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Charles Dickens
Bleak House

Penguin Classics
1986
1036 Seiten


Von Martin Klinkhardt

  Charles Dickens. Der Autor von "Oliver Twist" und "A Christmas Carol". Genau der. Es lag also mal wieder ein Klassiker auf meinem Nachttisch. Und auch wenn die opulente Große des Romans viele von vornherein abzuschrecken droht, kann ich gut und gerne behaupten, daß dieser Roman ungemein lesenswert ist.
  Es geht um viel in "Bleak House". Um einen obskuren und schon lange währenden Rechtsstreit im Court of Chancery - aber "Bleak House" ist kein Gerichtsroman. Um das Leben an der Spitze der aristokratischen Gesellschaft - dennoch bespreche ich hier keinen "klassischen" Adelsroman. Um das Überleben der Ärmsten der Armen: der Obdachlosen und aller derer, die durch die Maschen der viktorianischen Gesellschaft gefallen sind - ein sozialer Roman also? Ja. Nein.
  "Bleak House" ist ein Krimi und ein Roman a la "Jane Eyre" und eine Tragödie und eine Satire auf die gesellschaftlichen Zustände der 1830er mit einem unverkennbaren sozialen Interesse. Dickens hat ein höchst kunstvolles Netz zwischen Menschen gewoben, die man sich kaum weniger zusammengehörig denken könnte: Lady Dedlock, der Mittelpunkt der feinen Londoner Gesellschaft; die halbverrückte kleine Alte, die tagtäglich im Gericht, dem Court of Chancery, sitzt und "ihr Urteil erwartet"; der Straßenjunge Jo, der von der Kreuzung, die er jeden Tag gewissenhaft fegt, vertrieben wird, und Esther, die Frau, von deren bemerkenswertem Leben wir in "Bleak House" viel erfährt.
  Sie alle hat Dickens auf wunderbare Weise verknüpft, mit tausend kleinen Andeutungen, die manchmal den richtigen, oft auch den falschen Weg weisen: Wer den Roman aufmerksam liest, wird über die ganze Lektüre hin Freude haben an den verblüffenden Wendungen, die die Handlung nimmt: Was hat Lady Dedlock wirklich zu verbergen? Wer hat Jo von seiner Kreuzung vertrieben? Ist Mrs. Chadband wirklich ... ?
  Nur eine dieser Fragen bleibt nach dem Willen des Autors offen: woran der Fall Jarndyce & Jarndyce wirklich entbrannte. Vielleicht habe ich's auch überlesen.
  Nach den ersten hundert Seiten bekam ich ein wenig Angst, denn mir schien der Roman eine zweite "Jane Eyre" zu werden, ein Buch, das mich seinerzeit enttäuschte. Wie auch immer: Nicht nur die Handlung an sich, sondern auch der filigrane Aufbau des Werks lassen kaum Langeweile aufkommen. "Bleak House" wird von zwei Erzählern wiedergegeben, von einem allwissenden und der Waise Esther, die sich beileibe nicht regelmäßig oder chronologisch abwechseln, sondern erst dann, wenn für die Förderung dieser Ereignisse nicht mehr getan werden kann. Auch der Stil springt - innerhalb eines Erzählers - hin und her: mal erfahren wir von gewissen Ereignissen in wirklich epischer Breite, anderorts nur skizzenhaft oder wie eine Reportage. Für Kurzweil beim Lesen ist also gesorgt.
  Und jetzt bitte ich um Entschuldigung dafür, daß ich die Leseprobe auf Englisch liefere. Ich habe den Roman im Original gelesen und zur Zeit keine Übersetzung greifbar. Würde ich den Auszug selbst ins Deutsche übertragen, fürchte ich, würde ich den Stil nur ungenau wiedergeben und Dickens nicht gerecht werden.
  [All who are present] are yawning; for no crumb of amusement ever falls from "Jarndyce & Jarndyce" (the cause in hand), which was squeezed dry years upon years ago. The short-hand writers, the reporters of the court, and the reporters from the newspapers in- variably decamp with the rest of the regulars when Jarndyce and Jarndyce comes on. [...] Jarndyce and Jarndyce has passed into a joke. That is the only good that has ever come of it. It has been death to many, but it is a joke in the profession. Every master in Chancery has a reference out of it. Every Chancel- lor was " in it ", for somebody or other, when he was counsel at the bar. Good things have been said about it by blue-nosed, bul- bous-shoed old benchers, in select port-wine committee after din- ner in hall. Articled clerks have been in the habit of fleshing their legal wit upon it. The last Lord Chancellor handled it neat- ly, when,correcting Mr Blowers the eminent silk gown who said that such a thing might happen when the sky rained potatoes, he obser- ved "or when we get through Jarndyce and Jarndyce, Mr Blowers".
  Lest "Bleak House". Und wenn ihr euch firm genug dazu fühlt: Lest es auf Englisch, damit weniger Seitenhiebe verloren gehen. Aber lest es.

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