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Rafik Schami
Die dunkle Seite der Liebe

Hanser
2004
896 Seiten
€ 24,90 [D]


Von Alfred Ohswald am 30.10.2004

  »Die dunkle Seite der Liebe« ist die Geschichte von Farid und Rana, die sich ineinander verlieben und dann feststellen müssen, dass ihre Familien seit Generationen verfeindet sind. Die Muschtaks und Schahins stammen aus einem überwiegend von Christen bewohnten Dorf in den Bergen Syriens. Allerdings gehört jeweils eine der Sippen dem orthodoxen und die andere dem katholischen Glauben an. Darum teilen sich die Bewohner des Dorfes weitgehend in Anhänger der einen oder anderen Sippe.
  Die Geschichte dieser Feindschaft beginnt mit dem Auftauchen von Georg Muschtak, dem Großvater von Farid, in dem Dorf um die Jahrhundertwende. Schnell kommt er zu Reichtum und Ansehen und ebenso schnell entsteht eine Rivalität zum erfolgreichen Pferdezüchter Jusuf Schahin, den Großvater von Rana. Kleine Bosheiten steigern sich bald bis zu Brandstiftung und Mord und aus Rivalität wird tödlicher Hass. Viele dieser Schläge gegen den jeweiligen Gegner haben in ihrer Absurdität etwas von der Komik von Jungenstreichen, ihre Auswirkungen sind aber fast immer tragisch.
  Elias, Farids Vater, hat ein sehr problematisches Verhältnis zu seinem Vater und hat sich mit seiner klugen Frau Claire schließlich in Damaskus eine Existenz aufgebaut. Farid verbringt eine glückliche Kindheit, bis ihm sein Vater zur Ausbildung in ein Kloster schickt. Der strengen, von Hass zerfressenen Atmosphäre dort kann er dann erst mit Hilfe seiner Mutter entkommen, als seine Gesundheit ernsthaft bedroht ist. Als er dann Rana kennenlernt, kann er wieder nur auf das Verständnis seiner Mutter zählen, sein Vater und Ranas Eltern können den alten Hass ihrer Sippen gegeneinander nicht ablegen. Ein gemeinsamer Fluchtversuch endet dann auch im Desaster. Aber beiden steht im Leben noch schlimmeres bevor.
 
  Rafik Schamis Roman ist mehr eine Familiensaga als »nur« ein Liebesroman. Stilistisch hat er die Form von, weitgehend jeweils in sich abgeschlossenen, Kapiteln gewählt, aus denen sich die Handlung wie bei den einzelnen Reihen eines orientalischen Teppichs zusammensetzt. Neben der fortlaufenden Handlung sind dabei auch zahlreiche Episoden eingebaut, die zum Teil auch schon an anderer Stelle veröffentlicht wurden. Dadurch verstärkt sich der offensichtlich gewünschte Effekt eines genüsslich schwadronierenden Erzählers, der seine Geschichte einer gespannten Zuhörerrunde in gemütlicher Atmosphäre, in einem Kaffeehaus oder vor dem häuslichen Kamin, zu Gehör bringt. Der auch gerne immer wieder in kleine Nebenepisoden abschweift, um dann den Faden seiner Geschichte wieder aufzunehmen. Eine, wie es scheint, gerade für den Orient recht typische Form des Erzählens. Der Vergleich mit dem Klassiker »1001 Nacht« drängt sich geradezu auf.
  Der tiefe Einblick in die Gesellschaft des Orients zeigt, dass sie weit weniger vom Islam, als von seinen noch älteren Wurzeln geprägt ist. Die Sippe und der Clan spielen eine viel bedeutendere Rolle und prägen das alltägliche Leben viel stärker. Ein Ausbruch aus diesem Korsett endet für das Individuum fast immer dramatisch, wer sich nicht fügt, zerbricht daran. Die geringsten Chancen, diesem gesellschaftlichen Korsett zu entkommen, haben die Frauen.
  Die europäischen Vorstellungen von einem streng reglementierten Sexualleben stimmen allerdings auch keineswegs, es menschelt doch auch gewaltig und die Triebe brechen so oder so durch.
  Kaum wo kann man eine uns doch recht fremde Gesellschaft auf so unterhaltsame und kurzweilige Weise kennenlernen. Ein herrlicher Roman, der vom Humor bis Tragik das ganze Leben der arabischen Welt, uns so fremd und doch gleichzeitig auch wieder vertraut in seinen nur allzu menschlichen Irrungen und Wirrungen, wiederspiegelt.

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