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Rico Paganini / Armin Risi
Die Giza-Mauer

Govinda Verlag
2005
237 Seiten
€ 18,- [D] 18,50 [A]


Von Klaus Richter am 19.03.2005

  Es gibt Bücher, die erzählen spannende Geschichten. Es gibt Bücher, die vermitteln Wissen oder beschreiben die Entwicklung von Wissenschaft und Forschung. Und es gibt Bücher, die sind ganz einfach nur gegenstandslos.
  Das vorliegende Buch gehört in die letztere Kategorie. Weder erzählt es spannende Geschichten, noch vermag es auch nur ansatzweise Wissen zu vermitteln oder gar wissenschaftliche Forschung zu beschreiben, sondern es enthält von vorne bis hinten ein Sammelsurium an Spekulationen und unbegründeten Behauptungen über angebliche Rätsel im alten Ägypten. Aber der Reihe nach.
  Aufhänger ist eine Verschwörungstheorie, wonach das Giza-Plateau bei Kairo heimlich eingemauert wird. Ein solcher Mauerbau ist an und für sich noch nichts schlimmes, doch befinden sich auf dem Giza-Plateau die Monumente des alten Ägypten, die es Autoren des pseudowissenschaftlichen Spektrums, zu denen auch Paganini und Risi gehören, immer schon angetan haben: Die Pyramiden des Cheops, Chephren und Mykerinos, dazu der Sphinx mit seinem Sphinxtempel und dem Taltempel. Hier vermuten Autoren des pseudowissenschaftlichen Spektrums seit jeher verborgene Geheimnisse und unterstellen, die Ägyptologie, deren Anliegen die Erforschung dieser Anlagen ist, verberge Erkenntnisse vor der Öffentlichkeit, die nicht in ein wohlfeil zurechtgezimmertes Weltbild der Ägyptologen passen. Dazu gehören insbesondere angebliche Geheimkammern unter dem Sphinx oder in den Pyramiden selbst. Und um die Verschleierung solcher Entdeckungen darum soll es sich den Autoren dieses Buches zufolge bei der heimlichen Errichtung der ominösen Giza-Mauer handeln, dies passe nur zu gut in die ohnehin vorhandene Verschleierungstendenz der ägyptologischen Forschung. In einem Appell fordern die Autoren denn auch die Weltpresse auf, sich dieser Mauer anzunehmen, die heimlich, d.h. verborgen vor den Augen und Kameras der Journalisten, in Ägypten errichtet werde, einzig und allein zu dem Zweck, unerwünschte Entdeckungen zu verschleiern (S. 204 ff.).
  Eine Verschwörungstheorie wie so viele andere, und mindestens ebenso hanebüchen. Zunächst einmal fragt sich der Leser, was denn so heimlich an einem Mauerbau sein soll, den jedermann verfolgen kann, der das Giza-Plateau besucht. Die Erklärung für die Mauer ist simpel: Die meisten archäologischen Stätten, die für den Tourismus zugänglich gemacht werden, sind eingezäunt, einmal um die Anlagen zu schützen, zum anderen um den Zugang durch Touristen unter Kontrolle zu halten. Hinter dem Bau dieser Mauer verbirgt sich nichts Mysteriöses, und dass Polizisten und Anwohner in Giza schon mal gereizt auf die sogenannten „unkonventionellen Pyramidenforscher,“ die hinter jedem Stein einen Außerirdischen vermuten, reagieren, ist verständlich.
  Bereits hier zeigt sich die völlige Haltlosigkeit der Behauptungen der Autoren. Doch bleiben wir noch ein wenig auf dem von ihnen eingeschlagenen Pfad. So wollen wir erst einmal glauben, dass diese Mauer dazu dienen soll, geheime Entdeckungen in Giza vor der Öffentlichkeit zu verbergen – insbesondere unterirdische Anlagen. Wer aber nun die angebliche Beweisführung der Autoren liest, der merkt schnell, wozu die Verschwörungstheorie „Mauerbau“ dienen soll: Sie ist nur ein Aufhänger, um all jene Spekulationen über das Giza Plateau anzubringen, die schon seit Jahrzehnten durch die pseudowissenschaftliche Literatur geistern. Nachdenklich stimmt dabei der Umstand, dass die Autoren nicht nur eine erschreckende Unkenntnis über die Anlagen auf dem Giza-Plateau dokumentieren, sondern zudem auch ganz bewusst ignorieren, dass das Sammelsurium der von ihnen gelieferten Spekulationen längst widerlegt worden ist. Es sind derart viele, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, sie alle aufzuzählen, würde auch den Rahmen einer Buchbesprechung sprengen. Wenden wir uns daher dem Lieblingsobjekt pseudowissenschaftlicher Autoren zu, dem (in dieser Hinsicht) „Pechvogel“ Pyramide, also hier den Pyramiden des Cheops, Chephren und Mykerinos. Wie viele pseudowissenschaftlichen Autoren vor ihnen hebeln auch Paganini und Risi die drei Giza-Pyramiden aus ihrem Umfeld heraus, indem sie ihre scheinbar perfekte Errichtung den „laienhaft“ und „wackelig“ anmutenden Pyramiden späterer Könige gegenüberstellen. Das Ziel ist klar: Nicht die Könige der vierten Dynastie haben die Pyramiden errichtet, denn wären sie es gewesen, müssten auch die Pyramiden nachfolgender Dynastien ähnlich erbaut worden sein. Vielmehr sollen es mythische Nefer und Shemsu Hor gewesen sein, die hier zugange waren, Schöpfer einer ägyptischen Megalithkultur, für deren Existenz die Autoren zahllose Hinweise gefunden haben wollen (wobei diese angeblichen Hinweise zwar eindeutig dem alten Reich zuzuordnen sind, von den Autoren aber gezielt fehlinterpretiert werden). Die Gegenüberstellung der perfekten Pyramiden der 4. Dynastie mit den „laienhaften“ Pyramiden späterer Dynastien, von denen heute nur noch unansehnliche Trümmerhaufen übrig sind, ist längst kein neues pseudoarchäologisches Argument mehr. Grob zusammengefasst lässt sich der Wandel im Baustil einmal mit ökonomischen Gegebenheiten erklären. Der Bau reiner Steinpyramiden wie der des Cheops war wesentlich teurer und band weitaus mehr Arbeitskräfte als der Bau einer kleineren Pyramide aus der 5. oder 6. Dynastie, deren Kernmauerwerk beispielsweise aus grob zugehauenen Steinen bestand und die durch eine Verkleidungsschicht aus Granit stabilisiert wurden. Solche Pyramiden wurden wesentlich schneller errichtet, was zudem Gewähr bot, dass das Grabmal noch vor dem Tod des Herrschers fertiggestellt war. Zugleich lässt sich beobachten, dass die Totentempel, die zu einer ägyptischen Pyramiden dazugehörten, nach der 4. Dynastie deutlich größer wurden, was nicht zuletzt auch auf einen Wandel der religiösen Vorstellungen hinweist. Wer mehr dazu wissen möchte, sollte „Im Zeichen des Re“ von Michael Haase lesen (Herbig, München 1999).
  Paganini und Risi klammern auch ganz bewusst die Pyramiden von Cheops Vorgänger Snofru aus. Dieser hatte nämlich insgesamt drei Pyramiden errichtet, die den Werdegang von einer Stufenpyramide hin zur perfekten Pyramide dokumentieren: Die Pyramide von Meidum, die Knickpyramide von Dahschur und die Rote Pyramide in Dahschur umfassten mehr Bauvolumen als die Cheops-Pyramide. Und es ist ganz offensichtlich, dass die Baumeister von Cheops die Erfahrungen nutzten, die Snofru mit seinen Pyramidenprojekten machte, insbesondere der gescheiterten Knickpyramide. Das alles zu ignorieren, kann nicht mehr als fahrlässig erachtet werden.
  Völlig abwegig sind die Ausführungen über die Errichtung der Pyramide. Dies soll in der Regierungszeit von Cheops nicht möglich gewesen sein. Anscheinend wussten die Autoren nichts von den Entdeckungen im Umfeld der Cheops-Pyramide, sowohl durch Mark Lehner als auch durch Zahi Hawass: Arbeitersiedlung und Gräber aus der Zeit des Pyramidenbaus sprechen eine deutliche Sprache. Natürlich passt dieser Befund nicht in die Legende der mythischen „Nefer“ und „Shemsu Hor“, also wird er schlicht und ergreifend ignoriert. Gleiches gilt für Berechnungen, wonach es durchaus möglich war, mit etwa 20.000 Arbeitern, bei denen es sich um Spezialisten ihres Faches handelte, das Projekt „Cheops-Pyramide“ noch zu Lebzeiten dieses Königs durchzuführen. Die Techniken, die dabei angewendet wurden, lassen sich durchaus ermitteln, ihnen haftet nichts Mysteriöses an. Das aber wollen die Autoren ihren Lesern immer wieder einreden. So am Beispiel der Königskammer. Auf S. 116 lesen wir:
  „Der ‚Sarkophag‘, der in dieser Kammer steht, ist aus einem einzigen Stück Rosengranit gefertigt. (...) Auch hier ist nicht geklärt, wie die Ägypter unter Cheops mit ihren weichen Kupfermeißeln diesen Granitblock außen und innen derart zuschneiden und bearbeiten konnten.“
  Hier zeigt sich, dass die Autoren überhaupt nicht recherchiert haben, denn sonst hätte ihnen auffallen müssen, dass es längst plausible Erklärungen gibt, wie die ägyptischen Handwerker den Sarkophag des Cheops hergestellt hatten. Ein Blick in das Buch von Denys A. Stocks „Experiments in Egyptian Archaeology: Stoneworking Technology in Ancient Egypt“ (Routledge 2003) hätte hier weiter geholfen. Stocks gilt aufgrund seiner zahlreichen Experimente als der Fachmann in Fragen der ägyptischen Hartgesteinbearbeitung, und wer über ägyptische Hartgesteinbearbeitung schreibt, kommt an Stocks nicht vorbei – es sei denn, er tut dies mit dem Ziel, den Ägyptern diese Leistung abzusprechen und sie mythischen Wesen aus dem All, von Atlantis oder sonst woher zuzuschreiben.
  Die Autoren rätseln auch darüber, wie denn der Sarkophag von außen her in die Königskammer gebracht wurde, da er doch größer als die Zubringergänge sei. Auch hier hätte ein wenig mehr Recherche das Problem gelöst: Der Sarkophag wurde in der Kammer installiert, bevor diese nach oben hin abgeschlossen wurde.
  Ein weiteres angebliches Mysterium soll uns in den Entlastungskammern oberhalb der Königskammer begegnen. Dort befinden sich die einzigen Inschriften innerhalb der Cheops-Pyramide, insbesondere eine ist eine Kartusche mit dem Namen „Chufu“ (ägyptisch für Cheops). Es sind allerdings nicht offizielle Inschriften, wie wir sie beispielsweise an den Tempeln von Ramses dem Großen aus dem Neuen Reich finden, sondern Arbeiterinschriften. Diese belegen eindeutig, dass Cheops der Bauherr der großen Pyramide ist. Dieser Umstand ist für Pseudowissenschaftler, die in der großen Pyramide natürlich etwas anderes sehen als das Grabmal eines Königs, ärgerlich. Was liegt da näher als auf eine seit Jahren in pseudowissenschaftlichen Kreisen kursierende Geschichte zurückzugreifen, wonach der Entdecker der Chufu-Kartusche, Howard Vyse, diese aus Prestigegründen gefälscht hatte. Diese schöne Geschichte wurde von dem Amerikaner Zecharia Sitchin erdacht und geistert trotz ihrer gründlichen Widerlegung immer noch in den Köpfen von Autoren des pseudowissenschaftliche Spektrums herum. So verwundert es nicht, wenn die „Fälscherlegende“ auch bei Paganini und Risi auftaucht (S. 143 f.). Die Widerlegung können auch die Autoren nicht völlig ignorieren, erwähnen sie jedoch nur am Rande und versuchen mit hilflos anmutenden, völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen, die „Fälscherlegende“ doch noch zu retten. Ein sinnloses Bemühen, denn die Inschriften sind echte Arbeiterinschriften aus der Zeit des Pyramidenbaus. Diese Eigenschaft zu ignorieren kommt einem vorsätzlichen Zurechtbiegen von Tatsachen zu einem bestimmten Ziel gleich: Der Irreführung der Leser.
  Was anhand einiger Behauptungen der Autoren gezeigt wurde, zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch: längst widerlegte Rätsel werden künstlich zu Mysterien aufgeblasen, das ganze wird mit dem angeblich geheimen Mauerbau um das Giza-Plateau versehen, schon hat sich wieder eine pseudowissenschaftliche Verschwörungstheorie etabliert. Unter dem Strich haben Autoren wie Risi und Paganini eigentlich keine Berechtigung, über Ägypten zu schreiben, denn um ihre angeblichen Rätsel darzulegen, müssen sie Fakten verbiegen oder unterschlagen, oder um es ganz deutlich zu sagen: sie müssen lügen. Wer dabei auf der Strecke bleibt, ist der Leser dieses Buches. Daran ändert auch die ansonsten qualitativ hochwertige Verarbeitung des Buches durch den Govinda Verlag nichts.

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