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Michael Kapellen
Doppelt leben
Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Die Tübinger Jahre

Klöpfer und Meyer
2005
€ 19,50 [D]


Von Volker Frick am 18.05.2005

  Bernward Vesper ist bekannt als Schriftsteller, der maßgeblich nur mit einem Buch an die Öffentlichkeit trat. Dieses Buch mit dem Titel „Die Reise“ erschien 1977, in jenem Jahr als Gudrun Ensslin in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober starb. Bernward Vesper hatte sich allerdings schon 1971 suizidiert. Dieses Buch, ein literarischer Trip – und „Trip“ war einer der Arbeitstitel für dieses Buch gewesen – durch die persönliche und zutiefst deutsche Geschichte des Autors Bernward Vesper, ist schon fast exemplarisch zu nennen für diese Zeit, die in Paris nur mehr unter dem Terminus „Die Ereignisse“ den Mai 68 beschreiben. In der Bundesrepublik Deutschland wähnte dann Peter Weiss das Buch „Die Reise“ aus dem Jahre 77 als den „intellektuellen Höhepunkt des Jahres 68“, und dem ist so.
  Michael Kapellen erzählt uns die Geschichte der gemeinsamen Studienzeit von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin in Tübingen. Das ist nicht detailverliebt, sondern angenehm zu lesen. Aber er erzählt uns darüber hinaus natürlich sehr viel mehr. Dies tut er mit einer angenehmen Unvoreingenommenheit. Was er schön herausarbeitet, ist die Ambivalenz seiner beiden Protagonisten. Gudrun Ensslin erfüllt gemeinsam mit Bernward Vesper den Auftrag, den dessen Vater ihm auf dem Sterbebett erteilte. So erscheint der erste und letztlich einzige Band einer geplanten Werkausgabe des, salopp gesprochen, Blut-und-Boden-Dichters Will Vesper. Andererseits zeichnen beide auch für eine bekannte Anthologie: „Gegen den Tod. Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe“.
  Kaum irritierend an diesem Buch ist, das es sich wesentlich mehr um die Person von Bernward Vesper tummelt als um Gudrun Ensslin (ähnlich wie Gerd Koenen in seinem Buch „Vesper, Ensslin, Baader“, 2003). Erfrischend, die bis dato unveröffentlichte Prosa von Vesper zu lesen: „Vor der blauen Brücke stand ein Taxi und wartete auf einen Fahrgast, der nie erschien.“ Ein Traumtext, der vielleicht Godot evoziert, gleichzeitig eine Doors-Zeile anklingen lässt („The blue bus is calling us“), um dann doch zu erinnern an den Traumtext von Heiner Müller, den Klaus Theweleit aufbereitete.
  Kapellen zitiert natürlich auch aus „Die Reise“, aus der Schillerstraße, das letzte Wort hat Gudrun: „Ich will es ja, o bitte, schlag mich nicht mehr, ich werde lachen!“ Dies und anderes nimmt der Autor, dem unübersehbar an einem Verständnis aus der Zeit heraus gelegen ist, als Schublade, die personale Integrität der Beteiligten als sadomasochistische Beziehung zu kategorisieren. Das musste nun nicht extra hervorgehoben werden. Ein lesenswertes Buch, welches sogar Lust darauf macht, mehr von Bernward Vesper zu lesen („Die Reise“ ist just neu aufgelegt worden). Dazu müsste man allerdings ins Deutsche Literatur-Archiv sich begeben, um dann doch nicht alles zu sehen zu bekommen.

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