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Bettina von Jagow / Florian Steger (Hrsg.)
Literatur und Medizin

Vandenhoeck & Ruprecht
2005
490 Seiten
€ 51,-


Von Volker Frick am 05.12.2005

  James Joyce studierte Medizin, Henrik Ibsen ebenso, wie auch der Arztsohn Georg Büchner, der im November 1836 Über Schädelnerven habilitierte. Ein Lexikon mit dem Titel „Literatur und Medizin“ scheint da nicht uninteressant.
  Dieses Lexikon legt schon im Titel die Gewichtung eher auf die Literatur. Doch die einzelnen Lemma rekurrieren auf überwiegend medizinische Termini, basierend auf der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) und dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-IV). Von „Abtreibung“ bis „Zwang“ werden hier einzelne Stichworte, die von mehr als 80 Autoren erarbeitet wurden, aus medizin- und wissenschaftshistorischer Perspektive dargestellt, um dann den literarischen Repräsentationen in der europäischen Literatur nachzuspüren.
  Bitten die Herausgeber in ihrem Vorwort um Milde, da der eine oder andere Begriff fehlen mag, so verwundern doch in unterschiedlichem Maße Stichworte wie ‚Alter’, Fitness’, oder ‚Krieg’. Die Stichworte ‚Kannibalismus’ und ‚Wasserleiche’ (zu ihr komme ich noch) kämen der Leserschaft einer in den vergangenen Jahren mehr forensisch grundierten Sparte der Kriminalliteratur sehr entgegen, wäre diese als Zielgruppe avisiert.
  Literaten, die mit ihren Werken und deren Figuren medizinisch relevante Sujets aufgegriffen haben, gibt es nicht wenige. Genau dies führt einem dieses Lexikon als erstes vor Augen. Ebenso wie Christine Angot mit ihrem Roman „Inzest“ (unter gleichnamigen Lemma), wird Antonin Artaud erwähnt, der sein „Theater jenseits der Repräsentation anhand der Pest entwirft.“ Das zum Stichwort ‚Infektion’.
  Wenn auch nicht genuin europäischer Schriftsteller, so findet doch auch das Werk des nordamerikanischen Schriftstellers Paul Auster Niederschlag, und zwar unter dem Stichwort ‚Borderline-Störung’. Paul Auster gehört damit zu den „amerikanischen Autoren, deren geistesgeschichtliche Grundlagen in Europa liegen“, wie zutreffend im Vorwort zu lesen ist. Dies gilt zwar ebenso für die Schriftsteller Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides, wohl kaum aber für William S. Burroughs. „In seinen intergalaktischen Science-Fiction-Szenarien fungieren Wort-, Bild- und Klangviren als Instrumente eines totalitären Systems im Hightech-Zeitalter.“ (Stichwort ‚Virus’)
  Ein einseitig übersteigertes Aktualitätsbemühen der Herausgeber zeigt sich daran, das zwar die erst in diesem Jahr erschienenen Bücher „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer (Stichwort ‚Terror’) oder „Die Liebesblödigkeit“ von Wilhelm Genazino (Stichwort ‚Panik’) aufgenommen wurden, andererseits unter dem Stichwort ‚Suizid’ für Deutschland die überholten Zahlen des Jahres 2001 angeführt werden. Neben der Erwähnung einer Erzählung von Klaus Mann unter eben jenem Stichwort, drängen sich nicht nur weitere Werke dieses, als auch Werke anderer Schriftsteller geradezu auf. Erwähnt sei an dieser Stelle nur „Das Handwerk des Lebens“ von Cesare Pavese.
  Die Thematik des in Leben und Werk suizidalen Schriftstellers hätte ein eigenes Stichwort erfordert, zumal die ausführliche Behandlung dieses Sujets in der Wissenschaft durchaus interessante Ergebnisse gezeitigt hat, wie etwa „An analysis of poets and novelists who completed suicide“ von David Lester in Activitas Nervosa Superior (1990), oder auch den Artikel „The Cost of the Muse: Poets Die Young“ von J.C. Kaufmann, erschienen 2003 in der Zeitschrift Death Studies. An dieser Stelle erlaubt sei auch der Hinweis auf die bereits seit 1982 von der John Hopkins University Press herausgegebenen Zeitschrift Literature & Medicine.
  Die ‚Wasserleiche’ als eigenes Stichwort ist insofern überraschend, da sie als Begriff in der erzählenden Literatur kaum auftaucht (sic). Konträr zum Tod Ophelias in Shakespeares „Hamlet“ („blumenbekränzt, singend und schön“), findet die Realität einer Leiche mit langer Liegezeit im Wasser Widerhall in der Lyrik des deutschen Expressionismus, so etwa bei Georg Heym. Weitere Werke, die allerdings eher den Ertrinkungstod einzelner Protagonisten schildern, werden angeführt, doch fehlt hier ganz unzweifelhaft der Ertrinkungstod der Romanfigur Maria Wright, den Denis Johnson mit unglaublicher, schon schmerzhafter Prägnanz über Seiten in seinem Roman „Fiskadoro“ erzählt.
  Manche der Informationen, die unter diesem Stichwort subsumiert sind, finden sich fast identisch unter dem Stichwort ‚Leichnam’ wieder, obwohl von unterschiedlichen Autoren geschrieben. Aber man erfährt auch das schöne Detail, das das Modell für Caravaggios Bild Tod Mariens von 1605/06 „die aufgedunsene W. einer Prostituierten“ war.
  Nach ausgiebiger Lektüre stolpert man unter dem Stichwort ‚Kopfschmerz’ über die Feststellung „Dekadente Neurose liegt den K. von Des Esseintes in Joris-Karl Huysmans’ A rebours (1884, dt. Gegen den Strich) zugrunde.“ Die dekadente Neurose mag allenfalls als rhetorische Figur durchgehen, denn in den aktuellen Ausgaben der eingangs genannten Diagnoseschlüssel ICD-10 und DSM-IV findet sich der Terminus Neurose nicht mehr.
  In conclusio bleibt aber doch zu sagen, dass dieses Lexikon dank sprachlicher Eloquenz eine erfreuliche Lektüre gewährt. Die einzelnen Stichworte werden kulturgeschichtlich umfassend erläutert, die Darbietung der jeweiligen literarischen Be- und Verarbeitungen ist komprimiert, und unter den einzelnen Stichworten finden sich jeweils maximal fünf Literaturhinweise Die Namenskürzel unter den Stichworten werden in einem Appendix aufgelöst. Das Personen- als auch das Werkregister sind klar strukturiert und hilfreich. Ein rundum ergiebiges Lexikon, dessen Fortführung in der Zukunft unbedingt erstrebenswert erscheint.

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