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Paul Broks
Ich denke, also bin ich tot
Reisen in die Welt des Wahnsinns
(2004)

C. H. Beck Verlag
234 Seiten
€ 19,90 [D] 20,50 [A]


Von Volker Frick am 01.06.2005

  In ihrem Artikel „Vergesst den freien Willen“ [Le Monde Diplomatique 14.05.2005, S. 20] schreibt Petra Gehring, Professorin für theoretische Philosophie an der TU Darmstadt: „Derzeit könne man unbesorgt Bücher in Höchstauflage drucken, sobald nur im Titel das Wort „Gehirn“ fällt, das hörte ich aus Verlagskreisen.“
  Der Titel des vorliegenden Buches („Ich denke, also bin ich tot“) gemahnt an Descartes, der Untertitel (Reisen in die Welt des Wahnsinns) erzeugt forensische Gelüste: Im Original trägt dieses Buch allerdings den Titel „Into the Silent Land. Travels in Neuropsychology“, und das beschreibt den Inhalt des Buches schon eher. Der Autor ist Neuropsychologe.
  Und er zaubert, erzählerisch, der Linguist würde sagen: vermittels Textklassen. Eher skeptisch ob der Virulenz des Themas entwickelt sich die Lektüre von Kapitel zu Kapitel erfreulicher, fast hypnagogisch klären sich Abschweifungen zu Literatur. Nach Läsionen von Schläfenlappen, dem Zusammenhang von Erinnerung und Emotion, gelangt der Autor wie beiläufig dann zu Stevenson. Robert Louis Balfour Stevenson (1850-1894), der 1883 „Die Schatzinsel“ veröffentlichte, drei Jahre später: „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“.
 
  Peter Broks ist Neuropsychologe, als solcher ist er in vier Dimensionen zuhause. Und das gelingt ihm mit diesem Buch. An anderer Stelle las ich vor Jahren: „Die Gründe für die bei den Psychologen und den Neurowissenschaftlern bestehende Schizophrenie zwischen ihrem eigenen Gehirn und dem von ihnen untersuchten Gehirn sind wesentlich vielschichtiger, und sie lassen sich nur mit historischen und kulturellen Kategorien erfassen.“
 
  Peter Broks gesteht seine „morbide Faszination“ für die Fallgeschichten, die er erzählt, so wie die einer Frau, einer Epileptikerin, deren Bewusstsein hin und wieder eine Auszeit nimmt. So ist sie zwar bei der Hochzeit ihrer Tochter dabei, kann sich hinterher aber an nichts erinnern. Broks spricht hier mit britischem Humor von „Zombies“. Und er lässt die Gedanken schweifen, gibt medizinische Erläuterungen, schiebt eigene Träume ein, lässt Erinnerungen auftauchen, und philosophische Diskurse vorüberziehen. Aber mit Seele darf man Peter Broks nicht kommen, wenn, dann interessiert ihn das „Ich“, und neben dem Thema der personalen Identität, die ihm eine Illusion scheint, bleibt natürlich die Frage des Bewusstseins. Aber, und das versichert der Autor glaubhaft, da ist nichts außer Blut, Fleisch und Knochen. Das Gehirn.
  Im eingangs erwähnten Artikel schreibt Petra Gehring „Man lese nach, mit wie viel Hilflosigkeit auf die zwar hummeldumme, von der Neuroforschung jedoch hartnäckig wiederholte Annahme reagiert wurde, aus dem zeitlichen Nacheinander zweier Ereignisse in einem bestimmten Versuchsaufbau sei zu folgern, das frühere Ereignis sei für das spätere kausal!“ Sie spricht hier von den so genannten Libet-Experimenten.
  Erfrischend und entspannend ist das Buch von Broks zu lesen, eine unterhaltsame Meditation, eine weiße Wolke, aus der ein klares Gesicht aufscheint, und ich höre mich sagen, so ist das, dann ein lauter Knall. Mir ist das Buch aus der Hand entglitten und auf den Boden gefallen. Am Ende dieses Buches geht es um Teleportation und Buddhismus, und auch das ist ganz und gar nicht obskur, auch wenn das Buch, die eine oder andere Geschichte, verstörend auf unbedarfte Leser wirken mag, in toto ist man/frau nach der Lektüre ein bisschen schlauer, und geht durch die Welt mit gesteigerter Bewusstheit.

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