Walter van Rossum Meine Sonntage mit „Sabine Christiansen“ Wie das Palaver uns regiert
Kiepenheuer & Witsch 2004 185 Seiten ISBN: 3462033948 € 8,90
Von Frank Hertel am 09.09.2004 Die mediale Öffentlichkeit Deutschlands ist längst zweigespalten. In den Talkshows am Mittag dürfen die einfachen Leute ihre kleinen Probleme besprechen und am Abend sind die großen Leute dran und äußern sich hochqualifiziert zu den großen Problemen. Der fünfzigjährige Romanist Walter van Rossum hat sich eine Abendsendung mit ganz großen Teilnehmern vorgeknüpft: Sabine Christiansen. Er hat sich einer wahren Marter unterzogen und mehrere Monate lang diese Sendung ganz genau angesehen. Allein dafür verdient er einen Preis. Er liefert in seinem Buch viele wörtliche Zitate der dort sprechenden Menschen. Es ist unglaublich wie wirr sich die wörtliche Rede der deutschen Elite ausnimmt, wenn man sie feinsäuberlich abdruckt. Eins ist jedoch sonnenklar: die message. Den armen Deutschen geht es zu gut und den reichen Deutschen zu schlecht. Diese monotone Melodie berieselt seit einigen Jahren das ganze Land. Die Deutschen müssen für viel weniger Geld viel mehr arbeiten, nur dann können wir Wachstum und Beschäftigung erzielen. Wachstum und Beschäftigung – von den Mitgliedern der Reformkaste werden diese beiden Begriffe immer in einem Atemzug genannt, obwohl sie nicht zusammengehören. Unter dem Stichwort „jobless growth“ beschreibt die Soziologie schon seit Jahrzehnten den Zusammenhang, den van Rossum allerdings zuspitzt, indem er behauptet Wachstum schaffe nicht nur keine Arbeitsplätze, sondern vernichte sie sogar. Die deutsche Wirtschaft ist in den letzten 10 Jahren um 15% gewachsen, gleichzeitig gibt es heute, laut dem CDU-Finanzexperten Friedrich Merz, sieben Millionen Arbeitslose. Van Rossum stellt in diesem eminent kritischen Buch eine weitere Behauptung auf. Es gäbe so etwas wie ein Meinungskartell, dessen leuchtendste Spitze die beschriebene Sendung sei. Nach dem Motto fünf Stühle – eine Meinung seien die Kontroversen zwischen den Rednern nur vorgetäuscht. Und wenn wirklich einmal jemand die Eintracht stört, greift die Moderatorin beherzt ein, um abzulenken. Der vor jeder Sendung gezeigte Einführungsfilm heuchle nur eine kritische Distanz, die es in Wirklichkeit aber gar nicht gäbe. Van Rossum nährt den Verdacht, dass die da oben alle unter einer Decke stecken, alles ein abgekartetes Spiel wäre und diese Truppe sich gegen das einfache Volk verschworen hätte. Das Schlusskapitel erhärtet seine Argumente, denn darin geht es unter anderem um die Machenschaften der Firma WMP. Wirtschaft, Medien, Politik – dafür stehen die drei Buchstaben. Dieses mutige Buch passt in unsere Zeit wie die Faust aufs Auge.
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