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Panos Karnezis
Kleine Gemeinheiten
(Little Infamies, 2002)

dtv
2004
Übersetzt von Sky Nonhoff
278 Seiten
€ 16,00 [D], 16,50 [A]


Von Sandra Bittmann am 06.09.2004

  „Verdammt!“ brachte er hervor. „Der Jüngste Tag ist gekommen!“ (S.9).
  Dies bemerkt Pater Gerasimo in Bezug auf das Erdbeben, das das kleine, fast vergessene, griechische Dorf erschüttert. Fest davon überzeugt, dass die Sünden der ihm anvertrauten „Schäfchen“ dieses göttliche Zeichen provoziert haben, macht er sich zunächst auf die Suche nach jenem Dorfbewohner, der ihn hinters Licht führte indem er zuließ, dass für einen Sarg gefüllt mit Steinen – den das Erdbeben nun wieder zu Tage fördert – eine Totenmesse gelesen wurde…
  Derart beginnt die erste der insgesamt 19 Geschichten, die die kleinen oder größeren Sünden – oder vielmehr Schwächen – der Einwohner zum Thema haben: Etwa jene von Nektarios, der noch in reifen Jahren seinen Kindheitstraum Dompteur zu werden zu erfüllen sucht, jene der Heilung des Lahmen durch den orthodoxen Bischof und jene des Landbesitzers Isidoro, der ein berühmtes aber für ihn unnutzes Rennpferd erbt.
  Viele der Protagonisten dieser Episoden trifft der Leser im Zuge anderer Geschichten wieder an, sodass eine – wenngleich oftmals nur angedeutete – Beziehung zwischen den Dorfbewohnern hergestellt wird. Pater Gerasimo ist jene Figur, die aufgrund ihres häufigen Auftretens im Laufe des Buches wohl am Besten charakterisiert wird. Dieser Diener Gottes, der dazu neigt, die Sünde im Verhalten anderer zu sehen, sein (oft ebenso verwerfliches) Handeln allerdings von diesen hohen moralischen Maßstäben auszunehmen scheint, tritt uns des öfteren in der Rolle des „Rächers“ und „Aufdeckers“ entgegen. Gerasimo ist zwar ein Mann der Kirche, doch ebenso ist er ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, was für manche vergnügliche Episode herhält.
  Am Ende des Buches steht die Vernichtung des Dorfes, allerdings nicht – wie der Pater gefürchtet hat – durch göttliche Hand. Die Katastrophe eint die Bewohner, zwischen denen nur allzu oft Zwist geherrscht hat. Auch wenn es hierfür etwas spät erscheint…
 
  Die verschiedenen Episoden aus Panos Karnezis´ Buch mögen unterschiedlich glaubhaft und amüsant erscheinen. Dass einige der Geschichten offen enden, lässt dem Leser zwar einerseits großen gedanklichen Spielraum, kann aber andererseits den Eindruck von Unvollständigkeit entstehen lassen.
  „Kleine Gemeinheiten“ bietet aber durch die Vielfalt der erzählten Episoden für jeden Geschmack etwas: Humorvolles, Dramatisches, Abenteuerliches und (in eingeschränktem Maße) auch Spannendes. Die Frage, welche Geschichten das Potential besitzen besonders zu fesseln und zu begeistern, erscheint demnach nur individuell beantwortbar. Als hervorstechend empfand ich persönlich jene Episoden, die in besonderem Maße griechischen Geist atmen und denen die typische Ironie und Weltbetrachtung dieses Volkes zugrunde liegen: In „Ausflug mit Pegasus“ und „Jeremiade“ ist es dem Autor etwa gelungen auf nur wenigen Seiten die Sorgen und Eigenarten der griechischen Dorfbevölkerung autent und meisterhaft wiederzugeben. Der in ihnen enthaltene Witz, der mir persönlich allerdings in einigen der darauffolgenden Erzählungen fehlt, macht sie zu einem ganz besonderen Leseerlebnis.
  Die Vielfalt, die dieses Buch zweifelsfrei bietet, gestaltet eine Werkkritik äußerst schwierig. Allein die Lektüre dieser „kleinen (oder sind es etwa doch große?) Gemeinheiten“ erlaubt es ein persönliches Urteil über diese Sammlung von Geschichten zu fällen.

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