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Platon
Apologie, Kriton, Phaidon
mit einer Einführung und Literaturhinweisen von Thomas Alexander Szlezák

Artemis&Winkler
2004
Übersetzt von Rudolf Rufener
228 Seiten
€ 19,90


Von Richard Niedermeier am 21.09.2004

  Platons Darstellung vom Tod des Sokrates, niedergeschrieben in den Schriften der „Apologie“, dem „Kriton“ und dem „Phaidon“, gehört zum Bildungsgut unserer Kultur. Das allein schon rechtfertigt in Zeiten abnehmender altsprachlicher Kompetenzen das Unterfangen von zeitgemäßen deutschen Übersetzungen. Deshalb ist auch eine neue, bei Artemis&Winkler in der Reihe „Bibliothek der Alten Welt“ erschienene deutsche Ausgabe von „Apologie“, „Kriton“ und „Phaidon“ grundsätzlich zu begrüßen, zumal sie im Vergleich zur schon klassischen Schleiermacher-Übersetzung den griechischen Text in einem zeitgemäßen und ansprechenden Deutsch – Rudolf Rufener zeichnet dafür verantwortlich - präsentiert. Da wird z.B aus einem „gewaltig im Reden“ (Schleiermacher) das viel schlichtere eines „höchst überzeugenden Redners“ (Rufener; vgl. Apol. 17a). Freilich mag man diese Zurücknahme von Pathos auch bedauern, wenn man etwa an die Praxis antiker Rhetorik denkt, die mit einer großen Bandbreite von Stilmitteln zu arbeiten wußte und eine den Hörer nahezu erschütternde Kraft der Rede zu entfalten vermochte, dabei auch noch feinste Nuancen der Sprache bewahrend. Reicht also die bessere Lesbarkeit hin, um die Abkehr von Schleiermachers mimetischer Übersetzungstechnik mit ihrer größtmöglichen Treue zum Originaltext zu begründen?
  Doch Rufner hat mit seiner Art des Übersetzens weit mehr im Sinn als nur ein Entgegenkommen gegenüber dem modernen Leser, der lange Satzperioden zumeist nicht mehr gewohnt ist und dem der nüchterne Gebrauchstext mehr liegt, als eine fein ziselierte Wortkunst. Rufner zielt auf Aktualität. Um dies nachzuvollziehen und in seiner ganzen Tragweite zu begreifen, tut man gut daran, Schleiermacher und auch den griechischen Urtext einmal beiseite zu legen, um sich ganz dem Fluß der neuen Übersetzung auszuliefern. Dabei wird man feststellen, wie modern diese drei Werke Platons eigentlich sind. Die Reden des Sokrates in der Apologie, seine Dialoge im Kriton und Phaidon rücken uns mit einemmal auf den Leib, und auch wenn der Leser sich ihrer antiken Herkunft bewußt bleibt, so durchbrechen sie doch immer wieder ihre Zeitbindung und stellen ihr noch heute Gültiges heraus. Dabei tritt Sokrates aus dem Schatten seiner eigenen, ihm von Platon verliehenen Wortgewalt, so daß sich uns um so mehr die ganze Festigkeit und Größe seiner Person zeigt, die auch unter der Todesdrohung nicht bereit ist, von ihren Grundüberzeugungen abzurücken.
  Diese innere Kraft und Selbständigkeit als Frucht der Philosophie arbeitet auch die Einführung von Alexander Szlezák heraus. Sie gibt gerade dem Laien zahlreiche nützliche Erläuterungen zu Leben und Werk Platons, zum zeitgeschichtlichen Hintergrund von Sokrates’ Wirken, zu seinem Prozeß und seinem Konflikt mit der Bürgerschaft Athens. Auch legt sie mit einfachen Worten das Problem der ungeschriebenen Lehre Platons dar und entscheidet sich recht vernünftig dafür, auf der einen Seite nicht die Dialoge als bloß exoterische Lehre abzuwerten, andererseits aber doch eine Entfaltung der höchsten Prinzipien allein der esoterischen, nur mündlich von Platon vorgetragenen Lehre vorzubehalten. Philosophie ist eben letztlich ein dynamischer Vollzug, ein Transzendieren, hinter dem jede schriftliche Fixierung zurückbleiben muß.
  So erscheint gerade in der Art, wie Sokrates/Platon Philosophie betreibt, ein bleibender und damit stets aktueller Kern auf, ein Moment des Unbedingten, das sich weder gängigen Meinungen noch noch dem Druck der Masse beugt; mehr noch, das auch den eigenen Neigungen widersteht und ganz und gar nur der Wahrheit sich verpflichtet weiß.
  Kein Zweifel, es ist wichtig, Platon gerade heute zu lesen, auch wenn etwa seine Lehre vom idealen Staat schon längst in ihrer ganzen Fragwürdigkeit erkannt wurde. Die vorliegende Ausgabe dieser drei Basisschriften wird sicherlich dazu beitragen, Platon neue Leser zu gewinnen.

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