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Matt Ruff
Ich und die anderen
(Set This House in Order. A Romance of Souls, 2003)

Hanser
2004
Übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini
597 Seiten
€ 24,90 [D] 25,60 [A]


Von Alfred Ohswald am 11.03.2005

  Andrew, der auf Grund traumatischer Kindheitserlebnisse eine multiple Persönlichkeit entwickelt hat und darum mit mehreren Personen in seinem Kopf lebt, trifft eher zufällig die junge, etwas chaotische Julie. Zuerst abgeschreckt, beginnt er für sie bald an Faszination zu gewinnen und die beiden freunden sich miteinander an. Andrew kommt mit seinen verschiedenen Persönlichkeiten ganz gut zurecht. Probleme gibt es trotzdem, vor allem, wenn er Alkohol trinkt.
  Als Julie eine Software-Firma gründet, stellt sie auch Andrew als „Mädchen für alles“ ein und bald darauf stellt sie ihm Penny, ihre neue Programmiererin vor. Penny leidet ebenfalls unter einer multiplen Persönlichkeit, hat das aber noch nicht einmal selbst richtig erkannt und war noch nie in Therapie. Ihr Leben verläuft ziemlich chaotisch, weil sie oft Blackouts hat, wenn eine ihrer anderen Persönlichkeiten ihren Körper übernimmt und sie dann oft an den unmöglichsten Orten wieder „erwacht“. Julies Hintergedanken beim gegenseitigen Bekannt machen von Andrew und Pennyist natürlich, dass Andrew Penny hilft, doch er weigert sich zuerst aus guten Gründen. Ist er doch selbst nicht so stabil, dass er sich daran heranwagt. Vor allem seine Liebe zu Julie macht ihm immer wieder zu schaffen und diese emotionalen Stimmungsschübe bringen sein inneres Gleichgewicht durcheinander. Schließlich lässt er sich doch überreden, den Versuch zu machen, Penny möglichst zumindest so weit zu bringen, dass sie professionelle Hilfe aufsucht. Aber er driftet tatsächlich auch selbst wieder in gefährliche Regionen ab und unerwünschte Persönlichkeiten in ihm können immer wieder seinen Körper unter Kontrolle bringen.
 
  Matt Ruffs neuer Roman handelt über zwei multiple Persönlichkeiten, liest sich aber wie ein klassischer Psychothriller. Und ein Psychothriller ist er ja im wahrsten Sinn. Er versteht es, die internen Konflikte und Auseinendersetzungen dieser Menschen mit mehreren Seelen in ihrem Kopf überraschend locker und wie die selbstverständlichste Sache der Welt und gleichzeitig unwahrscheinlich spannend zu beschreiben. Fast möchte man die beiden Charaktere um ihre Vielschichtigkeit beneiden.
  Selbst Leser, die sich normalerweise von einem solchen Thema abschrecken lassen würde, werden sich hier gut unterhalten fühlen. Ein wenig erinnert Ruffs Art zu erzählen hier an T. C. Boyle. Hat ein in seinen bisherigen Büchern schon reichlich sein Talent fürs Skurrile und Absurde gezeigt, so stellt er dieses Talent bei „Ich und die anderen“ in den Dienst eines durchaus realen Szenarios aus dem Blickwinkel zweier wahrlich nicht alltäglichen Romanhelden.
  Besonders gut beherrscht Ruff es, bei den Leser emotionelle Reaktionen hervorzurufen. Obwohl das Buch todtraurige und höchst dramatische Stellen hat, ist es auch oft auch humorvoll, obwohl es nie direkt versucht witzig zu sein.

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