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[Anonymus]
Liber de causis / Das Buch von den Ursachen. Lateinisch-Deutsch
Mit einer Einleitung von Rolf Schönberger

Meiner Verlag
2003
Übersetzt von Andreas Schönfeld
207 Seiten
€ 19,80 [D] 20,40 [A]


Von Richard Niedermeier am 09.06.2005

  „Jede vorrangige Ursache hat mehr Einfluß auf das von ihr Verursachte als eine umfassende Zweitursache.“ Was hier auf den ersten Blick wie der Inbegriff einer verstaubten philosophischen Schulübung erscheint – der erste Satz des sog. „Liber de causis“ – hat mit seinem Folgetext einige Jahrhunderte die Geister bewegt. Denn in diesem Text verbanden sich die antike Philosophie des Neuplatonismus und ein monotheistisches Anliegen, das die christlichen Denker des Hohen Mittelalters teilten. So entzündet sich am Liber des causis ebenso wie an den Texten des Aristoteles die Frage nach Art der Begegnung von Antike und Christentum und nach der späten Rezeption antiker Texte. Und zwischen beiden, dem antiken Text und der christlichen Übernahme und Umgestaltung, steht eine, uns bis auf den heutigen Tag fesselnde Überlieferungsgeschichte, die noch immer nicht mit letzter Sicherheit erhellt ist, sondern ihre dunklen Stellen behalten hat.
  Es ist allerdings, wie Rolf Schönberger in seiner exzellenten Einleitung hervorhebt, ein auch sprachlich sperriger Text, dem man auch inhaltlich beim besten Willen nicht annähernd die Bedeutung von Platons Politeia oder Aristoteles’ Metaphysik zusprechen wird; und doch fasziniert er darin, daß er das Denken auf eine äußerste Grenze hinführt, die auch die Art unseres philosophischen Sprechens verändert: zur ersten Ursache, die auch Inbegriff der Einheit und der Güte ist. Dieser Ernst, das Höchste zwar nicht zu erreichen und schon gar nicht es zu begreifen, aber wenigstens als Äußerstes anzudenken, schlägt noch heute in seinen Bann.
  Nicht minder beeindruckend aber ist die Geschichte dieses Textes und seiner Rezeption. Rolf Schönberger gibt dazu in seiner Einleitung einen auf dem neuesten Stand der Forschung beruhenden Überblick, der allein aus dieser Perspektive dem Leser wesentliche Aspekte mittelalterlichen Denkens enthüllt. Da werden z.B. die Gründe offengelegt, warum der Liber eine so hohe Autorität im Mittelalter genoß, aber es treten auch Distanzierungsversuche ans Licht, und zwar noch lange bevor im spätmittelalterlichen Nominalismus der Text seine Bedeutung verloren hat. Bei Thomas von Aquin etwa, der einen eigenen Kommentar zum Liber de causis geschrieben hat, findet sich beides: respektvolle Übernahme und ein Bewußtsein um die Grenzen dieses Textes, der sich eben nicht korrekturlos in den christlichen Kontext integrieren läßt. So wirft die Rezeptionsgeschichte auch ein ganz neues Licht auf die Frage nach der Autoritätshörigkeit des Mittelalters.
  Von welchem Drang nach Wahrheit die Denker dieser Zeit beseelt waren, tut sich auch in den mittelalterlichen Stellungnahmen zur Verfasserfrage kund. Während der erste lateinische Übersetzer, Gerhard von Cremona, oder auch Alexander von Hales und noch Albertus Magnus den Liber mit Aristoteles in Zusammenhang bringen bzw. ihn für eine Spruchsammlung aus Aristoteles, Avicenna, Algazali und Alfarabi halten, sieht Thomas von Aquin ihn auf dem Boden der Elementatio theologica des Proklos stehen, allerdings auch mit starken Abweichungen von Proklos, die Thomas einen arabischen Bearbeiter vermuten ließen. Sehr überzeugend vorgetragen die Lösung Schönbergers: Der Liber sei eine Form der Adaption des Proklos-Textes, und zwar „secundum modum recipientis“ (eine Formel, die sich ebenfalls schon im Liber selbst findet: alles, was aufgenommen wird, wird nach Maßgabe des Aufnehmenden aufgenommen), d.h. eine Adaption, die den Interessen eines offensichtlich monotheistischen Denkers (aus der arabischen Welt vermutlich des 9. Jahrhunderts) Rechnung getragen hat. So steht schon am Beginn dieses Textes das Phänomen eines Dialogs zwischen den Kulturen (antiker Neuplatonismus und islamischer Monotheismus), der sich fortsetzt in der christlichen Rezeption des Mittelalters.
  Es gibt also eine ganze Reihe von Gründen, den Liber de causis heute noch zu lesen, und wenn es nur der ist, den großen Scholastiker Thomas von Aquin besser zu verstehen.
  Erleichtert wird die Lektüre durch sehr aufschlußreiche Anmerkungen, die die notwendigen Wort- und Sacherklärungen geben und auch auf die Schwierigkeiten des Textes und seiner Interpretation aufmerksam machen. Ein Glossar erleichtert den Nachvollzug der lateinischen Vorlage. Ein besonderes Lob verdienen die angefügten Vergleichstabellen, die es ermöglichen, den Spuren des Liber de causis im Werk Meister Eckharts und in den Kommentaren von Albertus Magnus und Thomas von Aquins nachzugehen sowie den Liber mit der Elementatio von Proklos vergleichend zu lesen.
  Anerkennung gebührt aber vor allem auch dem Meiner Verlag, weil er nicht nur die unzweifelhaft großen Texte der Philosophie in sein Repertoire aufnimmt, sondern auch Schriften aus der zweiten Reihe in gut kommentierten, auch für die Forschung zuverlässigen und vor allem auch preisgünstigen Ausgaben zur Verfügung stellt. Ein solches Engagement für die Philosophie und die Geistesgeschichte ist heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr!

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