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Liana Millu
Der Rauch über Birkenau
Mit einem Vorwort von Primo Levi
(Il fumo di Birkenau, 1948)

Fischer
1999
Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
189 Seiten
€ 8,90 [D] 9,20 [A]


Von Volker Frick am 11.07.2005

  Eines der wenigen Bücher, eindeutig der Titel und auch das Vorwort von Primo Levi, eines der wenigen Bücher, die direkt aus der Hölle erzählen.
  Der italienische Schriftsteller Primo Levi stürzte am 11. April 1987 67-jährig in den Tod. Das es sich dabei um einen Suizid gehandelt habe, er doch noch Opfer seines Aufenthalts im Lager Auschwitz-Monowitz geworden sei, wurde in den Raum gestellt, dürfte aber als fraglich angesehen werden. Sein Buch „Se questo e un uomo“ erschien bereits 1947 im Original (deutsch „Ist das ein Mensch? Erinnerungen an Auschwitz“, 1988).
  Der polnische Dichter Tadeusz Borowski starb am 3. Juli 1951, nicht ganz 29 Jahre alt, durch Suizid. Auch er hatte Auschwitz überlebt und Zeugnis abgelegt. Die zwei Bände mit Kurzgeschichten, „Die steinerne Welt“ und „Bei uns in Auschwitz“, sind z.Zt. nicht mehr im Buchhandel erhältlich und selbst antiquarisch kaum zu finden. Die Kurzgeschichten „Bei uns in Auschwitz“ von Tadeusz Borowski bezeichnete Ruth Klüger („Weiter leben“, 1992) als Klassiker der Lagerliteratur. Fragen Sie Ihren Bibliothekar.
  Liana Millu wurde 1914 in Pisa geboren, wuchs bei ihren Großeltern auf. 1936 verliess sie ihre Heimatstadt und arbeitete als Grundschullehrerin in Volterra. Auf Grund der 1938 in Italien erlassenen Rassegesetze wurde sie umgehend aus dem Schuldienst entlassen, worauf sie als Privatlehrerin tätig war. Nach Italiens Kriegseintritt ging sie nach Genua, wo sie sich 1943 der Resistenza anschloss. Im Februar 1944 wurde die Gruppe, zu der sie gehörte, verraten, sie wurde verhaftet, und kam in das Frauengefängnis von Venedig, dann im April 1944 in das Konzentrationslager Fossoli di Carpi in der Nähe von Modena. Der erste Transport von Juden zum Konzentrationslager Bergen-Belsen verliess im Februar des Jahres den Bahnhof von Carpi. Am 16. Mai fuhr ein Güterzug von Carpi aus nach Bergen-Belsen und Auschwitz. Vom 1. Juni bis zum 15. Oktober 1944 war Liana Millu in Birkenau. Danach in einem Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück, in Malchow, wo sie mehr als ein halbes Jahr in einer Waffenfabrik arbeiten musste. Im Mai 1945 wird das Lager aufgegeben. Dreissig Jahre später erzählt sie in dem Buch „Il ponte di Schwerin“ (deutsch „Die Brücke von Schwerin“, 1998), von dem, was danach geschah.
  Schon 1948 aber war „Il fumo di Birkenau“ erschienen. Mit präzisem Blick und einer nüchternen klaren Sprache gibt die Erzählerin in allen sechs Geschichten ihre Erfahrungen wieder. Als literarisch bedeutsames Werk erzählen diese Geschichten aus weiblicher Sicht den Frauenalltag in einem Frauenlager. Und dies tut Liana Millu aus einer distanzierten Position heraus, die seltsam teilnahmslos und unpathetisch die Umwertung aller Werte im Lager nachzeichnet. Die Ich-Erzählerin bleibt stets im Hintergrund. Liana Millu hat mit diesen Erzählungen Ereignisse in Worte gefasst, „Ereignisse, die doch vollkommen außerhalb des menschlich Fassbaren bleiben.“ (Primo Levi)
  Am 6. Februar 2005 ist Liana Millu in Genua gestorben.

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