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Dietmar Grieser
Die böhmische Großmutter
Reisen in ein fernes nahes Land

Amalthea
2005
272 Seiten
€ 19,90


Von Alemanno Partenopeo am 20.12.2005

  Sie werden es mir wahrscheinlich nicht glauben, aber als ich Sonntag morgens dieses Buch beim Frühstücken in die Hände nahm, ließ ich es bis zum Abend nicht mehr aus. Es hatte mich sprichwörtlich – wenn nicht ans Bett so zumindest doch – an den Frühstückstisch gefesselt. Was als harmloses “Geschichten erzählen” anfängt, gestaltete sich für mich zu einer der spannendsten Spurensuchen in unserer unmittelbarsten Umgebung. Reisen sind es ja gar keine: was Grieser hier beschreibt, sind unsere Nachbar, das liegt vor unserer Haustüre, ist keine zwei Autostunden entfernt und so aufs Tiefste mit uns verwoben, dass auch der 50-jaehrige Kommunismus nichts daran ändern konnte, dass man es in diesen Geschichten wirklich vermag, sich selbst wiederzuerkennen.
  Haben Sie zum Beispiel gewusst, dass Otfried Preussler, der Autor des “Kleinen Gespensts” oder der “Kleinen Hexe” aus Reichenberg/Liberec stammt und auch dort aufgewachsen ist? Natürlich erinnern wir uns an seine Kinderbücher, aber wohl keinem ist aufgefallen, dass sie voller Reminiszenzen an die einstmalige sog Sudetendeutsche Heimat sind. Seine berühmteste Geschichte vom Kasperl und seinem Freund Seppel und in die Fänge des bösen Räubers Hotzenplotz und des Zauberers Petrosolius Zwackelmann geraten, erhält damit eine ungeahnt politische Komponente.
  Der “Raueber Hotzenplotz” wurde in einer Gegend geboren, die einstmals zu Österreich-Ungarn gehörte und in einem Ort, der heute Osoblaha heißt, sich früher aber tatsächlich “Hotzenplotz” nannte!1945 wurde es – nach der Vertreibung der Deutschen – umbenannt und unter seinem neuen Namen findet man es im äußersten Nordosten des Landes auf den heutigen Landkarten, in Silesia/Schlesien, wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt und 2004 - durch den EU-Beitritt Tschechiens - wieder in der Mitte Europas angelangt.
 
  Aber es gibt noch viele andere spannende Geschichten, die uns Dietmar Grieser – nach den geographischen Regionen des Landes geordnet - hier auftischt. Etwa die Geschichten über die letzte Liebe Goethes, Ulrike von Levetzow, die in Marienbad Opfer der aufdringlichen Gedichte des deutschen Dichterfürsten wurde und sich Zeit ihres Lebens nicht dagegen wehren konnte und selbst auf ihrem Grabstein – gestiftet von der Goethe-Gesellschaft - noch mit dem unsäglichen in Verbindung gebracht wird, dabei sagte sie noch zu Lebzeiten: “Keine Liebschaft ward das nicht!”
  Aber auch andere illustre Persönlichkeiten besuchten Boehmen und vor allem auch seine Hauptstadt Prag. Wolfgang Amadeus Mozart ist immerhin keine zwei Stunden von Prag entfernt, in Karlsbad, begraben: allerdings nur sein Sohn, der über den Schatten des Vaters nie hinauszuwachsen vermochte, obwohl er auch Musiker und Komponist war. Der Meister selbst war in Prag mehr geliebt als zur damaligen Zeit in Wien. Schon mit elf Jahren gibt er dorten ein Gastspiel unter der Obhut seines Vaters. 20 Jahre später kehrt er zurück und wird mit Melodien aus seinem “Figaros Hochzeit” empfangen. Das hat aber nicht nur rein musikalische Gründe, sondern auch versteckte politische: “Die unverhohlen kritischen Töne, die in Lorenzo da Pontes Libretto anklingen, hört niemand klarer heraus als die aufmüpfigen Prager, die sich von Wien im allgemeinen und von den Habsburgern im besonderen unterjocht fühlen”, wie Grieser spitzfindig schreibt.
  Auch der berühmteste Italiener verbrachte eine gute Zeit in “Beeeehmen”: “Jakob” Casanova schrieb auf dem Landsitz des Grafen Waldstein seine Memoiren und starb schließlich nach einem langen, erfüllten Leben auf Schloss Dux. Am 4. Juni 1798 schläft der 73-jaehrige Casanova fuer immer ein. Immerhin 13 Jahre lang hatte er auf Dux (Nordböhmen) gelebt und mehr oder minder Ärger mit seinen von Waldstein überlassenen Dienstboten gehabt, aber auch Besuch empfangen (sogar Joseph II war einmal zu Gast!) und seine berühmten Memoiren “histoire de ma vie” (Giacomo sprach Italienisch und schrieb Französisch, wie alle gebildeten Menschen des 18. Jahrhunderts) verfasst. 138 Amouren beschreibt er in den Geschichten über seine jungen Jahre.
  Gerne würde ich noch jede weitere Episode aus diesem Buch auflisten, aber am besten ist, sie lesen es einfach selber: besser nicht an einem Montag, denn Sie könnten den Weg zur Arbeit vergessen...
  Dietmar Grieser ist schon seit längerem als Spurensucher in den österreichischen Ländern bekannt. Mit “Wien – Wahlheimat der Genies” oder “Alle Wege führen nach Wien” hat er gleichsam zwei programmatische Titel vorgelegt, die ihn allseits bekannt gemacht haben. Aber auch als Mitglied des PEN-Clubs oder durch seine Auszeichnungen hat er sich schon zuvor einen großen Namen gemacht.

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