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Eugen Biser
Gotteskindschaft und Menschenwürde

Glaukos Verlag
2005
72 Seiten
€ 8,80


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Von Richard Niedermeier am 11.01.2006

  Der moderne Mensch ist, wie es schon Pascal beschrieben hat, hin und her gerissen zwischen seiner Größe und seinem Elend. Noch hat er die aus der Tiefe der Geistesgeschichte kommende Bestimmung im Ohr, der Memsch sei ein „animal rationale“, ein geistbegabtes Lebenwesen, hoch erhaben über allem anderen Leben und ausgezeichnet durch seine Vernunft. Doch da bringt sich das jeden Selbstwert verletzende Wort zu Gehör, das den Menschen nur ein höherentwickeltes Tier nennt, ganz eingetaucht in die Vergänglichkeit seiner Welt, ein kurzes Aufleuchten zwischen zwei Finsternissen.
  Was ist also der Mensch? Das ist die drängendste und uns am unmittelbarsten berührende Frage, die viele Antworten, aber keine restlos befriedigende gefunden hat. Steht der Mensch damit in Bezug auf sich selbst in einer unlösbaren Aporie? Ist er dazu verdammt, immer neuen Rattenfängern in die Hände zu fallen, weil er – sich selbst immer fremd bleibend – nie eine unzweifelhafte Wahrheit des Menschseins gegen all dessen Verzeichnungen behaupten kann?
  Eugen Biser, ein Religionsphilosoph und Theologe, der durch seine klare Rückbesinnung auf den Kern des christlichen Glaubens immer wieder den Mut findet, gordische Knoten durchzuhauen, anstatt sich mit ihrer Auflösung endlos abzumühen, ist der Überzeugung, dass wir bei dieser Frage deshalb zu keiner überzeugenden Antwort kommen, weil wir sie falsch gestellt haben. Denn nicht „was“ der Mensch sei, gelte es zu wissen, sondern „wo“ er sei. „Wo bist du?“, ruft jedenfalls in der Paradieserzählung Gott dem sündig gewordenen Adam zu und zeigt damit dessen Verlust seiner ursprunghaften Beheimatung an. Diese Frage nach dem „Wo“ verbeisst sich nicht mehr in abstrakte Definitionen und verfällt auch nicht den Befunden der empirischen Wissenschaften; denn sie zielt auf den lebendigen Menschen in seiner Geschichte, in seiner Welt, in der ganzen Dynamik seines Werdens als Person. Eine solche, als „modal“ charakterisierte Anthropologie begreift den Menschen nicht als fertiges Produkt, sondern als eine erst noch von ihm selbst zu erfüllende Aufgabe. Damit setzt sie den Menschen aber auch in den denkbar weitesten Horizont, in den Horizont Gottes, der der letzte Ziel- und Fixpunkt seines ganzen Werdens ist. So überwindet Biser durch dieses integrale Menschenbild auch die Kluft zwischen einer philosophischen und der theologischen Anthropologie.
  In dem kleinen Büchlein „Gotteskindschaft und Menschenwürde“ gibt Eugen Biser einen knappen Abriss seines anthropologischen Ansatzes. Es ist eine Art Kompendium, das den großen, in vielen Publikationen behandelten Themen seiner Anthropologie (z.B. die vor Gott, dem Mitmenschen und der eigenen, todesbedrohten Existenz empfundene Angst, die in die Sprachlosigkeit, in die Isolation und in die Sünde treibt) noch einmal präzise ihren Platz zuweist und sie zugleich auf ihren Schlußstein hin bezieht, den Gedanken der Gotteskindschaft, der nicht nur abschließt, sondern das Ganze auch zusammenhält und dessen mächtigen Schub bis in die Fundamente zurückleitet. So kündigt bereits der Titel an, dass Menschenwürde – verstanden nicht allein als philosophisches oder juridisches Abstraktum, sondern als Vollzug sinnhaften und erfüllten, also angstfreien Lebens – nur garantiert ist, wenn die Sklaverei des Todes und der Sünde durch unser Eintreten in die Liebesgemeinschaft zwischen dem göttlichen Vater und Jesus Christus überwunden wird.
  Das setzt voraus, sich auch der Gottesbeziehung Christi, des specificum christianum also, zu versichern. Was ist das Neue an der Kunde, die Jesus vom Vater gebracht hat, gegenüber den Gottesvorstellungen all der anderen Religionen? Die Antwort ist erschreckend einfach – „erschreckend“ deshalb, weil sie all unsere offen oder verdeckten anthropomorphen, auf dem Gedanken der Vergeltung, der Rache und der Strafe beruhenden Gottesbilder in den Staub stürzt: Gott ist äußerste, bedingungslose und unzweideutige Liebe; eine Liebe, die, wie an Jesus sichtbar geworden, auch durch den Tod hindurchträgt und für alle, die sich ihr öffnen, Leben ist. Dieses Sich-Öffnen ist der Eintritt in das Kindverhältnis, in die Gotteskindschaft, die erwirkt ist durch die Einwohnung des erhöhten Herrn in uns.
  Das also ist die Antwort auf die Frage, wo der Mensch ist, bzw. wo er, wenn er die Chance ergreift, sein kann: nach der Verlorenheit in der Finsternis jetzt „in Christus“, wie Paulus sagt, weil Christus in ihm ist.
 Das ist für Biser kein über den Abgrund gebauter Glaube, sondern hat sein Fundament in der gerade als Wirklichkeit alle unsere überkommenen Kategorien aufsprengenden Auferstehung Jesu, die sich besonders im Damaskuserlebnis des hl. Paulus für die Genese des Christentums ausschlaggebend spiegelt. So ruft also die Auferstehung den Glauben hervor, und nicht umgekehrt.
  Damit ist erkennbar, inwieweit dieser neue anthropologische Ansatz, der auf die Person, ihr Werden zur Persönlichkeit, ihre Geschichte blickt, in die theologische Thematik hinüberführt. Der Mensch „ist“ nicht einfach, er „wird“; und dieses „Werden“ setzt von seinen Anfängen an ein Gegenüber voraus, das sich ihm zuspricht und ihm in diesem Werdeprozess hilft. Dies gilt auch für jene äußerste Selbstüberschreitung, die der Mensch als das Wesen unendlicher Offenheit und Transzendenz zu vollziehen hat. Und es ist allein der geschichtsmächtige Gott, der diese Selbstüberschreitung und damit auch die Befreiung aus den Verhängnissen der Unheilsgeschichte erwirken kann.
  Somit sind auch die Positionsmarken für einen Glauben gesetzt, der die Angst des Menschen überwindet und zur Freiheit der Kinder Gottes befreit. Es ist ein „mystischer“ Glaube, der vom Gehorsam zum Verstehen, vom Bekenntnis zur Erfahrung und von der bloßen (ethischen) Leistung zur Verantwortung übergegangen ist. Vor allem ist es ein Glaube, der auf der intimen Nähe Jesu, auf seiner Einwohnung in uns beruht, die uns in den transkreatürlichen Stand der Gotteskindschaft erhebt.
  Es ist also alles andere als eine naiv-fromme und weltferne Theologie, die Eugen Biser hier seinen Lesern bietet; sie erschließt vielmehr neue Lebensquellen, die Gott uns in Jesus eigentlich zugedacht hat, die aber in der Geschichte der Kirche oft genug verschüttet waren. Durch sie wird es möglich, den bekannten Glauben auch existentiell wieder einzuholen, darin den „je meinen“ Glauben zu entdecken und als Inspiration für ein angstfreies und sinnerfülltes Leben zu nutzen.

 

 

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