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Helmut Holzhey / Wolfgang Röd
Die Philosophie des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts 2
Neukantianismus, Idealismus, Realismus, Phänomenologie

C. H. Beck Verlag
2004
400 Seiten
€ 26,90 [D] 27,70 [A]


Von Richard Niedermeier am 09.06.2005

  Was kann und was soll eine moderne Philosophiegeschichte eigentlich leisten? Zweifelsohne hat sie Werden und Entwicklung philosophischen Denkens übersichtlich und auf das Wesentliche beschränkt darzustellen. Insofern spricht sie vor allem jene an, die sich in die Philosophie als ganze oder in einen bestimmten Themenbereich, in eine Epoche oder in einen einzelnen philosophischen Autor einarbeiten wollen. Würde sich jedoch eine Philosophiegeschichte darauf beschränken, so wäre der Vorwurf kaum abzuweisen, dass es sich bei diesem Unternehmen eher um eine Geistesgeschichte handle, um eine völlig Historisierung von Philosophie, die als solche nur mehr Beschreibung und Erklärung eines vormals Gedachten, aber keine Philosophie mehr ist. Gegen eine solche Konzeption von Philosophiegeschichte hat sich gerade Heidegger vehement und mit einer bislang ungeahnten Freiheit im Umgang mit Traditionen und Begriffen gewandt.
  Von ganz anderer Art ist die mehrbändige, von Wolfgang Röd herausgegebene „Geschichte der Philosophie“, deren 12. Band im zweiten Teilband inzwischen erschienen ist. Helmut Holzhey und Wolfgang Röd selbst haben sich darin die Aufgabe geteilt, Neukantianismus, Idealismus, Realismus und Phänomenologie in der Philosophie des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts zur Darstellung zu bringen; keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, in wievielen Richtungen fruchtbar allein schon die Phänomenologie gewirkt hat. Diese Überfülle des Stoffes haben die Verfasser durch eine strenge, klar gegliederte Ordnung in den Griff zu nehmen versucht.
  Auf den ersten Blick im Widerspruch dazu steht die Darstellung Max Schelers. Scheler wurde sowohl als Phänomenologe „nach Husserl“ als auch noch eigens als einer der Begründer der „Philososphischen Anthropologie“ abgehandelt. Diese Aufspaltung Schelers rechtfertigt sich nicht nur von Schelers Denken selbst her, das sich synchron wie diachron nicht ohne weiteres auf einen einzigen Nenner bringen lässt; sie ist auch der gelungene Versuch, das Vielgestaltige seiner Philososophie in verschiedene sachliche Kontexte zu bringen, um ihn damit als einen der inspirierendsten Gestalten zu würdigen. Dies kommt zugleich der systematischen Ausrichtung dieser Philosophiegeschichte zugute, die sachbezogen über die jeweiligen Grenzen der behandelten Denker hinausblickt.
 So wird z.B. die Sonderstellung, die Scheler dem Menschen gibt und die, wie Holzhey mit großer Klarheit herausarbeitet, nicht auf einem weiteren, höheren Vitalprinzip beruht, sondern auf der „selbständigen Form“ des Geistes, der das Modell einer Stufenleiter des Wirklichen durchbricht, zum Anlaß, über die Unterschiede des Sublimierungsbegriffes bei Scheler und Freud nachzudenken.
  Dieser Versuch, den Rahmen des Philosophischen zu sprengen und die einzelnen Denker mit dem geistigen Milieu „außerhalb“ zu verbinden, zeigt sich allenthalben; und er ist sicherlich auch in der Vorstellung begründet, die die meisten von ihnen von der Rolle der Philosophie im Konzert der Wissenschaften hatten. Aber es sind nicht nur die allgemeinen Ideen, das Geistesleben und die wissenschaftlichen Theorien, die damals im Schwange waren und Einfluß auf die Philosophie genommen haben; es kommt das ganze historische Umfeld hinzu, darunter auch Politik, Wirtschaft und Technik. Auch diese Faktoren werden eingangs in einem Überblick in Erinnerung gebracht und erscheinen so als Triebkräfte des philosophischen Denkens. Diese Philosophiegeschichte darf sich darum als eine umfassend vernetzte bezeichnen.
  Doch ist dieses Netz keines, in dem der Leser Gefahr läuft, sich in einer Überfülle gleichgeordneter Verknüpfungen und Beziehungen zu verfangen. Zum einen, weil die Verfasser darauf Wert legen, die Aktualität einer philosophischen Theorie zu markieren und so den Sprung über alle Kontexte hinaus anregen; zum anderen, weil sie immer wieder Denkwege in diesem weitgespannten Beziehungsgeflecht aufzeigen, die gangbar, nachvollziehbar sind. Es ist ein geistiges Miteinandergehen, ein Sym-Philosophieren, das die Verfasser ihren Lesern anbieten. Dabei begegnen selbst die großen Philosophen nicht mehr als einsame Geistesheroen wie in anderen Philosophiegeschichten, sondern als Träger eines umfassenden Denkprozesses, der gar nicht einmal vorrangig Ergebnis, sondern vor allem Versuch und Ringen war.
  Philosophiegeschichte ist, das beweist dieses Werk, kein bildungsbürgerlicher Ballast in den Zeiten globaler Ökonomie und triumphaler Technik. In ihr findet, auch wenn manche Antworten als zeitbedingt und überholt erscheinen mögen, der Mensch sich selbst, wird er der großen Themen seines Lebens ansichtig. Diese nicht in beckmesserischer Kleingeisterei oder in oberlehrerhaftem Dünkel, sondern in echt philosophischer Weite und Offenheit den Lesern vorgestellt und so auch an sie weitergegeben zu haben, ist ein großes Verdienst dieses Buches.

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