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Franz Fühmann
Anna, genannt Humpelhexe
Mit Illustrationen von Jacky Gleich und einem Nachwort von Peter Härtling

Hinstorff-Verlag
2004
48 Seiten
€ 9,90 [D] 10,20 [A]


Von Martina Meier am 04.07.2005

  „Sieben Hasensprünge hinter dem Ende der Welt, in einem Wald, wo die Kiefern weiße Blätter und die Birken schwarze Nadeln tragen, liegt heute noch eine Hexenschule.“
  So beginnt Franz Fühmann sein Märchen „Anna genannt Humpelhexe“, das 2002 in einer Neuauflage im Hinstorff-Verlag mit einem Nachwort von Peter Härtling erschienen ist. Inzwischen liegt die dritte Auflage dieses Buches vor, das der DDR-Autor Franz Fühmann, der bereits 1984 starb, schon 1981 erstmals veröffentlicht hat.
  Im Mittelpunkt der kurzen, schnellen Geschichte steht Anna, die von allen nur „Humpelhexe“ genannt wird, sogar von ihrer eigenen Mutter, was besonders schmerzt. Anna hat nämlich ein kurzes und ein langes Bein und weigert sich partout, ein Stück von ihrem langen Bein abhobeln zu lassen, um dann „ganz normal“ zu sein. „Es ist mein Bein“, sagt sie, „davon geb ich nichts her, das ist alles Anna.“
  Fühmann präsentiert hier eine selbstbewusste Hexe, die weiß, was sie will und sich von ihrem Weg nicht abbringen lässt. Anna experimentiert so lange, bis sie schließlich eines Tages ihre ganz eigenen Fähigkeiten entdeckt: Wenn sie auf beiden Beinen läuft, dann humpelt sie. Läuft sie aber nur auf dem langen Bein, dann ist sie so schnell wie der Wind und keiner kann mehr nachkommen. Schlägt sie aber das lange Bein um den Hals und läuft nur auf dem kurzen Bein, dann kann sie so langsam unterwegs sein, dass selbst eine Schnecke wie ein Rennläufer gegen sie wirkt. Und Anna entdeckt zudem noch, dass man auf Händen laufend die Welt verkehren kann. Das hilft besonders in der Mathematikstunde, denn da wird der Lehrer plötzlich zum Schüler.
  Mit diesen besonderen Fähigkeiten ausgezeichnet macht sich Anna daran, das Ende der Welt zu erkunden.
  Dieses Märchen Fühmanns ist sehr vielschichtig und kann anhand unterschiedlicher Interpretationsansätze gelesen werden. Zum einen ist es natürlich die Geschichte eines behinderten Mädchens, das sich und seine Behinderung annimmt, es allen anderen beweist und zeigt, dass es eben andere Stärken hat als eine „normale“ Hexe.
  Peter Härtling macht in seinem Nachwort darauf aufmerksam, dass Franz Fühmann die Geschichte für eine junge behinderte Frau erfunden hat, die er in einer psychiatrischen Klinik kennen gelernt hat. Vielleicht wollte er ihr Mut machen…
  Zum anderen aber ist Franz Fühmann natürlich auch ein Autor, der in der ehemaligen DDR lebte. Und damit wird „Anna genannt Humpelhexe“ auch zu einem politischen Buch. Denn ist nicht Fühmann selbst, der oft an Selbstzweifeln litt wie man immer wieder liest, „Anna genannt Humpelhexe“? Der Dichter, der so anders ist als die Menschen um ihn herum, der eine ganz andere Sicht der Dinge hat als die, die das politische System der DDR vorgab? Der sich aufmacht, das Ende der Welt zu entdecken und dort nur darauf stößt, dass sich zwei Brüder bis aufs Blut bekämpfen. Zwei Brüder in der Zeit der Entstehungsgeschichte des Märchens, das könnten die BRD und die DDR gewesen sein. Die sich politisch bekämpft haben ohne Rücksicht auf Verluste. Anna, die Hexe, fragt schließlich erstaunt, ob sie wirklich Brüder seien. Und die Riesen antworten: „Sieht man uns das nicht an?“ Annas Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ihr seht beide gleich dumm aus, das ist schon wahr.“
  Also beschließen die Brüder, Anna ins Feuer am Ende der Welt zu werfen. Den Kritiker auslöschen, den unliebsamen Schriftsteller mundtot zu machen. Doch das schlägt natürlich fehlt, denn Anna kann den Flammen dankt ihrer besonderen Fähigkeiten gut entkommen. Die beiden Riesen allerdings stürzen ins Feuer und verbrennen, so wird es zum Schluss der Geschichte angedeutet. Kurz bevor Anna von ihrer Mutter geweckt wird…
  Die Illustrationen von Jacky Gleich stützen beide Interpretationsansätze. Zum einen ist da die kindlich gezeichnete Anna gemeinsam mit anderen Märchenfiguren. Doch in der Illustration, die es zu dem Abschnitt über die verkehrte Welt, in der die Kinder ihren Lehrer maßregeln, wird auch die politische Dimension dieses nur 48 Seiten starken Buches deutlich. Hier steht der überdimensional große Kopf des Mannes mit der schwarzen Brille im Mittelpunkt, der Heft und Feder vor sich hält, aber nur feste Regeln im Kopf hat.
  Doch gleich welchen Ansatz der Leser bevorzugt, das Buch von Franz Fühmann sollte er auf jeden Fall einmal zur Hand nehmen.

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