Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Rudolf Kraus
aus der seele brennen
Mit Illustrationen von Kurt Goivanni Schönthaler

Edition Roesner
2005
131 Seiten
€ 21,90


Von Christel Schweitzer am 12.10.2005

  Lyrik, werden Sie fragen, ist die nicht schrecklich langweilig?
  Gelten Gedichte nicht heutzutage als antiquiert, als geschraubt modern – wer hat nicht in seiner Schulzeit Bekanntschaft mit Jandl und Co. gemacht – dass man sie eher mit Grauen meidet.
 
  Stimmt nicht, nicht in diesem Fall, lesen Sie also bitte ruhig weiter:
 
  Der Gedichtband vom Edition Roesner Verlag wurde mit viel Liebe aus der Taufe gehoben, das erkennt man sogleich beim ersten Griff nach dem Büchlein im 11 cm x 21 cm Format. Der schwarze, feste und geriffelte Karton des Taschenbuchs zeugt von ebenso viel Aufmerksamkeit für das Detail, wie das Transparentpapier zu Beginn, das feste Druckpapier und natürlich „last but not least“ die beigefügten Bilder von Kurt Giovanni Schönthaler.
  Die Gedichte und die Bilder gehen eine gelungene Symbiose ein, die eine Kunstform unterstreicht die andere.
 
  Der überlieferten Vorstellung, dass Gedichte in Reimen, in Versen, in Strophenform, mit Metrum und Kadenzen geschrieben werden/sind, wurde durch die Kunst nach dem 2. Weltkrieg der Nährboden entzogen. Die starren Normen wurden über Bord geworfen, der freie Rhythmus erfunden, das Hauptaugenmerk liegt auf dem Inhalt, auf der Dichte der zu transportierenden Bilder. Auch Kraus folgt dieser Form des Gedichtes und daher weisen seine Gedichte in Summe keine gemeingültige Form auf. Einmal ist ein Gedicht in 3 Verse unterteilt (siehe „wo die scholle bricht“ Seite 13), das nächste Mal ist es ein 5 Zeiler (siehe „schicksal“ Seite 21) usw. Häufig verwendet er das Stylmittel des „Enjambements“ (siehe z.B.: Gedicht auf Seite 13, 17, 21, 31 usw.), als einheitliches Element kann man auch, neben dem Verzicht auf Reimbildung, den Verzicht auf Differenzierung der Groß-und Kleinschreibung anmerken.
  Das lyrische Ich, die Emotionen, die Interaktion mit der Natur, der Umgebung und dem Jetzt stehen im Mittelpunkt vieler moderner Gedichte, so auch hier.
 
  Der Titel heißt „aus der seele brennen“, was zwei Interpretationsmöglichkeiten parat hält: Erstens, dass der Dichter hier das Feuer in der Brust meint. Die Seele brennt, weil das Leben ihr keinen Frieden gönnt. Das Leben hält aktiv, man kann aber auch daran verglühen…
  Der zweite Ansatz wäre, dass man etwas aus der Seele herausbrennen, herausschneiden, los werden möchte, das auf ihr lastet. Die Lyrik lässt beide Interpretationen zu: „romanze in schwarz“ (Seite 49) „…doch auch die schärfste klinge löscht dieses feuer nicht das aus dem herzen aus der seele brennt.“
 
  Kraus hat seinen Gedichtband in vier Teile unterteilt:
 
  Im ersten Teil „Sodbrennen“ findet sich Lyrik, die Gefühle wie Verbitterung, Ohnmacht und Enttäuschung ausdrückt. Wie der Kapiteltitel impliziert, „stößt das Leben dem lyrischen Ich ganz schön sauer auf“. Die beigefügte Illustration dieses Teils stellt eine Frau dar, die sich vielleicht vor Schmerz oder Trauer, möglicherweise aber auch um ihr Antlitz aus Scham zu verstecken, die Hände vor das Gesicht schlägt. Die vorherrschende Farbe ist rot – offensichtlich das Feuer, das im Inneren des lyrischen Ichs brennt. In diesem Teil gefällt mir das Gedicht „die frage I“(Seite 33) am besten:
 
 meine frage nach der liebe
 wurde nie beantwortet
 nicht einmal
 totgeschwiegen
 
 1. Vers:
 Ein „Enjambement“ zieht sich, wie ein roter Faden, durch das Gedicht. Keine Differenzierung zwischen Groß-und Kleinschreibung, es gibt keine Satzzeichen, z.B.: Komma
 
 Der erste Vers stellt eine Behauptung auf, die möglicherweise auf Tatsachen beruht. Dem lyrischen Ich wurde demzufolge die Antwort auf die Frage nach der Liebe (abstrakter Überbegriff für jegliche Begegnung mit der Liebe) vorenthalten. Das ohnmächtige Gefühl, das einen befällt, wenn man mit Indifferenz gestraft wird, ist wohl jedem bekannt. Dieses Gefühl des Übergangen-werdens, des Nichternst-genommenwerdens ist wahrscheinlich schwerer zu ertragen als Bösartigkeit, Hass oder Ablehnung. Das Wort LIEBE, Synonym für so positive Emotionen wie Freude, Zärtlichkeit, Geborgenheit und Glück wird hier ganz bewusst ein Antonym entgegengestellt, nämlich die Kälte der Gleichgültigkeit.
 
 
 einfach
 pharisäerhaft
 übergangen
 „geduld, mein sohn!“
 klingt heuchelnd
 noch
 an meinem ohr
 
 2. Vers:
 Auch hier wieder eine Weiterführung des Enjambements, allerdings mit einem Dialogeinschub, der diesmal sogar über Satzzeichen verfügt, um ihn vom übrigen Text hervorzuheben.
 
 Die Frage nach der Liebe wurde also „pharisäerhaft übergangen“. Der Ausdruck „pharisäerhaft“ wird hier gleichbedeutend mit scheinheilig, arrogant, ja huldvoll verstanden.
 Der Aufruf: „geduld, mein sohn!“ soll den Fragenden beruhigen, ihn ruhig stellen. Da Ungeduld eine Untugend ist und bestraft werden müsste, wird dem Fragesteller also tunlichst empfohlen, die Frage vorerst auf sich beruhen zu lassen. Es könnte sonst mit gar keiner Beantwortung zu rechnen sein.
 Aber, dass hier gar nicht die Absicht vorherrscht, dass die Frage nach der Liebe jemals befriedigend beantwortet wird, ist für das „auskunftheischende“ lyrische Ich leider klar: klingt heuchelnd noch an meinem ohr.
 
 
 ein wenig zeit
 bleibt ja noch
 
 3. Vers:
 Wieder das Stylmittel des Enjambements, hier nur eine Hypotaxe;
 Um den letzen Satz, die Quintesenz hervorzuheben, das Wort „Zeit“ steigend betont – d.h., das Metrum steigt; die Wehmut, die im letzten Wort „noch“ steckt, wird durch das fallende Metrum betont. Es entsteht ein angenehm langsamer, nachdenklicher Rhytmus.
 
 Im letzten Satz hegt das lyrische Ich Hoffnung, dass ja noch ein wenig Zeit vorhanden ist, um die Antwort auf die Frage nach der Liebe doch noch zu finden oder selbst zu entdecken.
 Sehr überzeugend und selbstsicher klingt diese Feststellung zwar nicht, aber ein Hoffnungsschimmer bleibt.
 
 
 Aussage: Darauf zu hoffen dass oder bis andere Menschen die Frage nach der Liebe beantworten, ist sinnlos. Geduldig zu warten bis sich vielleicht andere auf die Suche nach ihr machen, stiehlt lebenswerte Zeit. Die Zeit soll nicht vergeudet werden, denn die Mystik der Liebe offenbart sich nur, wer auch bereit ist sie aktiv zu suchen.
 
 
  Der zweite Teil heißt „barocke [reise]metaphern“ und beinhaltet, wie der Titel angibt, Gedichte über Reiseeindrücke, Momentaufnahmen in der Fremde und in der Heimat.
  Ganz dazu passt das Gedicht „kleine vergänglichkeit“ ,finde ich, nicht.
  Andererseits liegt aber die Assoziation nahe, dass das Gefühl der Vergänglichkeit und das Gefühl der Fremde, der Heimatlosigkeit (selbst in der schönsten Umgebung, mit den liebsten Menschen, während des schönsten Augenblicks) Wahlverwandte sind. Auch die schönste Zeit geht vorüber, zurück bleibt meist Wehmut und Einsamkeit.
  In diesem Buchteil findet sich das Bild eines Menschen – die Farben grün/gelb (Natur?) kontrastieren mit rot/gelb (inneres Feuer?) – der ein grünbedecktes Gesicht hat und beide Hände in den Unterbauch krallt. Ob das Festkrallen in diesen Körperteil das Blut strömen lässt, oder ob dies eine brennend heiße Stelle des Körpers ist, die mit der Farbe rot signalisiert wird, obliegt der Interpretation des Betrachters.
 
  Der dritte Teil nennt sich „zornige lieder“ und beinhaltet Lyrik, die aufbegehrt. Zornig, trotzig hebt man die Stirn gegen die Welt. Es ist der Versuch das Rätsel Liebe zu knacken, die Grundstimmung heißt:„und-jetzt–erst-recht“ . Das lyrische Ich entscheidet sich die Liebe ad personum aktiv zu suchen und hat sie schließlich auch gefunden. Dabei ist es aber eben auch enttäuscht worden: „…Und keiner schert sich um ein gebrochenes Herz das wie Feuer brennt“ (Seite 63).
  Sehr gut gefällt mir hier:
 
  „maximalphilosophie“ (Seite 81)
 
 manchmal
 glücklich
 nie
 zufrieden
 
  Prägnanter kann man die Krux des Lebens gar nicht ausdrücken, wenngleich die Formulierung nicht ganz neu ist.
 
  Auch in diesem Teil findet sich ein Bild wieder.
 
  Der vierte und letzte Teil „dreizehn dreizeiler“ spricht mich auf Grund seines extremen Minimalismus nicht besonders an. Diese dreizehn Dreizeiler klingen wie die Strophen der „Zehn kleinen Negerlein“, nur, dass hier die in der Strophe erwähnte Zahl, nicht sinkt, sondern bis 13 ansteigt. Diese Dreizeiler stellen keinen Mikrokosmos dar, sie erzählen keine Geschichte, sondern vermitteln ein abstraktes Bild. Dieses wird durch Metapher und Synonyme erzeugt, auch durch den Gebrauch des Paradoxon.
  Für meinen Geschmack ist die Aussage der einzelnen Dreizeiler meist zu schal, zu platt, aber von der Vereinfachung, Verknappung lebt dieser Typus Lyrik eben.
 
  Alles in allem, ist Rudolf Kraus und dem Verlag Edition Roesner ein kleiner, feiner Gedichtband gelungen. Er wird keine „große Welle“ erzeugen, aber er wird seine Interessenten finden.
  Dass wir in einer Zeit leben in der ein schlechter, oftmals obskurer und/oder vulgärer Text (eigentlich die Abart eines Gedichtes) eines Pop/Rap-Songs Beachtung findet, die Lyrik aber zum Stiefkind des Büchermarktes verkommen ist, ist sehr bedauerlich.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.