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Gudrun Ensslin
Zieht den Trennungsstrich, jede Minute
Hrsg. von Christiane Ensslin und Gottfried Ensslin

Konkret Literatur Verlag
2005
200 Seiten
ISBN: 3894582391
€ 15,- [D] 15,50 [A]


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Von Volker Frick am 25.04.2005

  Ein Buch mit Briefen aus dem Knast, 1972/1973, an die Schwester, den Bruder. 1972: am 22. Januar titelt BILD auf der ersten Seite: Baader will sich stellen, und am 13. April wird auf der ersten Seite vermeldet Ulrike Meinhof habe sich vergiftet und sei in Hamburg unter falschem Namen eingeäschert worden.
 
  Gudrun Ensslin ist in den sechziger Jahren aktiv. In Berlin, APO und so. Am 4. April 1968 wird sie wegen der zwei Tage zuvor verübten Brandanschläge auf die Frankfurter Kaufhäuser Schneider und Kaufhof verhaftet, später verurteilt. Die Revision des Urteils wird abgelehnt. Gudrun Ensslin tritt, ebenso wie Andreas Baader und Thorwald Proll, ihre Strafe nicht an, sondern taucht ab, geht in den Untergrund.
 
  1972 folgt dann die in den RAF-Annalen begrifflich gefasste Mai-Offensive: am 11. Mai 1972 der Sprengstoffanschlag auf das Hauptquartier des 5. US-Corps in Frankfurt (1 toter Soldat, 13 Verletzte), am 12. Mai der Anschlag auf das Landeskriminalamt in München und der Anschlag auf die Polizeidirektion in Augsburg. Am 15. Mai der Sprengstoffanschlag auf den Bundesrichter Buddenberg in Karlsruhe (1 Verletzte), am 19. Mai der Anschlag auf das Verlagshaus Springer in Hamburg (17 Verletzte), am 24. Mai der Anschlag auf das Europahauptquartier der amerikanischen Armee in Heidelberg (3 tote Soldaten, fünf weitere verletzt).
 
  Am 31. Mai beginnt unter Leitung des BKA mit der „Aktion Wasserschlag“ eine Großfahndung, an der 130 000 Polizisten beteiligt sind. Es folgt am 1. Juni 1972 die filmisch dokumentierte Festnahme von Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins, am 7. Juni 1972 die Festnahme von Gudrun Ensslin, am 9. Juni die Festnahme von Brigitte Mohnhaupt, am 15. Juni 1972 die Festnahme von Ulrike Meinhof, am 9. Juli die Festnahme von Klaus Jünschke und Irmgard Möller.
 
  Das Buch gibt Briefe von Gudrun Ensslin wieder, Briefe aus dem Gefängnis an die Schwester und den Bruder. Schön an dem Buch ist erstmal seine schlichte Existenz, denn wer über all die Jahre die Publikationen zu den jeweiligen Jahrestagen des Deutschen Herbstes oder wahlweise: der Stammheimer Ereignisse, wer filmische oder literarische Annäherungen an diese bis dato in der bundesrepublikanischen Geschichte erstmals aufgetretenen militanten Totalopposition wahrnahm, dem konnte nur wunderlich werden.
 
  So preisgekrönte gruslige Pseudo-Doku-Fiktion wie das „Todesspiel“ von Breloer findet sich auf der nach unten hin offenen Erbrechensskala am Ende … relevante Einblicke einer Überlebenden gewährte Oliver Tolmein in seinem Interviewband mit Irmgard Möller. Als literarische Bedrohungsanalyse ist „Die Herren des Morgengrauens“ von Peter O. Chotjewitz aus dem Jahre 1977 einzig.
 
  Briefe also, Briefe die zwar zwischen marxistischer Theorie, dem Wunsch nach Kosmetika, Kuchen und Klamotten als auch Buchempfehlungen wie –wünschen pendeln, so aber wird doch schnell klar, das hier eine Frau voller Überzeugung von dem schreibt, was sie umtreibt. Ganz im Sinne Lenins: „Was uns zum Subjekt macht, ist der Kampf gegen die Verdinglichung als Kampf gegen den Apparat, den Staat, in dem sich diese Entfremdung verkörpert.“ Das es Briefe gibt, die die Adressaten erst nach fast zehn Jahren erreichten, als ihre Schwester bereits vier Jahre tot war, und das wiederum die Briefe der Geschwister an Gudrun Ensslin verschollen sind, das ist dann auch mehr als nur eine anekdotische Annotation.
 
  Natürlich schreibt Gudrun Ensslin von den Schikanen im Knast, und das Wort „Schwein“ für den Zensor, der mitliest, spart sie sich dann. Die Briefe sollen ja durchkommen. Drei Jahrzehnte alte Briefe von Gudrun Ensslin zu lesen versöhnt niemand mit keinem. Der ansprechende Imperativ des Titels dieses Buches ist trefflich durch die Briefe illustriert. Zum Schmunzeln lädt der Schluss des Briefes vom 9.9.1972 an ihre Schwester ein: „Sieh mal bei Gelegenheit nach, ob es von Hieronymus Bosch einzelne Nachdrucke gibt (ein Bildband ist zu teuer), wenn, schick’ mal einen, einen auf dem möglichst viel Lust und Grauen drauf ist, ja?“

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