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Neal Stephenson
Cryptonomicon
(1999)

Goldmann
2003
Übersetzt von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl
1181 Seiten
€ 13,- [D] 13,40 [A]


Von Alfred Ohswald am 21.11.2004

  Der Computerspezialist Randy Waterhouse startet mit seinem Freund Avi und einigen Gleichgesinnten ein großes Projekt. In einem südostasiatischen Fürstentum soll in einer unterirdischen Anlage ein gewaltiger Datenhafen für das Internet entstehen. Ein „Der Dentist“ genannter Konkurrent legt ihnen dabei massenweise Steine in den Weg, um die Mehrheit an ihrem Unternehmen zu erlangen.
  Randy und seine Kollegen beauftragen eine kleine Unterwasser-Schatzsucherfirma mit dem Verlegen der benötigten Unterwasserkabel. Die entdecken bei den vorhergehenden Unterwasseruntersuchungen ein geheimnisvolles U-Boot aus dem 2. Weltkrieg, in dem sich eine Menge Gold befindet. Sie beschließen, das Gold heimlich gemeinsam zu bergen.
  Doch dieses U-Boot ist nur ein Teil eines unglaublich wertvollen Geheimnisses aus dem 2. Weltkrieg, als die Japaner ganz Südostasien besetzt hatten. Randys Großvater Lawrence Waterhouse war einer der führenden amerikanischen Köpfe für die Entschlüsselung feindlicher Funksprüche. Sein Weg führt ihn im 2. Weltkrieg über eine längere Zeit in England, wo die deutsche Enigma geknackt worden ist, auch in den südostasiatischen Kriegsraum. Dort wird er schließlich auf eine Verschwörung denkbar unterschiedlicher Typen stoßen, und beschließen, die Sache nicht an seinen ehrgeizigen Vorgesetzten zu melden.
  Randy und seine Freunde stoßen auf dieses Geheimnis und gehen ihm, gemeinsam mit einigem schon damals daran beteiligten Überlebenden, auf den Grund. Aber es weiss auch anderer, sehr mächtiger Mann von diesem Geheimnis.
 
  Stephensons neuer Roman ist keine Science-Fiction, wie gewohnt, eher ein klassischer Politthriller. Allerdings nimmt er es mit den historischen Hintergründen nicht immer sonderlich genau.
  Das zentrale Thema ist Verschlüsselung, die er geschickt durch zwei miteinander verwobene Handlungsstränge im 2. Weltkrieg und dem heutigen Internetzeitalter, vor dem Hintergrund dieser verschiedenen Zeiten darstellen kann. Während des 2. Weltkriegs begannen die Kryptologen Maschinen zu bauen, die ihnen bei der Entschlüsselung großer Mengen von codierter Nachrichten halfen, die ersten Ansätze zum Computer waren gemacht. In der heutigen Zeit spielt sich nahezu die ganze Kryptologie auf Computern ab. Die Begeisterung Stephensons für dieses Thema wirkt sich dann auch positiv auf den Roman aus, wobei von Computer und Mathematik unbedarfte Leser wohl an einigen Stellen der Thematik kaum folgen werden können. Zum Verständnis der Handlung ist das aber auch nicht unbedingt nötig.
  Die Stärke des Romans ist der, oft durch skurrile Überzeichnungen entstehende Humor. Stephenson kann selbst bei makaberen Szenen eine Ironie entwickeln, die dabei aber kaum jemals ins Lächerliche abgleitet. Diese Überzeichnung trifft auch für manche Figuren zu, was möglicherweise nicht jeden Geschmack in Bezug auf Realismus trifft. Bei seinem Stil erinnert Stephenson etwas an andere bekannte amerikanische Autoren, wie John Irving oder T. C. Boyle.
  Schwächen des Romans sind der sich lange nicht auf ein Ziel richtende Haupthandlungsstrang, bei den zahllosen Episoden bleibt er etwas auf der Strecke, und der nicht wirklich überzeugende Schluss.

Von Till Westermayer am 05.02.2000

  Stephensons "Cryptonomicon" kommt mit einer ganzen Menge an Erwartungen daher. Stephenson ist mit "Snow Crash" und "The Diamond Age" als dem Cyberpunk nahestehender SF-Autor bekannt geworden. Im Titel des Werkes schwingen Kryptographie und andere Geheimnisse mit, und schwarz und auch als Taschenbuch an Seiten umfangreich scheint das Cryptonomicon selbst ein geheimnisvolles und spannendes Buch zu sein. Leider werden die meisten dieser Erwartungen enttäuscht.
  Das Cryptonomicon ist keine SF, sondern könnte vielleicht am ehesten noch als Thriller durchgehen. In seinen SF-Werken kamen ab und zu unrealistische Übertreibungen vor - da haben sie auch hingepasst. Im Cryptonomicon wirkt es seltsam fehl am Platz, wenn Leute trotz unglaublichster Gefährdungen einfach nicht sterben wollen, wenn Helden des 2. Weltkriegs eigenhändig ganze Legion umbringen, obwohl sie seit Tagen nichts mehr gegessen haben und von Fieber, Malaria und dem tropischen Dschungel bis aufs äußerste geschwächt sind. Cryptonomicon spielt realistischer Roman, aber kann dies nicht durchhalten.
  Aber auch in der Figurenzeichnung ergeben sich Brüche, und die Handlungsfäden scheinen nicht so ganz zusammenlaufen zu wollen. Das Buch zentriert sich um ein halbes Dutzend männlicher Hauptpersonen (Amy, die einzige Frau, die im Buch eine Rolle spielt, ist nur dazu da, um Randy die große widerspenstige Liebe zu geben, die er sich wünscht), die zur Hälfte Kriegshelden und Kryptographen während des zweiten Weltkriegs sind (auf unterschiedlichen Seiten), und zur anderen Hälfte deren Nachkommen und Enkel, die sich als millionenschwere Nerds durch die Gegend schlagen.
  Für meinen Geschmack ist die WW2-Ebene des Buches viel zu ausführlich; den Zweck, einerseits Hintergrund in die Geschichten von Randy und den anderen 90er-Computeryuppies zu bringen, und andererseits eine kryptographische Geheimgesellschaft mit viel Gold zu etablieren, hätte auch sehr viel weniger Text gut erfüllt. Aber vielleicht gibt es ja Leute, die patriotische Heldentaten gerne lesen.
  Nett ist das Buch dann, wenn es mathematische und kryptographische Spielereien vornimmt, wenn Perl-Skripts oder Beweise vorkommen oder die Nachfahren des Kryptographen Waterhouse eine Erbschaft per Koordinatenkreuz im verschneiten Parkdeck (ökonomischer und emotionaller Wert) bewerten und mit Hilfe eines Großrechners zu einer gerechten Aufteilung kommen. Aber es kommt einem doch stark so vor, als sei all das mathematische, kryptographische und informatische nur Accessoire für eine eher schwache Aktionsstory. Das ganze ist, zumindest in der 90er-Jahre- Schicht - nett erzählt, aber mehr auch nicht. Und in den Teilen des Cryptonomicons, die im 2. Weltkrieg und danach spielen, sind die Figuren zwar lebensnah erfasst - aber genau deswegen auch schrecklich zu lesen. Wer will schon wissen, was einsame Krieger über Selbstbefriedigung und fehlende Frauen denken?
  Abgeschmeckt ist das ganze mit einer ziemlich großen Prise amerikanischer family values und anderer Tugend, die die postmoderne Exfreundin Randy nicht geben konnte, die er dann aber mit der Shaftoe-Familie ebenso wie den großen Goldschatz im Showdown doch noch bekommt.
  Ein Buch für Firmen gründende Nerds, die genial und gesellschaftsunfähig sind, und hinter deren Fassade von zeitgemäßer Computerei schnell ganz alte Ideologien durchschimmern.

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