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Gabriel Zaid
So Many Books

Sort of Books
2004
144 Seiten
€ 14,95


Von Christel Schweitzer

  Gabriel Zaid aus Mexiko erfreut sich als Dichter und Essayist im spanischsprachigen Raum großer Beliebtheit, aber auch für seine Kulturkritiken ist er wohlbekannt. Zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Basia Batorska lebt er mit drei Katzen inmitten von 10.000 Büchern (nachgezählt?).
  Das vorliegende Buch ist eine geistreiche, kompakte und pointierte Kulturkritik über das "Medium" Buch. Die Wandlungsfähigkeit des Buches im Laufe der Jahrhunderte wird thematisiert. Gabriel Zaid wagt einige äußerst triviale Nebenerscheinungen des Lesens aufzuwerfen, über die sich der lesende Konsument - im Allgemeinen - keine allzu großen Gedanken macht, aber künftig vielleicht machen sollte.
  Die gewählte Erzählform ist das Essay, welches in 13 Kapitel unterteilt ist, die, jedes Kapitel für sich, wiederum als eigenständige Essays gelesen werden könn(t)en.
  Die Feststellung, dass mehr Bücher geschrieben, als gelesen werden, bildet den Anfang der Einleitung von Zaids kleinem, feinem Essay: "The reading of books is growing arithmetically; writing of books is growing exponentially. (S.9)" Im ersten Augenblick mutet der Inhalt des Satzes vielleicht kurios an, aber an hand statistischer Daten lässt sich dies belegen und verifizieren. Die Ausmaße des heutigen Buchmarktes der westlichen Hemisphäre (Angebot versus Nachfrage) haben sich proportional zur Entstehungsgeschichte des Buches entwickelt, früher kamen auf wenige Leser, wenige Bücher, heute stehen vielen Lesern eine schier ausufernde Menge an Büchern zur Verfügung.
  ("After Gutenberg, mass market journalism, film, television, computing, satellite communications, and the Internet have all appeared. With each new development, the end of the book was prophesied, and each time more books were published, with greater ease and on more subjects..." (S. 29)"
  Mit der Einleitung "To the Unrepentant Reader (An den Leser ohne Reue)" beginnt Zaid seinen Diskurs und entführt den Leser auf eine Reise "im Zeitraffer" von der Entstehung der ersten gekritzelten Buchstaben, (siehe auch S. 112) über die kunstvolle und langwierige Herstellung der ersten Abschriften der Bibel, bis hin zur Gutenbergpresse, über den kommerziellen, manchmal auch propagandistisch missbrauchten, Umgang mit dem gebundenen Wissen, bis hin zur Computergesellschaft: "When the book first appeared, Socrates rejected it as inferior to conversation. When the printing press first appeared, some stubborn readers refused to permit industrial products in their libraries... (S. 10)"
  Warum wir überhaupt lesen? Vielleicht, weil "reading liberates the reader and transports him from his book to a reading of himself and all of life. It leads him to participate in conversations, and in some cases to arrange them, as so many active readers do: parents, teachers, friends, writers, translators, critics, publishers, booksellers, librarians. (S. 11)" Das klingt hehr, keine Frage! "All commerce is conversation: in other words, it is culture, always at the risk of becoming blah-blah-blah. It's all very well to feel that books are not a commodity, but dialogue and revelation;...(S. 56)"
  Aber... wie viel schnöder gestaltet sich da die Frage, was man denn nun mit dem gelesenen, geliehenen, ungelesenen, geschenkten oder gekauften Buchexemplar als Ding machen soll. Die Worte im Buch haben in ihrer gedruckten Form erst dann ein Gewicht, wenn es zu einer Interaktion mit dem Leser kommt, wenn nicht schlummern sie passiv dahin. Das tatsächliche Gewicht des Buches aber, aus Pappe und Papier, oder Leder und Papier, ist "verkörperlicht" vorhanden und als solches messbar.
  "Your book is a scrap of paper that blows about in the streets, litters cities, piles up in rubbish dumps of the planet. It is cellulose, and cellulose it will become. (S. 97)"
  Zwei Fragen stellen sich nun: Erstens, wie viele Menschen können tatsächlich all das lesen, was sie interessiert, haben die Zeit und die intellektuelle Befähigung dazu?
  Und zweitens, wie viele Menschen haben denn tatsächlich genug Platz zur Lagerung all dieser Bücher, die interessieren, die man besitzen möchte - weil Bücher (die Aktion des Lesens, wie der Besitz des Gegenstandes) zu Suchtverhalten führen können?
  "Books are published at such a rapid rate that they make us exponentially more ignorant. If a person read a book a day, he would be neglecting to read four thousand others, published the same day. In other words, the books he didn't read would pile up four thousand times faster than the books he did read. (S 22)"
 und
  "A terrible solution is to keep books until you've accumulated a library of thousands of volumes, all the while telling yourself that you know you don't have the time to read them but that you'll be able to leave them to your children. Almost all books are obsolete from the moment they're written, if not before. (S. 15)"
  Die Antwort ist ernüchternd, denn die wenigsten Zeitgenossen - egal, ob Schriftsteller, oder Konsument (hier noch am ehesten Studenten und Pensionisten) - verfügen über zeitliche und örtliche Kapazitäten dieser Größenordnung.
  Es soll jene geben, die gar keine Bücher besitzen, denn sie finden mit Fernsehen und Internet ihr Auslangen, aber das sind nicht die Leute, die Herrn Zaid in diesem Essay interessieren. Er nimmt vielmehr all jene Süchtigen auf's Korn, zu denen auch er sich selbst zählt, die vor keinem Buchgeschäft stehen bleiben können, die ein geliehenes Buch zurückzugeben vergessen, die sich eine ganze Enzyklopädie bestellen, nur um nachher stöhnend über Platzmangel zu klagen. Um den Platzbedarf einzudämmen brauchen wir ja nur Gebrauch von öffentlichen Bibliotheken, den Bücherfundus von Freunden oder das Buch im Internet zu machen? Echte Bücherfreaks tun dies nur im Falle des "Entzugs".
  "...the truly cultured are capable of owning thousands of unread books without losing their composure or their desire for more...a book not read is a project uncompleted. (S. 12)"
  Wie viele Bücher muss man denn nun gelesen haben, um wirklich weiser und erfahrener zu sein? Vielleicht reicht das Lesen und Verstehen eines einzigen Buches, um trotzdem Zugang zu all dem gebündelten Wissen zu haben, dass kultivierte von dumpfen Naturen unterscheidet?
  "What does it matter how cultivated and up-to-date we are, or how many thousand of books we've read? What matters is how we feel, how we see, what we do after reading, whether the street and the clouds and the existence of others mean anything to us; whether reading makes us, physically, more alive. (S. 24)"
  Womit wir bei der nächsten trivialen Frage angelangt sind, ob denn wirklich alle Bücher lesenswert sind? Herr Zaid findet, dass manchen Kollegen durchaus Schreibverbot erteilt werden sollte.
  "I once proposed a chastity glove for authors who were unable to contain themselves. (S. 19)"
  Heutzutage glaubt jedermann seine Memoiren veröffentlichen zu müssen, so banal das Leben auch verlaufen ist/sein mag.
  "Maybe our understanding of our finiteness is the only access we have to the totality that beckons and vanquishes us, that creates an outsize totalizing ambition in us. Maybe all experience of infinity is an illusion, if it is not precisely an experience of finiteness...(S. 24)"
  War früher Bildung eine elitäre Angelegenheit, die von der Kirche organisiert und streng überwacht wurde, hat sich seit der Aufklärung ein stetiger Anstieg der Zahl an Bildungsbürgern erkennen lassen. Im 21. Jahrhundert, so sollte man meinen, gibt es keinen Staatsbürger der "demokratisch regierten Welt" mehr, der Analphabet wäre. Leider nein, denn das Internetzeitalter stattet uns mit Computerrechtschreibprogrammen und Fernsehen aus, passiver Wissenskonsum steigt an und damit die Dunkelziffer der Analphabeten.
  "Those who do read books because they were lucky enough to have had parents or teachers or friends who were readers, those few, even, who read a book a day with the unfettered voracity that later tends to embarrass them...are so few and far between that average book reading is low, even in developed countries...the great barrier to free circulation of books is the mass of privileged citizens who have university degrees but have never learned to read properly. (S. 73/74)"
  Nur, wird wirklich alles, was den Mitmenschen so aus den Federn quillt, auch tatsächlich in gedruckte Buchstaben gepresst?
  "Each of us dreams of having the world's full attention, of everyone else falling silent to hear what we have to say, of everyone else giving up writing in order to read what we have written...the participation of the whole world in a conversation doesn't enrich the dialogue, it diminishes it. (S. 31/33)"
  Wohl nicht, wenngleich die Auswahlkriterien heutzutage fast ausschließlich von Angebot und Nachfrage bestimmt werden. Hier muss man gerechterweise aber trotzdem auch die Existenz jener Nischen anführen, die auf einem treuen Stammkundenstock aufbauen (Bücher über Fachgebiete, ausgefallene Übersetzungen etc.)
  Die Verleger haben es nicht leicht aus dem bunten Sortiment der Manuskripte jenes zu wählen, das einen Druck in Millionenauflage rechtfertigt. "In 1936, Margaret Mitchell's Gone with the Wind became the first novel to sell a million copies in a single year. Alexandra Ripley wrote a sequel, Scarlett, which sold 2.2 million copies in the last hundred days of 1991...a book like Scarlett was available anywhere. (S. 101)" Als Antibeispiele, dass kaufmännisches Gespür nicht immer funktioniert, ist: "Harry Potter" (siehe S. 120/121). Dass der kleine Verlag, der sich das Herz fasste, das Risiko einzugehen, und "Harry Potter" in den Druck zu schicken, samt Autorin, eine goldene Nase verdient hat, braucht man mittlerweile nicht mehr zu erwähnen.
  "What reasons are there for demanding that all books sell millions of copies? Vanity...or national pride? If a book, as compared to a film, is commercially viable even if it doesn't interest more than a few people, why not publish it?
  Ist das Buch nun aber als "druckwürdig" klassifiziert worden und erhältlich, wie funktioniert denn nun die Vermarktung? Wie schafft man, dass der Leser X wirklich zu seinem Buch x kommt? Müssen Mindestauflagen ganz vom Markt verschwinden, weil sie nicht rentabel sind? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass vor 15 Jahren einen Gedichtband "The Poems of Robert Frost" in Wien zu finden, fast unmöglich war. Erst nach hartnäckigem Betteln und einer Wartezeit von über einem Monat bekam ich ein Exemplar. Vielleicht war Frost zu jener Zeit gerade nicht aktuell? Mit dem neuen Internet Büchermarkt wäre mir dieses Erlebnis heute wahrscheinlich erspart geblieben, oder doch nicht?!...-"We readers (not to mention writers) are annoyed when we can't find the books we want, right here and right now. It seems hard to understand why this should happen, considering the implicit model of an exhaustive distribution system that makes all corners of our universe. (S. 99/100)" Oder:"..the best books can become trash if they are randomly placed in the wrong bookshops, libraries, or catalogues...or if the reader is told they are not available when they are. (S. 107)"
  Nicht immer ist es die Suche nach dem einen Buch, die manchmal recht frustrierende Auswirkungen haben kann, es kann auch passieren, dass man über eine "Perle unter Säuen" stolpert:"...in our wanderings across island of overloaded shelves, ...and even in those floating rubbish dumps that bob alongside piers, a fortunate encounter may come swimming along: the message in the bottle you've been waiting for. (S.110)"
  Als ein paar Unternehmen (allen voran AMAZON 1995) auf den Internetmarkt "BUCH" stürzten, ahnten sie wahrscheinlich wenig von den Ausmaßen, die diese Marktlücke ihnen bot.
  "Once AMAZON exists, an encyclopedic bookshop that is one tenth as large becomes much less attractive as a general resource...the constellation factor carries more weight than the factor of scale. (S. 104)" Als besonders lukrativ erwies sich für AMAZON der on-line Verkauf von "used books. Siehe S. 130)
  Es wurde augenscheinlich und zahlenmäßig belegbar, wie viel gelesen wird...und was! Im alten Buchhandelsystem konnte man nur nach den Auflagenzahlen gehen, aber wie viele Ladenhüter ein alter, kleiner Buchladen wohl liegen hatte, dass entzog sich der Statistik. "Some seemingly conservative accounting traditions help publishers fool themselves. The cost of each book is calculated by dividing by the number of copies produced, not the number of copies that will actually be sold, for the obvious reason that the first number is known the second is not. Also, stock is valued at its cost, not at the price of sale, which is conservative for copies that actually will sell, but not for those that won't. (S. 117)" Die Internet Händler haben dieses Problem des, "bye and store till bought" nicht, da sie nur auf Anfrage das Buch vom Druck weg bestellen "...digital systems of printing on demand eliminate the need to keep inventory on hand. (S. 123)" Die Befürchtung, dass nun das Internet und große Bücherketten die kleinen Läden ruinieren würden, traf nur all jene Geschäfte, die die Überfahrt zu innovativer Vermarktung verschliefen. Wenn das Buch alleine nicht mehr als Verkaufsknüller reicht, dann muss man eben dem geneigten Leser eine gemütliche Leseecke mit Kaffee, Tee und Kuchen anbieten.
  Ob, wer liest zur schlaueren Spezies Mensch gehört, lässt Zaid offen, denn derjenige der liest, fischt letztlich in den Erfahrungen eines anderen. Diese nutzbringend umsetzen steht dem Leser frei...denn passive Intelligenz entzieht sich dem Vergleich.
  "There is so much to learn and so little time to live." (Baltasar Gracián)

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