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Nicholas Reeves
Echnaton
Ägyptens falscher Prophet

Philip von Zabern Verlag
2002
238 Seiten
€ 29,- [D] 29,90 [A]


Von Klaus Richter am 26.03.2005

  Der ägyptische Pharao Amenophis IV., besser bekannt unter dem Namen Echnaton, gehört wohl zu den faszinierendsten Persönlichkeiten des alten Ägypten. Dem König, der Amenophis III. auf den ägyptischen Thron folgte und der den Niedergang der glanzvollen 18. Dynastie einleitete, wurden schon viele mehr oder weniger gelungene Sachbücher und Romane gewidmet. Auch Nicholas Reeves, bekannt durch das Buch "The complete Valley of the Kings" (dt. "Das Tal der Könige", Econ Verlag), befasst sich mit Echnaton, und vorweg sei gesagt, dass sein Buch als rundweg gelungen bezeichnet werden darf.
 Echnaton, Sohn von Amenophis III. und seiner königlichen Gemahlin Teje, fasziniert die Menschen aus vielerlei Gründen:
  Nach der langen und stabilen Herrschaft Amenophis III., die Ägypten ungeahnten Reichtum einbrachte, etablierte er einen neuen Kult um den Sonnengott Aton (die Sonnenscheibe) und entzog der mächtigen Priesterschaft des Reichsgottes Amun die Herrschaftsgrundlage; mit seiner schönen königlichen Gemahlin Nofretete verließ er die bisherige Hauptstadt Theben (Waset) und stampfte eine neue Hauptstadt mitten aus dem Wüstenboden: Achet Aton, der Horizont des Aton, deren kümmerliche Überreste im heutigen Tell el Amarna ausgegraben und erforscht werden. Diese Stadt war das kulturelle Zentrum des Aton-Kultes, dessen einziger und wahrer Hohepriester der König selbst war. Der Reichsgott Amun und seine Priesterschaft wurden konsequent verfolgt, andere Götter außer Aton waren in Achet-Aton verboten; das verleitete so manchen zur Annahme, Echnaton sei der Erfinder des Monotheismus;
  Echnaton schuf eine neue, radikale Richtung in der ägyptischen Kunst. Die bisherige idealistische Darstellung des Königs und hoher Würdenträger in Gräbern oder in Statuen wurde durch eine schonungslos überzogene, beinahe karrikaturhafte Darstellung ersetzt, wobei insbesondere bei dem König und seiner Familie krankheitsbedingte Deformationen aufzufallen scheinen;
 Nach 17 Jahren Herrschaft verstarb Echnaton; ihm folgte zunächst ein ominöser König namens Semenchkare auf den Thron, der jedoch nur zwei Jahre regierte. Auf Semenchkare folgte Tutanchamun, der nach 10 Jahren Herrschaft im Alter von 18 Jahren verstarb; wurde er ermordet, möglicherweise von dem „Gottesvater“ Eje, dem Vater der Nofretete? Eje folge Tutanchamun jedenfalls auf den Thron, regierte aber nur noch zwei Jahre. Sein Nachfolger Haremhab begann mit der rigorosen Ausmerzung der Herrschaft des „Ketzerkönigs“ Echnaton und seiner Nachfolger und begründete mit der Einsetzung seines Generals Paramessu (Ramses I.) als seinen Nachfolger die 19. Dynastie.
  All dieses findet sich in dem Buch von Reeves wieder, wobei Reeves aber möglichst auf weitgehende Spekulationen verzichtet und sich auf die konkreten Befunde stützt, soweit dies zur Darstellung der Epoche Echnatons möglich ist: Gänzlich ohne Spekulation kommt auch Reeves nicht aus, denn dazu bietet diese spannende Phase der altägyptischen Geschichte auch bei seriöser Betrachtung eine Menge Gelegenheit. Dabei zeichnet Reeves ein faszinierendes Bild dieser Zeit.
  Vieles deutet darauf hin, dass Echnaton seinem Vater Amenophis III. nicht erst nach dessen Tode auf den Thron folgte, sondern noch zu seinen Lebzeiten von ihm als Mitregent eingesetzt wurde. Nach dem Tode des alten Königs etablierte Amenophis IV. allerdings sehr schnell sein eigenes Herrschaftssystem. Deutlich wird dies beispielsweise im Grab von Amenophis III. Wesir Ramose, das den schnellen Wandel in der Kunst dokumentiert (Abb. 59 und 60, S. 114 f.).
  Echnaton litt offenbar an dem Marfan-Syndrom, einem genetischen Defekt, der weder zu einer Geisteskrankheit führt noch die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt. Darauf deuten die Darstellungen Echnatons hin, er scheint die Merkmale dieser Krankheit an sich und seiner Familie als göttliche Gegebenheit hingenommen zu haben (S. 171 ff.). Darauf deutet auch ein Skelett hin, das im Grab KV 55 gefunden wurde und das die Überreste von Echnaton sein könnte (S. 96 f.). Das Marfan-Syndrom führt zu einem frühzeitigen Erblinden (auch dafür sprechen einige Darstellungen des Königs) und führt zu einer erhöhten Gefahr des plötzlichen Herztodes. Möglicherweise erlitt Echnaton einen Herztod, vielleicht wurde er aber auch ermordet; Reeves lässt dies offen (S. 201 f.).
  Reeves erläutert den Aton-Kult des Königs, mit dem dieser der mächtigen und einflussreichen Priesterschaft des Reichsgottes Amun die Herrschaft abgrub, schildert die Rolle des Königs als der Hohepriester des Aton (worauf sich auch sein Name „Echnaton“ bezog) und geht ausführlich auf den von Echnaton geschriebenen „Großen Sonnenhymnus“ ein (S. 160 ff.). Auf die Diskussion, ob Echnaton möglicherweise als erster in der Weltgeschichte den Monotheismus begründete, geht Reeves ebenso wenig ein wie angebliche Bezüge zwischen Echnaton und Moses. Allerdings weist er darauf hin, dass es bereits unter der Herrschaft von Amenophis III. eine starke Tendenz weg von Amun hin zu Aton gab, die bereits mit dessen Vater Thutmosis IV. seinen Anfang nahm (S. 56 f.). Echnaton hat den Aton-Kult nicht erfunden, er hat ihn jedoch zur Staatsreligion gemacht und völlig auf seine Person konzentriert.
  Reeves beschreibt sehr detailliert die Stadt Achet-Aton, wie sie bislang von den Ägyptologen ausgegraben und erforscht wurde; zudem geht er auf das Umfeld der Stadt ein, nämlich die Stelen, mit denen der König jene Grenzen festlegte, die er nicht mehr überschreiten wollte (S. 136 ff.) , das Königsrab und die Privatgräber (von denen übrigens keines durch seinen jeweiligen Erbauer „belegt“ wurde – ein Zeichen für den schnellen Verfall des Atonkultes nach dem Tode Echnatons).
  Reeves liefert zudem eine plausible Erklärung für den Neubau der Hauptstadt Achet-Aton und den Auszug aus Theben. Vielfach wurde dies als Marotte des Königs dargestellt, der in seinem Aton-Wahn auf der Suche nach einem geeigneten heiligen Platz für seinen Gott war und Theben verließ, nachdem er ihn gefunden hatte. Reeves vermutet hinter dem Auszug ein handfestes politisches Kalkül: Das politische Umfeld in Theben war dem König und seinen Reformen feindselig gesonnen, und um sich entfalten zu können, gründete der König eine neue Hauptstadt, umgeben von seinen Getreuen. Als Beleg dafür zieht Reeves zwei Beispiele aus der Geschichte heran: Die Gründung des Heian-Staates in Japan im 8. Nachchristlichen Jahrhundert, ein erfolgreiches Vorhaben (S. 120), und die Gründung der Stadt Itj-taui (nahe el-Lischt) durch einen Vorgänger Echnatons aus der 12. Dynastie, Amenemhet I. Amenemhet I. scheiterte und wurde durch seine eigene Leibwache ermordet (S. 121 ff.), und ebenso sollte Echnaton scheitern.
  Mit zwei Behauptungen räumt Reeves auf: Der König war weder homosexuell (S. 192 ff.) noch fiel seine königliche Gemahlin Nofretete in Ungnade (S. 196 ff.). Vielmehr avancierte sie zur Mitregentin des Königs und trug als solche den Namen Ancheprure Nefernefruaton und bestieg nach dem Tode Echnatons als Königin Ancheprure Semenchkare den ägyptischen Thron (S. 199). Darstellungen, die den König angeblich in zärtlicher Umarmung mit seinem (männlichen) Mitregenten zeigen sollten, gewinnen so ein ganz neues Bild.
  Nach nur zwei Jahren verschwand die Königin Semenchkare von der Bildfläche, möglicherweise ermordet nach einem gescheiterten Verhandlungsversuch mit den Hethitern, die ihr als Verrat ausgelegt worden sein könnten (S. 204 ff.; man sieht, auch Reeves kommt nicht ohne Spekulationen aus). Ihr Nachfolger Tutanchamun, vermutlich ein Sohn Echnatons und einer Nebenfrau namens Kija, leitete, vermutlich gesteuert durch seine Berater am Hofe, durch die Wiedereinsetzung der alten Götter eine Gegenreformation zu Echnaton ein, doch bevor seine Regierungszeit wesentliche Erfolge zeitigen konnte, starb er nach nur 10 Jahren Herrschaft. Über die Todesursache des jungen Königs ist viel spekuliert worden, erinnert sei hier nur an die Bücher „Der Mordfall Tutanchamun“ von Bob Brier und „Tutanchamun“ von Christine El-Mahdy. Während letztere von einem natürlichen Tod ausgeht, vermutet Brier, dass der König einem Komplott zum Opfer fiel, das von seinem Wesir, dem „Gottesvater“ Eje ausgeheckt wurde. Diese Annahme greift Reeves auf und folgert auf der Grundlage von Bob Brier, dass der König von Eje umgebracht wurde, möglicherweise weil dieser befürchtete, dass Tutanchamun seinem Vater Echnaton nacheifern könnte, den Aton-Kult neu etablieren könnte und sich obendrein für die Verunglimpfung des Andenkens seines Vaters an Eje rächen könnte (S. 218). Dabei muss Reeves aber einräumen, dass der König auch eines natürlichen Todes gestorben sein könnte. Immerhin litt er, wie sein Vater, an dem Marfan-Syndrom und könnte einem akuten Herzversagen erlegen sein (S. 216). Eine schorfähnliche Verletzung an der linken Wange der Königsmumie ließe auch die Vermutung zu, dass der König an der damals im Nahen Osten grassierenden Pest verstarb (ebd.). Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der König in der Tat an einer Infektion verstarb. Der ägyptische Ägyptologe und Leiter der ägyptischen Altertümerverwaltung Zahi Hawass hatte Anfang 2005 mit einem Computer-Tomographen Aufnahmen der Königsmumie gemacht. Die Untersuchung ergab, dass Tutanchamun kurz vor seinem Tod einen Beinbruch erlitten haben könnte. Die Wunde könnte sich infiziert und den Tod des jungen Königs verursacht haben, so glaubt Hawass. Im Jahr 2002 waren bereits Röntgenbilder der Mumie aufgenommen worden, die zeigten, dass der Pharao an einer Verkrümmung der Wirbelsäule litt. Die Erkrankung war wahrscheinlich erblich bedingt (auch die Mumien der Töchter Tutanchamuns weisen diese Deformierung auf) und schränkte die Bewegungsfähigkeit des jungen Mannes stark ein. Es spricht also alles für einen natürlichen Tod. Von den aktuellen Untersuchungen durch Zahi Hawass konnte Reeves allerdings noch nichts wissen, als er sein Buch über Echnaton schrieb. Aus seiner Perspektive erschien der Mord an Tutanchamun in der Tat als plausible Erklärung für seinen frühen Tod.
  Auch wenn die Forschung Reeves in diesem Punkt überholt hat, vermittelt sein reich bebildertes Buch faszinierende und profunde Kenntnisse über Echnaton und die 18. Dynastie. Wer etwas über diese spannende Zeit erfahren möchte, wird um das Buch von Reeves nicht herumkommen, es ist definitiv ein „must read.“

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