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Geda Böck / Andrea Dimitriadis (Hrsg.)
Vierzig Jahre Urlaub
Lebensgeschichten deutschsprachiger MigrantInnen in Griechenland

Romiosini
2004
134 Seiten
€ 14,50 [D] 15,- [A]


Von Sandra Bittmann am 22.12.2004

  „[…] das Abenteuer Griechenland ist wohl die Universität meines Lebens“ (S.110).
 Dieses sehr treffende Resümee zieht eine der insgesamt fünfzehn deutschsprachigen MigrantInnen, deren Lebensgeschichten im Band „Vierzig Jahre Urlaub“ gesammelt vorliegen.
 Das „Abenteuer Griechenland“ begann für diese Menschen – in diesem Falle handelt es sich mehrheitlich um Frauen, die die sogenannte Heiratsmigration erlebten – auf höchst unterschiedliche Weise. Und doch lassen sich bei dieser Art der Gegenüberstellung verschiedenster Lebensmodelle durchaus Gemeinsamkeiten aufzeigen: das Gefühl des Alleingelassenseins in einem fremden Land während die griechischen Ehemänner den zweijährigen Militärdienst – meist fern an der Grenze stationiert – ableisteten, die Problematik der Erlernens einer neuen Sprache sowie der dort geltenden Sozialnormen und das (mehr oder minder schwierige) Zurechtfinden in einer Kultur, die derjenigen, in der man die eigene Kindheit und Jugend zubrachte in vielen Belangen entgegenzustehen scheint.
 Die MigrantInnen gewähren durch die Schilderung ihrer persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen einen besonders intimen Einblick in das Alltagsleben Griechenlands im Wandel der Zeit.
  Es bleibt die Frage: Waren es wirklich vierzig Jahre Urlaub? Die Antworten hierauf sind so verschieden wie die Persönlichkeiten, die ihre Geschichten – wohl zum ersten Male auf derart umfassende Weise – preisgeben. Hierbei scheut man sich nicht sämtliche Facetten des eigenen Lebens darzulegen: Die Erlebnisse der Frauen reichen von warmherziger Aufnahme und Eingliederung durch Familie und Freunde des Ehemannes über das Gefühl der „Sprachlosigkeit“ gegenüber der neuen Umgebung bis hin zur Erfahrung von Überwachung und häuslicher Gewalt. Dementsprechend verschieden fallen die Resümees über die Richtigkeit der Entscheidung sich auf das „Abenteuer Griechenland“ einzulassen aus.
 Die „Lebensrückblicke“, die eine subjektive Sichtweise der MigrantInnen darstellen, werden in ihrer Gesamtheit zu einer durchaus objektiven Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten, mit denen sich Menschen die (Heirats-)Migration erleben konfrontiert sehen.
 
  Der Reiz dieses Buches liegt zweifelsfrei in seiner Sprache. Der persönliche, manchmal einfache und dadurch besonders intime sprachliche Ausdruck verleiht „Vierzig Jahre Urlaub“ besondere Authentizität und Charme. Die zu Wort kommenden MigrantInnen konfrontieren den Leser – und unbewusst wohl auch sich selbst – mit den teils widrigen Lebensumständen, die sie zu bewältigen hatten, stellen (sich?) rückwirkend Fragen, und ziehen schließlich ein Resümee über die Jahre, die sie fern ihrer „Heimat“ verbrachten.
 „Vierzig Jahre Urlaub“ ist zweifelsfrei mehr als eine bloße Sammlung autobiographischer Texte zur Thematik Migration. Es handelt sich hierbei in gewissem Sinne um soziologische Fallstudien, obgleich an ihre Ausführung keinerlei wissenschaftliche Ansprüche – wie jener der Repräsentativität – geknüpft werden können/dürfen.
 Es ist ein Buch, das vor allem Verständnis lehrt: Verständnis gegenüber anderen Kulturen, Lebensstilen und -modellen genauso wie gegenüber der Situation von MigrantInnen in unserem Land, die mit aller Wahrscheinlichkeit viele Erfahrungen mit den in diesem Buch zu Wort Kommenden teilen.

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