Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Eugen Biser
Vom Geheimnis des Christentums
Die Liebenswürdigkeit und Verwandlungskraft des Christentums

Glaukos Verlag
2004
€ 10,-


Von Richard Niedermeier am 12.01.2005

  Die alten Geister, die man nie mehr rufen wollte, sind wieder da! Vielleicht wird man in ferner Zeit das noch so junge 21. Jahrhundert als eine Epoche des wiedererwachten Fanatismus bezeichnen, in der Weltanschauungen und Religionen nach Blut schreien und das Trommeln zu heiligen Kriegen die Erde erzittern läßt. Wie dünn nimmt sich in diesem Tumult dagegen die Stimme des Christentums aus! Kein Wunder, die Christen aller Konfessionen sind in ihrer Mehrheit tief verunsichert. Das Gepäck von zweitausend Jahren Kirchengeschichte auf dem Rücken hat ihren Gang schleppend und sie bis zur permanenten Selbstbeschau krummt gemacht; man scheint nicht mehr zu wissen, woher man kommt und wohin man geht.
  Doch da gibt es einen, der trotz seines Alters noch Feuer redet und wie sein Vorbild, der Apostel Paulus, keine Anstrengungen scheut, die müde Christenheit wachzurufen. Es ist der Theologe und Religionsphilosoph Eugen Biser, der mit einer ungeheueren Denkkraft, aber auch mit der ganzen Leidenschaft seiner Person sich in den Ursprung des Christentums nahezu hineingebohrt hat, um die verschüttete Quelle wieder zum Sprudeln zu bringen, damit sie wieder neues Leben nähren kann.
  Auch in seinem August vergangenen Jahres in Limburg gehaltenen öffentlichen Vortrag „Vom Geheimnis des Christentums“ führt Biser mit hoher Konzentration seine Zuhörer auf den Wesenskern des Christentums hin: die von Jesus gebrachte Botschaft von einem unbedingt und grenzenlos liebenden Gott, der nicht einen von Angst getriebenen Gehorsam, sondern eine vertrauensvolle, ja kindhafte Hinwendung von uns möchte; ein Gott, der uns das schenken will, was Jesus in seiner Menschwerdung aufgegeben hat, nämlich in der „Gotteskindschaft“, als Söhne und Töchter Gottes leben zu dürfen.
  „Liebe“ und „Gotteskindschaft“ – nie wirken diese Begriffe bei Biser abgedroschen oder naiv. Und es ist nicht allein der Enthusiasmus, in dem Biser sie vorträgt, der ihnen plötzlich ihre ganze Strahlkraft zurückgibt. Der Zuhörer spürt, daß er hier heiligen Boden betritt; werden ihm doch Dinge gesagt, die sich kein Mensch ernsthaft auszudenken vermag. Es ist, als stünde man unversehens im Bannkreis Jesu und seines für die Ausbreitung der Kirche wohl wichtigsten Apostels, des heiligen Paulus.
  Das gilt auch für einen anderen Brennpunkt christlicher Existenz: die ebenfalls vergessene Lehre von der Einwohnung Christi im Glaubenden. Biser zeigt in ihr den wahren Kern eucharistischer Frömmigkeit auf, jenseits des verflachenden Gedankens eines bloßen Gemeindemahles oder umgekehrt der falschen Überhöhung zu einem nur mehr religionsgeschichtlich zu verstehenden Kultobjekt.
  Doch ist es dem Referenten nicht nur daran gelegen, Verschollenes aufzudecken und in einen gegenseitig sich erhellenden Zusammenhang zu bringen. Biser möchte etwas verändern, bewegen, ganz entsprechend seiner Vorstellung, daß das Christentum eine therapeutische und mystische Religion sei. Als solche kann sie sich nicht in einer bloßen Lehre oder in einem äußeren Kult erschöpfen; aber auch nicht in einer Sammlung von moralischen Vorschriften, von Geboten und Verboten. „Das Christentum hat eine Moral, ist aber keine Moral“, so Bisers griffige Formulierung dazu. Das will keine Unverbindlichkeit besagen, ganz im Gegenteil! Biser will die Sünde, das an sich selbst Verfallensein des Menschen von innen her überwinden, herausführen aus dem entmutigenden Kreislauf von Aufbrechen und Niederfallen, in dem das Böse doch immer wieder das letzte Wort zu haben scheint. Was wäre das Christentum, wenn es dem Menschen nicht auch eine neue Existenzform vermitteln könnte?
  Und hier zeigt sich, daß Biser nicht nur aus den Weiten und Tiefen des Glaubens heraus spricht, sondern stets auch die aktuelle Situation des modernen Menschen im Auge hat. Sein Wort, daß der Dritte Weltkrieg in der Form des weltweiten Terrors schon begonnen habe, wird man angesichts der sich Tag für Tag überschlagenden Schreckensnachrichten nicht mehr so schnell aus dem Kopf bekommen. Aber Biser möchte eben gerade nicht Ängste schüren, sondern aufzeigen, was den Christen in den Fährnissen seiner Zeit tragen kann. In all den großen und kleinen Nöten seines Lebens darf der Christ sich von der unendlichen Liebe Gottes getragen wissen. In ihr findet er Geborgenheit, erfährt er die Güte göttlicher „Vorsehung“, wird er, wie Paulus es formulierte, „zur Freiheit befreit“.
  Aus dieser Liebe wachsen ihm aber auch neue Energien, Lebensimpulse zu, die das enge Gehäuse seiner Existenz aufzusprengen vermögen. Kein lebensfernes Christentum hat sich Biser auf die Fahnen geschrieben, das die Glaubenden unter eine göttliche Käseglocke stellen würde; gerade die Person des heiligen Paulus ist für ihn ein Paradigma dafür, ganz eins zu werden mit der Sendung Jesu und bis zur Selbsthingabe transparent für die göttliche Menschenliebe.
  Darum endet dieser Vortrag auch mit einem Ruf zum Friedensdienst, den Biser nicht in Protestkundgebungen und äußeren Aktionen verwirklicht sieht, sondern in den Familien, an den Arbeitsstätten und an den vielen anderen Alltagsorten, wo Unfrieden herrscht.
  Damit ist der weite Horizont abgesteckt für eine tiefgreifende Erneuerung des Christentums; eine Erneuerung, die ihr Recht und ihre Kraft vom Ursprung her bekommt. In diesem Geist kann und muß sich aber auch eine ganze Welt verjüngen, die bereits erschreckende Todeszeichen an sich trägt. Dazu ist dieser Vortrag ein leidenschaftlicher Appell und Richtungsweisung zugleich.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.