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Arkadi und Boris Strugatzki
Das Experiment
(Grad Obrechenny, 1989)

Heyne
2002
Übersetzt von Reinhard Fischer, überarbeitet von Erik Simon
524 Seiten
€ 8,- [D] 8,30 [A]


Von Alfred Ohswald am 01.08.2005

  In einer Stadt, von der niemand weiß, wo sie sich befindet, leben Menschen aus verschiedenen Zeiten des 20. Jahrhunderts zusammen. Sie alle wurden zu einem bestimmten, meist kritischen Zeitpunkt in ihrem Leben von einem sogenannten Mentor gefragt, ob sie an einem Experiment teilnehmen wollen und haben sich damit einverstanden erklärt. In dieser Stadt wird jedem in einem bestimmten Zyklus eine bestimmte Arbeit zugeteilt. So kann es leicht passieren, dass jemand eine Zeit Hausmeister und darauf eine Zeit Chef einer Fabrik ist. Die Stadt hat eine künstliche Sonne, die jeden Tag ein- und ausgeschaltet wird.
  Der Müllmann Andrej Woronin stammt aus der Stalinzeit in der Sowjetunion und ist ein begeisterter und überzeugter Kommunist. Auch das Experiment hält er für einen Versuch, eine ideale Gesellschaft zu schaffen. Klaglos erledigt er seine Arbeit, obwohl einige Menschen aus seinem Freundeskreis manchmal versuchen, ihm seinen naiven Idealismus etwas auszutreiben. Dieser Idealismus nimmt allerdings gefährliche Formen an, als Andrej im nächst Zyklus zu einem Untersuchungsrichter gemacht wird. Einer seiner besten Freunde bekommt das auf besonders unangenehme Art zu spüren.
  Denn: Das Experiment ist das Experiment - wie die Erklärung und Rechtfertigung der Stadtbewohner für alles Unerklärliche und Unangenehme lautet.
 
  Dieser Roman, der früher und im Original den Titel „Die verdammte Stadt“ hatte, erlebte ein für die kritische Literatur in der Sowjetunion nicht untypisches Schicksal. Die Brüder Strugatzki hatten schon einschlägige Erfahrungen mit der Zensur und wussten darum von Anfang an, dass an eine Veröffentlichung von „Das Experiment“ auf gar keinen Fall zu denken war. Sollte das Manuskript den Behörden in die Hände geraten, war eine Gefängnisstrafe zu erwarten. Der Roman wurde also von Beginn an für die Schublade geschrieben und in Geheimdienstmanier als Kopie bei vertrauenswürdigen Menschen deponiert. Hier ist unzweideutige Gesellschafts- und Systemkritik nicht nur zwischen den Zeilen versteckt. Erst 1988 und 1989 erschienen das Buch in zwei Teilen ohne große Aufmerksamkeit zu erregen.
  Das Hauptaugenmerk des Autoren-Brüderpaares liegt aber beim Verhalten der Menschen unter bestimmten Umständen. Die Hauptfigur Andrej Woronin ist kein Charakter, mit dem man sich gerne identifizieren möchte. Relativ glatt wechselt er vom gutmütig-naiven Idealisten zum Funktionär, der für die „Sache“ über Leichen geht und schließlich zum reinen Opportunisten, der es sich auch in einem faschistischen System schnell bequem eingerichtet hat. Eine Art Gegenpol zu ihm bilden seine Freunde Isja Katzman, ein geradezu ins Groteske überzeichneter Jude, der oft die Rolle des Wissenden im Hintergrund übernimmt, und der geradlinige, pragmatische Bauer Juri.
  Der Roman deckt ein sehr breitest Spektrum ab, auf der einen Seite ist es schlicht eine spannende Geschichte mit interessanten Hintergrund und noch interessanteren Charakteren, und auf der anderen Seite wimmelt es geradezu vor mehr oder weniger versteckten Anspielungen und literarischen Zitaten, dass selbst gute Kenner ihre Mühe haben sollten, auch nur annähernd alle zu erkennen. Eine ziemlich perfekte Mischung aus guter Unterhaltung und gehobenen literarischen Ansprüchen.

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