Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Hans-Joachim Zillmer
Kolumbus kam als Letzter
Als Grönland grün war: Wie Kelten und Wikinger Amerika besiedelten. Fakten, Funde, neue Theorien

Langen Müller Herbig
2004
366 Seiten
€ 22,90 [D] 23,60 [A]


Von Klaus Richter am 07.03.2005

  Der Titel des neuen Buches von Hans-Joachim Zillmer klingt nicht nur vielversprechend, er macht auch neugierig auf das Thema, das in dem Buch behandelt wird: Kontakte zwischen der alten und der neuen Welt, lange vor den Reisen des Genueser Seefahrers Christoph Columbus. Neugierig macht das Buch aber auch, weil Zillmer sich hier einem gänzlich neuen Thema zuwendet. Bekannt wurde er durch drei Bücher, in denen er seine sehr eigenwillige und phantasievolle Sichtweise über die Entstehung der Erde und die Entwicklung des Lebens (insbesondere der Dinosaurier, deren Aussterben er mit dem Ende der letzten Eiszeit zusammenfallen lassen möchte) darstellt – Spekulationen ohne jeden wissenschaftlichen Hintergrund. Nun wendet sich Zillmer einem neuen Thema zu: Einer großangelegten Verfälschung der Geschichte durch die römisch-katholische Kirche im 15. Jahrhundert, und zwar im Fahrwasser einer Naturkatastrophe: Der sogenannten „kleinen Eiszeit“ (vgl. S. 51 ff.). Sollte sich Zillmer mit diesem Thema von Spekulationen verabschiedet haben? Mitnichten. Das Thema des neuen Buches ist ein anderes, Zillmers Methodik und das Leitrhema aber bleiben die alten: Die Vergangenheit war ganz anders, als es uns die offizielle Lehrmeinung glaubhaft machen will, natürlich spielt auch hier eine Naturkatastrophe eine Rolle und eine gezielte Fälschung – diesesmal nicht durch die „Darwinisten“, sondern eben durch die Kirche.
  Und so neu ist das Thema, das Zillmer aufrollt, auch gar nicht mehr. Zunächst ist es kein Geheimnis, dass es vor Kolumbus bereits transatlantische Kontakte zwischen Europa und Amerika gab. Die Wikinger waren bereits um die erste Jahrtausendwende in Nordamerika, möglicherweise war auch ein schottischer Tempelritter namens Sinclair vor Kolumbus in Nordamerika gelandet. Und auch dem heiligen St. Brendan wird eine Seereise über den Atlantik zugeschrieben. Sogar in der Antike könnte es Kontakte gegeben haben. So befindet sich im Pariser Musée du Louvre eine römische Bronzebüste, die einem Indianer verblüffend ähnlich sieht (vgl. Jörg Dendl, Ein Indianer im Alten Rom?, G.R.A.L. Sonderband 10). Diese Kontakte waren aber eher zufällig und liefen nicht auf eine andauernden Verbindung hinaus. Auch dass Grönland zur Zeit der Wikinger sehr viel grüner und wohnlicher war als heute, ist kein Geheimnis und keine Sensation. Als es von Wikingern, die von Island aus kamen, um 1000 besiedelt wurde, war Grönland in der Tat sehr viel grüner und lebensfreundlicher, als es heute der Fall ist.
  Andere Behauptungen Zillmers entpuppen sich als haltlose Spekulationen und schlichtes Zurechtbiegen von Geschichte und Quellen, und auch hier trifft man auf viele „alte Bekannte.“ So ist bereits der Ansatz, einige Jahrhunderte aus der Menschheitsgeschichte herauszustreichen und dies in Zusammenhang mit einer massiven Geschichtslüge zu bringen, nichts neues mehr. Dieses Thema wurde bereits lange vor Zillmer von Heribert Illig aufgegriffen und in mehreren Büchern, in denen unter anderem die Zeit Karls des Großen als „erfundenes Mittelalter“ bezeichnet oder der Bau der Cheops-Pyramide kurzerhand in das erste vorchristliche Jahrtausend verlegt wird. Nur wo Illig sich noch bemüht, seine Quellen zu analysieren (wenn auch im Sinne seiner „Zeitraffer“ – Theorie), beginnt Zillmer zu fabulieren, stützt sich auf zweifelhafte Quellen, biegt sie zurecht, damit sie zu seinem Ansonnen passen und bemerkt bei aller Verliebtheit in sein Phantasiegebilde nicht, welche Widersprüche sich auftun.
  Auch das Bestreben Zillmers, die Germanen und Römer kurzerhand aus der Geschichte zu streichen und sie den Kelten zuzuordnen, ist dem kundigen Leser bekannt. Derartiges behauptet seit Jahren Gernot Geise, der mehrere Schriften zu diesem Thema verfasst hat, in denen er genau das behauptet und sogar den „historischen Nachweis“ des Teufels und der Hölle in diesen Zusammenhang stellt. Das sind Schriften, deren Inhalt man nicht ernst nehmen kann, dennoch stützt Zillmer so manche seiner Argumente darauf ab, was ihrer Tragfähigkeit nicht gerade förderlich ist.
  Werfen wir einen Blick auf einige Widersprüchlichkeiten, die sich bei der Lektüre des Buches von Zillmer auftun.
  Das Römische Weltreich. Generationen von Schülern lernten im Geschichtsunterricht, wie sich Rom ab dem3. Jahrhundert v. Chr. im Mittelmeerraum, in Kleinasien und in Westeuropa ausbreitete, dass das Riesenreich im 4. Jahrhundert n. Chr. in ein östliches und ein westliches Reich geteilt wurde und dass das westliche Reich in den Stürmen der Völkerwanderung des 5. Jahrhunderts unterging, während das Ostreich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel immerhin bis in das 15. Jahrhundert durchhielt. Und im Lateinunterricht wurden Caesars Kommentare zum gallischen Krieg rauf und runtergelesen – „Gallia est omnis divisa in partes tres ...“ – wer erinnert sich nicht daran.
  Alles falsch, behauptet Zillmer. Das römische Weltreich hat es nicht gegeben, Caesars „De bello Gallico“ ist, jedenfalls soweit es die Beschreibung der Germanen angeht, ebenso falsch, geradezu von einer Propagandazentrale beeinflusst, wie die Germania des römischen Historikers Tacitus. Man möchte Zillmer angesichts seiner Beweisführung die Worte Caesars in den Mund legen – leicht verfremdet: Ich kam, sah und weg damit. Der kundige Historiker vermag angesichts eines derartigen Vorgehens nur mit dem Kopf zu schütteln. So werden zunächst einmal die Römerstraßen zu Keltenstraßen umgemünzt und damit die Ingenieurskünste der römischen Straßenbauer einfach so, en passant, vom Tisch gefegt (S. 55 f.). Über die Glaubwürdigkeit erhaltener römischer Schriften über Germanien wundert sich Zillmer augenscheinlich (S. 56). Sicher, Tacitus war nicht in Germanien, da ist Zillmer wohl recht zu geben (S. 57), jedoch dürfte es nicht schwer gewesen sein, Informationen von Gewährsleuten zu erhalten. Schließlich grenzte das römische Reich zu Tacitus Lebzeiten bereits an Donau und Rhein an germanisches Gebiet. Aber halt – das römische Reich gab es ja gar nicht, und auch die Germanen waren Kelten. Wie dem auch sei, Caesar, der ja ebenfalls eine kurze Passage über Germanen in seine „Commentarii“ aufgenommen haten, kannte die Germanen, er war (wenn auch nur kurz) in der Nähe von Mainz auf einer schnell errichteten Rheinbrücke über den Rhein gezogen und hatte davor in einer heftigen Schlacht nahe Straßburg den Suebenfürsten Ariovist in die Flucht geschlagen und so den Helvetiern die Furcht vor einer germanischen Invasion genommen. Übrigens hatte Caesar es auch sonst nicht nötig, auf eine „Propagandazentrale“ (S. 58) zurückzugreifen. Er war, wie der kundige Historiker weiß, seine eigene. Schließlich dienten seine “Commentarii“ über den gallischen Feldzug auch der Rechtfertigung (und Eigenwerbung) bei den Römern. Griechische Quellen über die Kelten werden dagegen unbesehen für wahr gehalten. Zillmer scheint es sich eben so zu nehmen, wie er es gerade braucht.
  Der Limes, dessen Reste heute noch an manchen Orten wie beispielsweise der Saalburg im Taunus bewundert werden können, war eine mautpflichtige Straße zur Finanzierung der Grenztruppen, jedoch keine Grenzbefestigung (S. 59 f.). In der Tat, der Limes ist nicht vergleichbar mit dem Hadrianswall in England, der einen viel stärkeren Festungscharakter hat. Doch der ist auch dem Limes nicht abzusprechen, wie Zillmer mit ein wenig Recherche selbst herausgefunden hätte: Kastelle und eine Kombination aus Wall und Graben sehen schon sehr nach einer Befestigung aus (vgl. beispielsweise Peter Arens, Sturm über Europa, S. 121 ff.). Auch Zillmers Ausführungen über Rom selbst können nicht überzeugen. Da wird auf den S. 81 ff. Rom zu einer unbedeutenden antiken Stadt der Etrusker herabgewürdigt, in der es kaum römische Bauwerke gab (S. 93 f.) und die erst – in bautechnischer Hinsicht – im 13. Jahrhundert zu dem römischen Rom geworden sein soll, das wir heute kennen (S. 100). Anscheinend hat Zillmer nicht begriffen, dass es eine Eigenart der Römer war, Stile und Techniken anderer Völker in ihre eigene Technologie zu übernehmen und damit ihre Technologie weiter zu entwickeln– in der Baukunst waren dies die Etrusker, Kelten und Griechen, im Militärwesen Griechen, Etrusker, Kelten und Perser. Das heißt aber noch lange nicht, dass es Rom nicht gab und dass die Römer eine Erfindung von Geschichtsfälschern sind. Und als Romkenner fragt man sich unwillkürlich, ob den auch das Kollosseum, der Circus Maximus, die Triumphbögen (die teilweise auch eine sehr deutliche Bildsprache sprechen, die Zillmer aber offenbar unbekannt ist) oder die Überreste diverser Basiliken nicht römisch sind, vielleicht von einer päpstlichen Fälschungsmafia zur Irreführung späterer Generationen errichtet wurden? Ich denke, spätestens hier wird die Haltlosigkeit von Zillmers Argumentation klar.
  Schließlich bleibt noch die Verbindung nach Amerika. Hier muss leider festgestellt werden, dass schon wieder versucht wird, den Kulturvölkern des alten Amerika – Inka und Maya – ihre kulturelle Eigenständigkeit abzusprechen. Diese Völker waren sehr wohl in der Lage, sich auch ohne „Entwicklungshilfe“ von Kelten (an ihrer Stelle ließen sich auch Atlanter oder Außerirdische einfügen) zu Hochkulturen mit ihrer eigenen Sprache, Mythologie und Bautechnik zu entwickeln. Dafür sprechen erdrückende Belege aus der archäologischen Forschung, die von Zillmer aber nicht zur Kenntnis genommen werden, weil sie nicht in seine Spekulationen hineinpassen.
  Das Buch wimmelt von zahllosen Spekulationen, Behauptungen und Widersprüchlichkeiten – sie alle hier aufzuzählen, würde den Rahmen der ohnehin schon sehr langen Besprechung sprengen. Aus dem Gesagten dürfte ohnehin klar geworden sein, dass dieses Buch weder zur wissenschaftlichen Diskussion noch zum Erkenntnisgewinn beiträgt und nur für den Leser von Interesse ist, der sich ohnehin längst in jene Phantasiewelten geflüchtet hat, die Zillmer in seinen Büchern beschreibt.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.