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B. Traven
Das Totenschiff

Diogenes
1983
306 Seiten
Euro 8,59


Von Alfred Ohswald am 02.11.1999

  Er verpaßt während eines kurzen Landurlaubes in Antwerpen die Abfahrt seines Schiffes und verliert dadurch seine Arbeitsstelle und, was sich als viel schwerwiegender herausstellt, seine sämtlichen dort zurückgelassenen Papiere. Da er seine Identität nicht nachweisen kann, wird er bald von der Polizei aufgegriffen und des Landes verwiesen. Aber er ist nirgends erwünscht und so beginnt eine kleine Odyssee von Belgien über Holland und Frankreich nach Spanien. Dort verhalten sich die Menschen großteils freundlich ihm gegenüber und er lebt so recht und schlecht dahin.
  Doch als ihn ein Mann auf einem abgetakelten Schiff anheuern will, willigt er aus dem Aberglauben, eine Arbeit abzulehnen bringe Unglück, ein. Bald stellt sich heraus, daß er auf einem sogenannten Totenschiff gelandet ist. Diese Schiffe sind gut versichert und sollen möglichst überzeugend sinken um dem Eigner die Prämie einzubringen. Die Mannschaft besteht ausschließlich aus Staatenlosen, die in keinem Hafen verschwinden können, weil sie nirgends erwünscht sind. Ein totes Mannschaftsmitglied wird nirgends vermißt und darum sind die Arbeitsbedingungen und die Lebensumstände unvorstellbar hart. So kämpft sich die Mannschaft zum unausweichlichen Schicksal, in der Hoffnung, das Sinken des Schiffes irgendwie zu überleben.
 
  Der Autor, dessen wahre Identität bis heute nicht zweifelsfrei feststeht, schildert das harte Schicksal des Heimat- und Arbeitslosen mit der Sprache der Betroffenen. Dieser, übrigens gut ins Deutsche übersetzte Slang und die Mischung aus Witz und Wut machen das Buch besonders eindringlich. Abseits jeder Ideologie wird die Unmenschlichkeit der Bürokratie und des Staates gegenüber den Ausgestoßenen beschrieben.
  Obwohl das Buch die Zeit nach dem 1. Weltkrieg beschreibt, hat sich daran für Flüchtlinge bis heute wenig geändert und es ist somit leider brandaktuell. Die Abenteuer des Helden bestehen im Überleben in dieser feindlichen Außenwelt und in der später noch gefährlicheren Arbeit auf dem Schiff. Auch das dort jede Unmenschlichkeit als Notwendigkeit zur Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit entschuldigt wird, erinnert nicht nur an die dunkelste Vergangenheit.
  Obwohl die Handlung kaum wirkliche Höhepunkte hat, ist es nirgends langatmig. Dafür ist nicht zuletzt die hervorragende Erzählkunst des Autors verantwortlich.

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