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Christine El Mahdy
Das Geheimnis der Cheops-Pyramide

Goldmann
2005
373 Seiten
€ 9,95 [D] 10,30 [A]


Von Klaus Richter am 27.06.2005

  Wieder ist auf dem deutschen Buchmarkt ein Buch über die Pyramide des Cheops erschienen, jenem monumentalen Grabmal aus der 4. Dynastie, errichtet vor 4500 Jahren, diesesmal aus der Feder von Christine El Mahdy, die bislang in der Pyramidenforschung nicht aufgetreten ist. Kann das Buch "Das Geheimnis der Cheops-Pyramide" von Christine El Mahdy im Vergleich mit anderen Büchern über Pyramiden wie beispielsweise denen von Mark Lehner, Rainer Stadelmann oder Peter Janosi mithalten? Das kommt ganz auf den Leser an. Wer sich nur einmal mit dieser Pyramide beschäftigen möchte, sonst diesem Thema aber wenig oder gar kein Interesse entgegenbringt, wird sicher an diesem Buch seinen Gewinn haben. Er wird es sich durchlesen und es anschließend im Bücherschrank verschwinden lassen.
 
  Wer sich dagegen für Pyramiden interessiert und auch Informationen haben möchte, die über das, was die Autorin schreibt, hinausgehen, der wird von diesem Buch enttäuscht werden.
  Zunächst einmal fehlt dem Buch ein Literaturverzeichnis, so dass man überhaupt nicht weiß, worauf die Autorin ihre Aussagen stützt; dies erweckt den Anschein einer "Friss-oder-Stirb" Situation für den Leser. So wüsste man schon einmal gerne, worauf die Autorin ihre ausführliche Schilderung der ägyptischen Frühzeit auf S. 37 ff. stützt, doch leider belegt sie ihre Aussagen mit keinerlei Quellen. Gleiches gilt den Bildtext zur kleinen Statuette des Cheops, dem einzigen bislang sicher zugeordneten Bildnis dieses Königs. Im Text zur Abbildung der Statuette im Bildteil heißt es, die Echtheit der Statuette werde inzwischen angezweifelt. Von wem?
  Als ob das nicht schon bedenklich genug sind, unterlaufen ihr auch einige grobe Schnitzer, die zumindest den Anschein erwecken, als wüsste die Autorin nicht so recht, worüber sie schreibt. Das fängt im Bildteil an. Das erste Foto zeigt die Pyramiden von Gizeh, laut Bildtext dominiere die Große Pyramide des Cheops die des Chephren und die des Mykerinos. Im Vordergrund ist die Ecke einer Pyramide zu sehen, dahinter erblickt man die Chephren-Pyramide und hinter dieser taucht schemenhaft eine dritte Pyramide auf. Leider ist die Pyramide im Vordergrund die des Mykerinos, die kleinste und damit sicher nicht die dominante Pyramide in Gizeh. Die hinter ihr sichtbare Pyramide ist die des Chephren, und jene dritte Pyramide, die dahinter hervorlugt, ist die Cheops-Pyramide.
  Damit nicht genug, unterlaufen der Autorin bei der Beschreibung des Kammersystems der Cheops-Pyramide auf S. 114 ff. ebenfalls gravierende Fehler. So schreibt sie: "Die Große Pyramide betritt man heute durch eine Öffnung, die Grabräuber in die Westseite geschlagen haben. Der ursprüngliche Eingang liegt gut neun Meter darüber und ist noch immer mit Steinblöcken versperrt." Nun, weder liegt der Grabräubereingang im Westen (vielmehr im Norden, wie auch aus der Grafik auf S. 114 deutlich wird) noch ist der Originaleingang immer noch mit Steinblöcken versperrt. Sehr präzise ist auch folgende Aussage auf S. 115 (Kommentierung des Rezensenten in Klammmern): "Der ursprüngliche Eingang fiel stark zu einer Kammer hin ab, die mehrere Meter und dem Fundament in das Felsplateau geschlagen worden war." Insgesamt sind es 30 Meter. Gänzlich falsch ist folgende Aussage auf gleicher Seite: "Wo der absteigende Korridor durch den Kalkstein stößt, wurde er mit Granitplatten aus Assuan ausgekleidet (es ist kein Granit!). Von ihm aus zweigt schon nach wenigen Metern (es sind sieben Meter) ein zweiter aufsteigender Korridor ab, der ins Zentrum der Pyramide führt. Wie wir wissen, ist er erst nachträglich durch Abänderung des ursprünglichen Plans in die bereits gelegten Lagen aus Kalksteinblöcken gebrochen worden (Definitiv nein !)."
  Lesen wir auf S. 115 weiter, stoßen wir auf folgende Aussage: "Weiter vorn, noch an der Abzweigung, ist in den Boden ein Gitter eingelassen, das einen finsteren Schacht verschließt. Er fällt senkrecht bis in eine unergründliche Tiefe ab." Damit meint die Autorin ganz offensichtlich den sog. Brunnenschacht. Dieser befindet sich jedoch nicht im Boden, sondern der Westwand der Großen Galerie, und so unergründlich ist die Tiefe auch nicht, denn der Brunnenschacht trifft auf den absteigenden Korridor; vermutlich wurde er
 nach dem Begräbnis des Königs von den Arbeitern nach erfolgter Versiegelung des Zugangs zur Großen Galerie als Fluchtweg aus der Pyramide genutzt, wie es die Autorin auf S. 119 auch beschreibt.
 
  All das erweckt den Anschein, dass die Autorin in dem Bauwerk, über das sie schreibt und dessen Rätsel sie lösen möchte, selbst nie gewesen ist! Der Leser, der mit der Materie vertraut ist, fragt sich unwillkürlich, ob er hier von der Autorin auf den Arm genommen wird! Das ist an und für sich schon ärgerlich, wird jedoch übertroffen durch die Einführung zu Teil 1. Hier schreibt die Autorin auf S. 18: "Viele Bücher sind schon zu diesem Thema geschrieben worden. Aber keines hat bisher eine befriedigende Erklärung für die Geheimnisse der Cheops-Pyramide geliefert - bis heute. Auf den folgenden Seiten werden Sie, wie ich hoffe, den Mann hinter den Steinen entdecken - Cheops, der den Bau der Pyramide anordnete. Und zum ersten Mal werden Sie eine durchdachte und logische Erklärung für das Wie und Warum dieses Baus finden. Am Ende dieses Buches werden Sie nicht mehr fragen: 'Warum?' und 'Wie?', sondern; 'Warum ist bis heute noch niemand darauf gekommen?' Dies Aussage ist, so muss man leider konstatieren, an Überheblichkeit nicht mehr zu überbieten. Diese wäre ja noch hinnehmbar, wenn die Autorin dem Anspruch, den sie sich aussetzt, auch gerecht würde, doch das ist bei einem Buch mit den angesprochenen Mängeln nicht der Fall, im Gegenteil, damit werden andere Autoren, die sich des Themas um ein Vielfaches genauer und umfassender angenommen haben als El Mahdy, düpiert.
  Der Rezensent hat sich nach der Lektüre des Buches jedenfalls die Frage gestellt: "Warum dieses Buch?" Es kann keineswegs den Vergleich mit den Büchern von Mark Lehner, Rainer Stadelmann, Miroslav Verner, Peter Janosi und Michael Haase stand halten und als Leser hat man den Eindruck, der Verlag wolle mit diesem Buch auf den lukrativen Cheops-Zug aufspringen, denn dieser König und sein Grabmal sind Markenartikel, die sich gut verkaufen lassen (wobei dem Verlag bei der Gestaltung des Titelbildes ein Fehler unterlaufen ist: Abgebildet ist dort die Mykerinos, nicht die Cheops-Pyramide. Wenigstens das aber sollte stimmen!). Zwar bewegt sich El Mahdy, soweit sich das ohne Quellenverzeichnis überprüfen lässt, auf den Spuren der Ägyptologie und driftet nicht in pseudoarchäologische Sphären ab, dennoch ist dies eines der schlechtesten Pyramidenbücher, die in letzter Zeit auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind.

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