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Therese Fischer-Seidel / Marion Fries-Dieckmann (Hrsg.)
Der unbekannte Beckett
Samuel Beckett und die deutsche Kultur

Suhrkamp
2005
357 Seiten
€ 11,50


Von Volker Frick am 29.12.2005

  „Deutschland ist fürchterlich. Das Geld ist knapp. Ich bin die ganze Zeit müde. Alle modernen Bilder sind in den Kellern.“ So Samuel Beckett 1937 in einem Brief aus Berlin an eine Freundin.
  Irgendwann Ende August 1928 fährt Beckett erstmals nach Deutschland und besucht in Kassel den skandalumwitterten Zweig der Familie, den des Antiquars Sinclair. Beckett ist 22 Jahre alt, als er in diese Familie kommt, seine Kusine Peggy, in die er verliebt ist, fünf Jahre jünger.
  Mitte September schreibt sich Peggy (d.i. Ruth Margaret Sinclair) an einer Schule für Musik, Tanz und Bewegung in Österreich ein. In Laxenburg, 13 Kilometer südlich von Wien, wo Beckett sie Anfang Oktober besucht und bis Ende des Monats bleibt.
  Der Schulalltag der Mädchen findet Eingang in seinen Roman „Traum von mehr bis minder schönen Frauen“: „Alle sehr kallisthenisch und zerebralhygienisch und grandiose Werbeträger für Kraft und Schönheit. Im Sommer lagen sie auf dem Dach und bräunten ihre Popos und Impudenta.“ Als ein Studienkollege ihn Jahre später fragte, wie denn die Geschichte weitergegangen sei, erfuhr er von Beckett nur „er sei ein Weiberfeind geworden.“
  Die nationalsozialistische Propagandashow der Olympischen Spiele ist vorüber als Beckett Ende 1936 zu einer sechsmonatigen Deutschland-Reise aufbricht. Am 2. Oktober kommt er mit der SS Washington in Hamburg an, zieht in eine Pension in der Nähe der Universität, und bleibt zwei Monate. Danach besucht er Lüneburg, Hannover, Braunschweig, Wolfenbüttel, Magdeburg, Potsdam, Berlin, Halle, Weimar, Naumburg, Leipzig, Dresden („Allerliebster erster Eindruck von Dresden, Gefühl von Freiheit und Raum nach dem Dickicht von Leipzig“), Freiburg, Bamberg, Würzburg, Nürnberg, Regensburg und München.
  Allerorten verbringt er seine Zeit in Museen, aber auch in Kneipen und Ausflugslokalen. Er ist leicht übellaunig, da er wenig moderne Malerei sieht. Zehntausende von Gemälden, Graphiken und Skulpturen wurden schon aus Museen konfisziert, die Künstler selbst dürfen nicht arbeiten, sitzen in Gefängnissen oder sind emigriert. 1937 geiert die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ der Nazis von München aus durch das tausendjährige Reich. Da aber hat Beckett Deutschland bereits wieder verlassen, am 1. April 1937 von München aus, mit dem Flugzeug.
  Spätestens seit der Biographie von James Knowlson sind die German Diaries von Beckett aus dieser Zeit bekannt. So beginnt der von Therese Fischer-Seidel und Marion Fries-Dieckmann herausgegebene Sammelband „Der unbekannte Beckett“ mit einer spannenden day-by-day Chronologie dieser Deutschlandreise von Mark Nixon. Dann erzählt James Knowlson über Becketts Begegnung mit dem deutschen Expressionismus in Kassel. Und der Beitrag von James Pilling über das German fever, wie Beckett selbst es nannte, liest sich nicht nur gut, sondern fängt mit der Thematisierung des Trübsinns - Krise und Identität in den 1930ern - das feine Gespinst der frühen Reflektion des späteren Literaturnobelpreisträger ein. Ulrich Pothast verweist auf die Anwendung der Ästhetik Schopenhauers durch Beckett - wie schon in seinem 1982 erschienenen Buch „Die eigentliche metaphysische Tätigkeit“. Erneut Mark Nixon ist es, der einen Blick auf Becketts Berührungen mit der deutschen Literatur wirft und von „einem Gefühl des Andersseins, das Beckett bewußt mit Hilfe von Einsamkeit und Gleichgültigkeit kultivierte“ spricht. Bereits 1963 gab Dieter Wellershoff seine „Versuche über Hemingway, Camus, Benn und Beckett“ unter dem Titel „Der Gleichgültige“ heraus.
  Weitere gewichtige Beiträge renommierter Autorinnen und Autoren thematisieren Becketts Goethe-Lektüre, seine Selbstübersetzungen, oder seine Begegnung mit Karl Valentin in München gen Ende jener Winterreise. Die Kritik deutscher Schriftsteller an der Schreibweise Becketts, wie Peter Brockmeier sie vor Augen führt, zieht nur ein gequältes Lächeln nach sich, fokussiert wird mit einem Satz „Becketts Schreibweise schlagwortartig zitiert, um den künstlerischen Autismus der Dichter, nämlich ihre unpolitische und tendenzlose ‚Perspektivelosigkeit’ als „Endspielspiel“ anzuprangern.“ Ein Wort von Martin Walser, dieses Endspielspiel, und evident symptomatisch für eine zwar frühe aber leicht verquere Rezeption bundesdeutscher Kulturschaffender des Autors Samuel Beckett.
  Martin Brunkhorst immerhin nimmt ein in Becketts Werk wiederholt auftauchendes Fontane-Zitat und arbeitet sich via Foucault und Wittgenstein an Adornos „Kulturmüll“-Vorwurf ab. Doch sowohl dieser wie auch einige andere der mehr oder minder gehaltvollen Beiträge enden abrupt. 17 urteilsfähige Donationen, jeweils im Schnitt um die 17 Seiten lang, inklusive des jeweiligen kakademischen Apparates bestehend aus Literaturverzeichnis nebst Anmerkungen.
  Die zwei herausragenden Beiträge finden sich am Schluß des Bandes. Gaby Hartel schaut auf die ästhetischen Anregungen, die Beckett, ein Kinogeher, im frühen deutschen Film gesucht und gefunden hat, und Therese Fischer-Seidel schreibt unter dem Titel „Nacht und Träume und das deutsche Fernsehen“ über Becketts vorletzte Arbeit für den Süddeutschen Rundfunk. Bereits 1966 verfolgte Beckett in Stuttgart die Fernsehproduktion von „He, Joe“ aus der Nähe. Das Fernsehstück „Nacht und Träume“ schrieb er 1982, gesendet wurde es am 19. Mai 1983, „wenn man so will, sein einziges deutsches.“ Den Titel hatte er Schuberts Lied „Holde Träume, kehret wieder …“ entliehen. Doch auch dieser Beitrag endet abrupt. Das letzte Wort ist Abschiedsvorstellung.
  Das Buch bietet in seiner Gesamtheit eine ertragreiche Lektüre, läßt sich diesseits wissenschaftlicher Blablas gut weglesen und wirft unaufgeregt ein wenig Licht in den geistigen Hinterhof dieses Schriftstellers, verweist en detail auf die Spuren der deutschen Sprache, Kunst, Philosophie und Literatur im Werk dieses Autors, dessen einhundertsten Geburtstag am 13. April des kommenden Jahres weltweit von Kongressen und weiteren Publikationen begleitet sein wird.

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