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Dr. Robert Sedlaczek
Das österreichische Deutsch

Ueberreuter
2004
496 Seiten
€ 34,95 sFr 60,40


Von Christel Schweitzer am 27.09.2004

  Das illustrierte Handbuch von Dr. Robert Sedlaczek „Das österreichische Deutsch“, erschienen im Verlag Ueberreuter, zeigt die Unterschiede und Eigenheiten des österreichischen zum deutschen Deutsch auf, in der Hoffnung einen vorurteilsloseren und großmütigeren Umgang mit der österr. Standardsprache zu erzielen.
  Es hat sich in Österreich, seit dem Zerfall des Habsburgerreiches, ein erkennbarer Minderwertigkeitskomplex entwickelt, wenn es um die österr. „Ausformung“ des Deutschen geht. Ein Identifikationsproblem, mit dem die Schweizer nie konfrontiert waren, es auch nie kannten, da das „Schwitzerdytsch“ von den deutschsprachigen Nachbarn immer, als eigenständig betrachtet und akzeptiert wurde. Nicht so, das österr. Deutsch: „manchmal neigen wir in Österreich dazu, den Ausdruck des österr. Deutsch als mundartnah zu empfinden und den parallelen Ausdruck des deutschen Deutsch als hochsprachlich, auch wenn das gar nicht stimmt.“ Das deutsche Deutsch, so glauben viele Österreicher klänge „feiner“?!
  Sprache stiftet Identität und es ist nunmal eine historische Tatsache, daß die Geschichte Österreichs nur eher selten, meist im Falle von Kriegen, mit der unseres deutschen Nachbarn eng verwoben war.
  Die gemeinsame Sprache ist es, die uns zu trennen scheint, mit Ausnahme des bayrischen Sprachraums (ohne dem Schwäbischen und dem Fränkischen). Denn seit ca. 1930 faßt man wissenschaftlich, aber auch gefühlsmäßig, das österr. Deutsch mit der bayrischen Mundart zusammen. Leider wurde hierbei das österr. Idiom mit der bayrischen Mundart „über einen Kamm geschoren“ und dadurch ebenfalls und fälschlich, zur Mundart stilisiert. So nimmt es nicht Wunder, daß wir mit den Ausdrücken Norddeutschlands, oder denen des Gebietes der ehemaligen DDR, recht wenig anzufangen wissen.
  Trotzdem, die Österreicher beherrschen sicherlich mehr deutsche Ausdrücke, aufgrund des Überangebotes an deutschen Fernsehkanäle, der von Berlin synchronisierten internationalen TV-Filme und Kinofilme, und des Tourismus, als vice versa. Hinzu kommt, daß die meisten Deutschen ja ihre Sprache, als die „perfektere“ ansehen und gar nicht einsehen, warum sie denn einen österreichischen „Dialektausdruck“ lernen sollten...-
  Sprache stiftet Identität und spiegelt die Mentalität der Sprechenden wieder: auch hier ist der Unterschied nicht schwer zu übersehen!
  Neben vielen Sachbücher über Regional- und Dialektsprachen, die sich in letzter Zeit einer steigenden Beliebtheit erfreuen, will sich dieses Werk nun der „Hoch- und Standardsprache“ des Deutschen widmen, sich wie eine Art Bogen über die Regionalsprachen und Mundarten spannen. Dabei soll das Verständnis für sprachliche Entwicklungen geschärft werden, denn diese sind kein Naturgesetz, sondern von Menschen gemacht. Ist es nicht ein positives Signal für eine lebende, einer multkulturellen Einflüssen ausgesetzten Sprache – welch kümmerlichen Stand nimmt hier leider das Deutsche neben dem Englischen ein - daß sie sich laufend verändert, daß sie die Lebensstile und -anschauungen der Benützer wiedergibt?!
 
  Genießen Sie diesen „Nachttisch – Nachtkasterl – Schmöker – Wälzer“, blättern Sie herum und staunen Sie, ob der Hintergründe für den Unterschied der österr. zu der deutschen Grammatik, schmunzeln Sie, wenn Sie diverse Anekdoten lesen, die Dr. Robert Sedlaczek in mühevoller Kleinstarbeit zusammengetragen und zusammengefaßt hat. Und...-sehen Sie, werter österr. Leser, der ich selbst einer bin und hier auch sicher im Sinne des Autors spreche, bitte mit Selbstbewußtsein von einem aufkeimenden „Mir-san-mir Patriotismus“ ab. Wir können auf unsere Sprache stolz sein, keine Frage, denn genug Literaten, Wissenschaftler und Künstler haben ihre Ideen mittels des österr. Idioms verewigt. Dies ist aber kein Grund für Grabenkämpfe mit unserem deutschen Nachbarn, oder??!
 
  Kleiner Auszug, um den Unterschied österreichisch-deutscher Begriffe zu dokumentieren:
 
  „Sessel – Stuhl, schiach – häßlich, Sache – Ding“ etc.
 
  Kleiner Auszug, um den Unterschied österreichisch-deutscher Grammatik zu veranschaulichen:
 
  Ich „habe“ gestern Tim „getroffen“ und „habe“ ihn gleich vor unserem Treffen telefonisch „informiert gehabt“, daß ich seine Meinung nicht „teile“.
  Ich „traf“ gestern Tim und „hatte“ ihn gleich vor unserem Treffen telefonisch informiert, daß ich seine Meinung nicht „teilte“.

Von Alemanno Partenopeo am 27.10.2005

  Karl Kraus' geflügeltes Wort, dass sich die Österreicher durch die gemeinsame Sprache von den Deutschen unterscheiden, wird hier auf gut 500 Seiten Beweis geführt. Robert Sedlaczek war nach seinem Germanistikstudium Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlages und ist seither durch eine Vielzahl Österreich-spezifischer Bücher aufgefallen.
  Vorliegendes Buch stellt den erstmaligen Versuch dar, einen hochsprachlichen, umgangssprachlichen oder mundartlichen Begriff des österreichischen Deutsch einen solchen des deutschen Deutsch und zeigt auch die historischen Wurzeln, die oft bis ins Mittelalter zurückreichen. Oft wird das österreichische Deutsch als mehr mundartnah empfunden und der entsprechende Ausdruck im deutschen Deutsch als hochsprachlich. Aber was ist bitte mehr deutsch, Klappe oder Durchwahl? Wer also in endlosen Streitereien mit seiner Lebensgefährtin doch noch rechtbehalten will, der konsultiere Sedlaczeks neuestes Nachschlagewerk. Sicherlich lassen sich mit diesem Buch nicht nur Ehekonflikte friedlich bereinigen, sondern auch bei Besuchen im benachbarten Ausland eine friedlichere Übereinkunft über Preise erzielen. Ergänzt wird das Lexikon durch eine Einführung und einige Schlussbemerkungen, die die wichtigsten Unterschiede zwischen dem österreichischen und dem deutschen Deutsch zusammenfassen. Wer hätte etwa gewusst, dass Wolf Haas, unser allseits geliebter Krimiautor, entgegen landesüblicher Usancen das Perfekt als Erzählweise benutzt. Sedlaczek weist darauf hin, aber findet auch noch eine ganze Menge anderer Unterschiede.
  Es gilt also auch weiterhin, keine falsche Scham zu empfinden, wenn man das österreichische Deutsch verwendet. Als polyzentrische Sprache tut es nur gut, selbstbewusst darauf hinzuweisen, dass eben gerade darin die Stärke der deutschen Sprache besteht. Gegen etwaige Eingemeindungsversuche nach dem Motto alle die Deutsch sprechen sind Deutsche, kann man so wunderbar entgegentreten. Die Engländer sind ja auch keine Amerikaner, obwohl sie dieselbe Sprache sprechen, oder? Eingangs erwähntes Zitat wird übrigens fälschlicherweise Karl Kraus zugerechnet. In Wirklichkeit hat es Karl Farkas in den 50iger Jahren von George Bernhard Shaw geklaut: England and America are two countries divided by a common language.

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