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William S. Burroughs
Ghost of Chance

Hannibal
2003
Übersetzt von Manfred Gillig-Degrave
110 Seiten
€ 17,90 [D] 18,40 [A]


Von Volker Frick am 21.04.2005

  William Seward Burroughs, der Altmeister der US-Avantgarde, der am 2. August 1997 im Alter von 83 Jahren starb, bekannt geworden durch seine Bücher „Junkie“ und „Naked Lunch“, den Timothy Leary einen ‚Textverarbeiter‘ nannte, lange bevor dieses Wort überhaupt existierte, der aber im Gegensatz zu Leary jede erdenkliche Droge antestete, Burroughs, der zwar nicht den Cut Up erfand (das war sein langjähriger Freund Brion Gysin, gestorben in Paris am 13. Juli 1986), ihn aber als literarisches Mittel kontinuierlich einsetzte, Burroughs und sein immenser Einfluß auf die Rockmusik. Erstaunlich wie wenig Resonanz dieser Literat heutzutage erfährt.
 
  „Alles geht dahin, um Platz zu machen für immer degenerierteres menschliches Vieh, mit ständig abnehmenden wilden Lebensfunken, der unschätzbaren Zutat – Energie zu Materie. Eine ausgedehnte Schlammlawine seelenlosen Schlicks.“ Ein Zitat, so zu lesen auf der letzten Seite der Burroughs-Bio von Barry Miles (dtsch: „William S. Burroughs“, Hamburg 1994). In dem 1995 von Marcel Beyer und Andreas Kramer herausgegebenen Burroughs-Reader findet sich, übersetzt von Jürg Laederach, die Story „Christus und das Museum der ausgestorbenen Arten“ von Burroughs, die im Original 1989 erschien („Christ and the Museum of Extinct Species“. Conjunctions. 13: 264-73).
 
  „Ghost of Chance“ (1991) von Burroughs ist jüngst unter dem Originaltitel ins Deutsche übertragen worden, von Manfred Gillig-Degrave. Die erwähnte Story ist in diesem Buch implementiert, was einen Burroughs-Leser kaum überraschen wird. Was für ein Buch! Es zeigt einmal mehr wie dieser Schriftsteller sich um ein isoliertes Phänomen windet, im nah kommt, es nicht zu fassen bekommt, und gerade diese Zwischenstadien eine Trance der Lektüre evozieren, die für Botschaften, die sich vehement gegen alle Kontrollmechanismen formulieren, wunderbar empfänglich wird.
 
  „Potiphar gab alles in die Hand Josephs und kümmerte sich neben ihm um nichts als die Speise, die er aß.“ So nachzulesen in der Genesis – und, kommt es der Beschreibung eines Parasiten nicht recht nahe? Überraschend ist es dann auch nicht in dem Buch „Der Parasit“ von Michel Serres zu lesen: „Die irreversible Zeit der Geschichte beginnt mit der Einführung des menschlichen Parasiten…“ Der Mensch bei Burroughs ist der wahre Parasit: „Der Mensch hat seine Seele für Zeit, Sprache, Werkzeuge, Waffen und Vorherrschaft verkauft.“
 
  Um 1700 strandet Captain Mission (!) mit mehreren Männern auf Madagaskar. Die Zivilisation tritt auf, die Natur ab. Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte sind die nur auf Madagaskar beheimateten Lemuren, und, wen wundert’s, sie sind vom Aussterben bedroht. Der „Homo sap“ hingegen, so destruierend legt es uns der studierte Anthropologe dar, hat seine Chance verpasst. Der „Homo sap“ isst seinen Teller leer, da ist dann nichts mehr. Nur der Mensch, ein heruntergekommener Primat. Wobei sap im angloamerikanischen Sprachraum die Bedeutungen Trottel und Totschläger umfaßt.
 
  Drogen, Permutationen und leicht paranoide Seitenhiebe flirren auch in diesem Buch über die Seiten. Der Nebel am Rande des gerodeten Dschungels lichtet sich nicht mehr. „Es gibt kein Limit für das, was die Medien schlucken und dann in ihrer redaktionellen Berichterstattung wieder ausspucken. Wo liegt also das Problem?“
 
  Ruanda im Kino; und zoologische Einrichtungen allemal pervers. Burroughs zu lesen ist immer erfrischend anregend, ihn zu empfehlen unbedingte Übung. Im Nachwort klärt er selbst noch ein wenig auf über die Lemuren, und der Übersetzer verweist auf zwei URLs zum historischen Fundament dieser Geschichte (von denen eine allerdings nicht mehr aufzurufen ist).

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