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Robert Misik
Genial dagegen
Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore

Aufbau Verlag
2005
194 Seiten
€ 17,90


Von Alemanno Partenopeo am 22.10.2005

  Endlich ist sie da! Die längst fällige Abrechnung mit der zeitgenössischen Linken. Oder zumindestens mit jener Linken, die Che Guevara T-Shirts trägt und Coca Cola trinkt. Oder mit jenen Linken, die nur verschmitzt spotten und sich durch ihr Schulterzucken als rechts erweisen. Konservativ eben. Wertebewahrend.
 
  Robert Misik versucht es zumindest. Er macht es sich in seinem kleinen schmalen Büchlein zur Aufgabe, dem globalen Trend und der Mode des Linksseins den Wind aus den Segeln zu nehmen. Einerseits will er zeigen, dass mehr dahinter steckt: „Die neue linke Welle ist ein Symptom. Symptom einer Sehnsucht nach starken politischen Alternativen, nach dem `Echten´ und dem `wahren Leben´“. Andererseits frägt er: „Warum es heute so schwierig ist, auf kluge Weise links zu sein – und warum Linkssein doch die einzige Weise ist, klug zu sein“.
  Auf seinem Weg durch die Trends der globalisierten Linken in den Neunzigern streift Misik nicht nur Attac und die Antiglobalisierungsbewegung, Michael Moore, Toni Negri und Slavoj Žižek, sondern auch das Theater des René Pollesch oder Thomas Ostermeiers. In seinem ersten Zwischenresümee (Seiten 78-81) analysiert Misik die Kolonisation der Innenwelt (wie vor 30 Jahren schon Marcuse) und stellt verblüfft fest: „Der Kapitalismus sitzt im Kopf des Einzelnen.“
  Im zweiten „Linke Mythen“ betitelten Teil macht sich Misik an die Heldenzerstörung. An erster Stelle fällt in einem wirklich gelungenen Essay der wichtigste Säulenheilige der Neuen Linken in den Staub: Ernesto Che Guevara. Daraufhin tritt er noch „Andreas“ (Baader) in den Staub, den Misik salopperweise mit Du anredet. Das neue an dieser RAF-Analyse ist: „Andreas“ ist ein Pappkamerad, ein Popstar, er muss laut Misik verstanden werden als eine Mischung aus halb Pistolero, halb Brando.
  Misik weiß, dass Antikapitalismus oder Kapitalismuskritik längst zu einer Pose verkommen sind, mit der es sich verdammt noch mal „sehr gut sehr schnell sehr viel Geld“ verdienen lässt. „Kapitalismuskritik ist ein Produkt des Kapitalismus“, schreibt er in seiner Analyse am Ende des Buches. Alles – auch der Individualismus – wird dem Profitprinzip unterworfen. Das Profitprinzip macht weder vor Andreas Baader noch vor Che Guevara halt. Kunst oder Kultur ist im Kapitalismus - etwa in der Form von Popmusik - zu einem „Surplus-Value“ verkommen, der jedem noch so schnöden Produkt den Absatz garantiert. Aber wo Macht ist, ist auch Widerstand, wie schon Foucault andeutete. Und wer immer neue Lebensformen erprobt, soziale Praktiken von der Kontrolle staatlicher Mächte oder kalter ökonomischer Institutionen befreit, hat Teil an dem neuen Projekt einer neuen Neuen Linken.

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