklinik, die Abwesenheit des Vaters und die damit verbundene stetige Suche nach dem Vater. Diese Bezugspunkte finden wir in den meisten seiner elf Romane und die stetige Variation desselben oder die „ewige Wiederkehr des Gleichen“, um ein Nietzsche-Zitat hier anzubringen, hat durchaus seinen Reiz, denn es ist – obwohl immer wieder aufs Neue erzählt - doch auch eine Erweiterung unseres Horizontes, wie sehr man ein Thema abwandeln kann, ohne es damit zu entleeren. Vielleicht lieben wir diesen Autor deswegen so sehr, weil wir wissen, was wir zu erwarten haben oder was auf uns zukommt, auch wenn es dieses Mal keine Reise nach Wien sein wird, sondern nur nach Edinburgh oder Zürich, gegen Ende des Buches, wo wir unweigerlich wieder auf einen „gutaussehenden, kernigen Österreicher“ stoßen, der noch dazu gut Ski fährt.
 
  Die Abenteuer von Jack Burns und seiner „Gesamtkörpertatowierermutter“ werden jedenfalls einen Platz in unserem Herzen einnehmen, weil wir die Figur schon so gut kennen wie unseren eigenen Bruder und uns seine Marotten ans Herz gewachsen sind. Am Ende ist dann die ganze Familie vereint und wir finden auch den verloren geglaubten Vater. „Venite exultemus Domino!“ ruft dieser am Ende und gemeinsam stimmen wir ein: „Kommt lasset uns dem Herrn frohlocken!“ Ende gut. Alles gut.
 
  In seinem neuesten Buch übertrifft sich der Meister selbst und ich muss diese Floskel verwenden, obwohl sie wahrscheinlich schon für viele seiner Neuerscheinungen strapaziert wurde. Kaum ist das Buch erschienen, sind übrigens auch schon zwei CD- Sammlungen auf dem Markt. Die eine ist eine „Best Of“-Version mit 75 Minuten und die andere eine 1.423 Minuten Version des Buches. Der Diogenes Verlag liest eben schneller. Viel Spaß!
  20 CD 1423 Min Rufus Beck oder 1 CD /75 Min Veit Schubert schon am Markt

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.