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William Gibson
Pattern Recognition

Berkley Books
2004
367 Seiten
€ 10,50 [D] 10,90 [A]


Von Till Westermayer am 03.01.2005

  Mit dem lang erwarteten „Pattern Recognition“ ist William Gibson endgültig in der Gegenwart angekommen. Vielleicht hat ihn auch einfach die Zukunft eingeholt. Wir begegnen einer Welt irgendwann zu Beginn des 21. Jahrhunderts. „Pattern Recognition“ ist ein Buch über unsere Dekade. War die „Neuromancer“-Trilogie noch eine Reihe von Hacker-Romanen, hat sich hier der Fokus - stärker noch als in der „Virtual-Light“-Trilogie - auf »ganz normale« Endzwanziger bzw. Mittdreißiger verlagert, wie sie in den Großstädten dieser Welt zuhause sind.
  In einer sehr genauen Sprache beschreibt Gibson einen Gegenwart, in der es in London auf den ersten Blick fast so aussieht wie in New York. Auf den zweiten Blick offenbaren sich auch im globalen Kapitalismus weiterhin vorhandene transatlantische Unterschiede; Gibsons Protagonistin Cayce Pollard (die phonetische Ähnlichkeit zu Case dürfte gewollt sein) spricht hier von »mirrorworld equivalents«. Cyberpunk - jedenfalls Gibsons oder Sterlings Cyberpunk - war schon immer Zeitgeistliteratur. In „Pattern Recognition“ wird gegoogelt, der eMail-Austausch und die sozialen Beziehungen in einem offensichtlich webbasiertem Forum-System (samt otakus und Internetphänomenen) spielen eine große Rolle, und die ständige
 Verwendung von Markennamen zur Beschreibung von Orten und Personen ist weniger Produkt-Placement als generatives Element für die Erzeugung der für Gibson so typischen erzählerischen Dichte. Aber eben auch der zeitlichen Verortbarkeit: die Markenprodukte sind hier keine Erfindungen der Zukunft mehr, sondern aus den aktuellen Modekatalogen und Computerzeitschriften entnommen. Selbst Cayce, deren Beruf und Berufung Markenallergie ist, beschreibt sich durch ihr negiertes Verhältnis zur Welt der Marken. „No logo“ wird hier sehr wörtlich genommen.
 
  Für ein literarisches Werk reicht es nicht aus, eine genaue und dichte Beschreibung der Gegenwart zu liefern. Es wäre aber falsch, zu vermuten, dass „Pattern Recognition“ sich damit begnüget. Das Buch ist vielmehr packend und enthält nicht weniger Handlung als Gibsons Science-Fiction-Romane, hier dann vielleicht eher als Thriller zu etikettieren, der als geographischen Bezugspunkte London, Tokyo, Moskau und Sibirien setzt, der den realen Raum und den echten virtuellen Raum der Foren und eMail-Kommunikationen intensiv verknüpft und der sozial in der Werbebranche mit ihren freischwebenden Satelliten bis hin zu Kunstprojekten, Industriespionage und Geheimdiensten verortet ist. Die Personen mögen Stereotype sein - aber sie sind wiedererkennbare Stereotype, Elemente einer Typologie der sozialen Rollen der Gegenwart.
 
  „Pattern Recognition“ ist nicht nur im sozialen Setting mit Iain Banks „Dead Air“ vergleichbar; beide Romane eint auch, dass sie nach dem 11. September 2001 geschrieben wurden und den 11. September literarisch verarbeiten.
 
  Wer Gibson nur des Cyberpunks wegen gelesen hat, wird von „Pattern Recognition“ vielleicht enttäuscht sein. Allen anderen ist das Buch zu empfehlen.

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