Jean-Francois Lyotard Der Widerstreit (Le Différend, 1983)Wilhelm Fink Verlag 1989 Übersetzt von Joseph Vogl 333 Seiten ISBN: 377052599X € 29,- [SD] 29,90 [A]
Von Frank Hertel am 03.01.2005 Dieses Hauptwerk des schon seit längerem verstorbenen französischen Philosophen hatte und hat einen eminenten Einfluss auf die Nachkommenden. Es ist relativ schwierig zu lesen, weil es Lyotard in 264 Abschnitte geteilt hat und auch noch 13 kleingedruckte Exkurse beigefügt sind. Außerdem scheint der Autor teilweise Dinge zum Besten zu geben, die er sich selbst noch nicht vollkommen durchdacht hat. Das Werk hat einen gewissen Experimentalcharakter. Der Autor führt darin Selbstgespräche. Er lässt fiktive Kritiker in Frageform zu Wort kommen. Er fragt sich selbst an vielen Stellen: geschieht es?, wobei einigermaßen unklar bleibt, was er damit meint. Bestimmt war das Buch schwer zu übersetzen. Am einfachsten war noch das Wort merde, das an drei Stellen vorkommt. Im Großen und Ganzen jedoch ist man nach der Lektüre ziemlich klar darüber informiert, was Lyotard sagen wollte. Wie bei allen großen Autoren streicht man einfach das Unverständliche weg und übernimmt nur den gesicherten Korpus. Welche Wirkung ein Autor erzielt hat er nicht selbst in der Hand. Sie hängt ab von anderen Autoren, von Moden, vom geschichtlichen Ablauf. Die Wirkung Lyotards wird mit Derrida und Sloterdijk ersichtlich. Lyotards Différend, Derridas Différence und Sloterdijks Schäume sind alles Abkömmlinge einer philosophischen Denkrichtung, die man Fragmentismus nennen könnte. Auch Niklas Luhmanns Systemtheorie bedient diesen Gedanken. Immer wird von der Ungleichheit ausgegangen, vom Unterschied, von den vielen Realitäten, von den alternativen Konzepten, die miteinander konkurrieren. Foucault lieferte dann im Schlepptau Nietzsches den Machtgedanken, die Vorstellung also, dass es nicht Wahrheit (Rorty) und Gerechtigkeit (Rawls) gibt, sondern nur machtvolle Eliten, die jeweils ihre eigene Wahrheit und ihre eigene Gerechtigkeit als universal gültig durchsetzen möchten. Diese fragmentistische Sicht macht den Amerikanern heute das Leben so schwer, weil fast jeder zu wissen meint, dass die amerikanische Wahrheit nur eine Wahrheit und nicht die Wahrheit ist. Man nennt diese Sicht auch die alles relativierende postmoderne Beliebigkeit. Es gibt aber die ersten Anzeichen, dass durch Medienkonzentration und Intellektuellenbeschneidung wieder zum „gesunden“ Gedanken der Einheit zurückgekehrt werden kann. Ein herzhaftes „Ja“ zur reinen Macht wäre doch zu bestialisch. Lyotards Buch selbst beschäftigt sich leicht sophistisch mit den sprachinhärenten Falltüren der Unlogik, mit der Frage wie man Auschwitz beweisen soll, wenn die Opfer alle tot sind oder schweigen, und am Ende schreibt er von sogenannten Geschichtszeichen, die Gefühle auslösen. Unsere Zeit ist voll davon: 11.9, Irak-Krieg, Flut. Ein kräftiges Buch.
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